Straßen

Kurze Wege oder endlose Alleen
Ist es nicht seltsam, wie oft einem erst im nachhinein
Glück bewusst wird, dann wenn es schon gar nicht mehr
da ist? Jetzt, da wo ihre Gedanken zurückgingen, zu den
Momenten, die nicht mehr waren, konnte sie sagen, dass
es schön war und es nichts zu bereuen gab.
Wie so oft in der letzten Zeit .el ihr das Einschlafen mehr als
schwer. Unruhe, die sich im Inneren aufbaute, versuchte stets einen
Weg nach außen zu finden und verlangte nach etwas Greifbarem
und Sinnbehaftetem.
Nur an ihren bleiern schweren Lidern spürte sie die Müdigkeit
als Konsequenz aus durchwachten Stunden und dennoch wollte
sie wach die Straßen abgehen, auf denen sie Nacht für Nacht mal
schneller mal im Schritttempo fuhr.
Es waren zum Teil endlose Straßen. Straßen auf denen sie sich
selbst zur Protagonistin ihrer eigenen Gedanken machte, um von
außen die Fäden zu ziehen und die Schritte zu lenken
Manchmal saß sie selbst hinterm Steuer und konnte so zumindest
das Tempo mitbestimmen in der Hoffnung das vorbestimmte Ziel
auf der angesagten Fahrtroute zu finden.
Am liebsten fuhr sie auf diesen breiten dreispurigen Autobahnen,
ohne Tempolimit, mal im rasanten Tempo auf der linken oder langsamer
auf der rechten Spur, aber immer den entgegenkommenden
Fahrtwind im Gesicht spürend.
Es waren die besten Fahrten, dann wenn sie kein Drängeln im
Rückspiegel sah und von vorne keine Bremslichter ihre Fahrt
stoppten.
Hier konnte sie spüren, was Castaneda von der Freiheit verstand,
als er schrieb: „Freiheit ist ein Abenteuer ohne Ende, bei dem wir
unser Leben – und noch viel mehr – riskieren, für kurze Augenblicke
von etwas, das alle Worte, Gedanken und Gefühle übersteigt.
Nach Freiheit zu streben, das ist die einzige Triebkraft, die ich
kenne. Freiheit, in die Unendlichkeit dort draußen davon zu fliegen;
Freiheit, sich aufzulösen und abzuheben; wie eine Kerzenflamme
zu sein, die, obwohl sie dem Licht von Millionen Sternen gegenübersteht,
doch intakt bleibt, weil sie niemals beansprucht, mehr zu
sein als sie ist: eine Kerze.“
Diese Straßen erschienen zuweilen kurvenreich in ihrer Endlosigkeit
und dennoch gab es immer wieder ein Ziel, was es galt zu
erreichen, nicht immer selbst vorgegeben aber dennoch bewusst
angestrebt im Visier, mit fremdangelegten Grenzen, die wie rotumrandete
Verkehrsschilder ihre Fahrtroute umzäunten.
Ungern fuhr sie Straßen inmitten vom Berufsverkehr, oder auf
engen Wegen oder gar Einbahnstraßen, die am Ende zur Sackgasse
ausliefen.
Zu stark wurden dort die Einflüsse von außen, die ihr manches mal
sogar das Lenken schwer machten oder ganz das Steuer aus der
Hand rissen.
Auch wenn sie sich gerne durch manche Straße vertrauensvoll führen
ließ, gab es da so etwas wie eine Angst, sich selbst im Straßenwirrwarr
zu verlieren oder alleingelassen keinen Ausweg aus einer
Sackgasse zu finden.
Irgendwann auf einer dieser Straße saß er neben ihr. Den Blick
stets geradeaus gerichtet, mit den markanten Gesichtszügen, die
für sie stets Zeugen von Klugheit und Lebenserfahrung waren.
Ihm überließ sie das Steuer an seiner Seite fühlte sie sich sicher.
Nur sie allein wusste, warum seine Anwesenheit so unterschiedliche
Gefühlsregungen in ihr auslöste. Da waren diese Glücksmo-
mente, kostbar jeder einzelne, aber dann auch mit all dem Wissen
die Tristesse in aller Tiefe um von dort keine verräterischen Spuren
nach außen dringen zu lassen.
Sie hatten beide verschiedene Wege genommen, die sie im unterschiedlichen
Tempo befuhren und dennoch jetzt hier nebeneinander
zu sitzen um den Fahrtwind zu genießen.
Es war eine breite offene Straße auf der er die Richtung bestimmt
und sie bereit war zu folgen ohne Fragen zu stellen.
Es war eine Fahrt in unbekanntes Terrain, auf die sie sich mit festem
Willen einließ, weil sie wusste, dass es nie etwas zu bereuen
geben würde, woher auch immer.
Nur hin und wieder überkam sie das Gefühl, dass egal welche
Fahrbahn sie auch wählte, die Spur nicht ausreichte und die Leitplanke
bei schneller Fahrt immer näher kam.
Saß er eigentlich wirklich neben ihr? Zweifel können zuweilen
nagen.
Vor allem so weit weg wie alles erschien, dort wo sie noch nie war
und niemals hinkommen würde.
Und sogar dahin wäre sie ihm gefolgt mit Vollgas und ohne Angst
vor dem Risiko. Nur sagen konnte sie es ihm nicht, genauso wie
sie ihre geheimen Träume der durchwachten Nächte stets für sich
behielt.
Uns so tauschte sie aufgrund der Unmöglichkeit die Zweifel gegen
Traurigkeit mit der Gewißheit der Unabänderlichkeit oder gerade
wegen dieser.
Aber sie beobachtete ihn während dieser Fahrt um sich heimlich
jeden Millimeter seiner Gesichtszüge einzuprägen um nichts im
Danach zu vergessen.
Trotzdem war es ihm bewusst, es musste so sein, denn er war es,
der die Handbremse zog, den Kopf doch immer wieder abwendend.
Da war kein Platz für Sentimentalitäten, denn auf dieser Fahrt gab
es nur einen der am Steuer saß, während sie sich sicherfühlend still
daneben saß.
Am Ende der Fahrt ging bereits die Sonne auf.
Stimmungsmäßig unterstrich sie die Frage, nach dem was Verlieren
eigentlich immer so romantisch macht und den Verlust so
endlos schal.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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