StimmungsBilder

Damals wie heute
Verarge mir es nicht, Melancholie,
Daß ich die Feder, dich zu preisen, spitze
Und, preisend dich, den Kopf gebeugt zum Knie,
Einsiedlerisch auf einem Baumstumpf sitze.
So sahst du oft mich, gestern noch zumal,
In heißer Sonne morgendlichem Strahle:
Begehrlich schrie der Geier in das Tal,
Er träumt´vom toten Aas auf totem Pfahle…..
(Friedrich Nietzsche)

Wir waren immer Fünf. Fünf Freunde, für die es galt das Wort Freundschaft zu leben und sich immer wieder aufs Neue zu beweisen, dass Liebe auch Freundschaft und Freundschaft auch Liebe bedeutet.
Auch wenn wir längst sehr unterschiedliche Wege gegangen sind, existierte die Verbundenheit über alle Wegstrecken hinweg weiter, und selbst die Zeit schaffte es nicht, dieses Band zu zerschneiden.
Auch wenn keiner von uns sagen konnte, wer von den anderen näher stand, war es bei Tom und mir das Besondere, was uns verband.
Es war eine Art von Magie, die uns auch auf die Distanz hin spüren ließ, was der Andere fühlte.
Niemand verstand es besser als Tom, meine Stimmungen aus der Ferne heraus zu spüren und auch zu interpretieren., ohne dass auch nur ein Laut über meine Lippen kam.
Tom wusste es einfach und tat dann auch immer intuitiv das Richtige, nicht zerrend, sondern begleitend.
Auch uns beiden erschien es manches mal mehr als verwunderlich, denn Tom und ich entsprachen eher der Gegensätzlichkeit von Feuer und Eis.
Tom besaß vor allem die Stärke, die mich zu ihm aufschauen ließ, ohne dass er auf mich herabblickte. Er ging stets einen sehr geraden Weg. Einen Weg, dessen Ziele in Toms Kopf entstanden und dort genauestens skizziert wurden, nicht aber auch auf den Bauch so manches mal zu hören. Tom zählte in meinen Augen zu den gefühlsbetonten Kopfmenschen, vielleicht war dies der Grund, warum er mich verstand.
Da wo mich die Impulsivität zum Rennen brachte, holte er mich mit Ruhe und Bedacht wieder ein um mir das Glas Wasser zu reichen, damit ich nicht ins Straucheln kam.
Zurückhalten wollte er mich nie, in seinen Augen war die Erfahrung der beste Lehrmeister und oft dankte ich es ihm mit der Einsicht.
Schon damals in dem kleinen Ort teilten Tom und ich die Liebe zur Literatur.
Stundenlang konnten wir uns über Heine, Shakespeare und Nietzsche philosophieren.
Es gefiel mir, wie er Coleridge und Poe interpretierte und mir Baudelaire nahe brachte.
Wenn Tom mir aus den Blumen des Bösen vorlas, lebte ich in dieser Zeit, spürte den Genuss des Leidens und die Liebe zur Melancholie ohne die Schwermut zu verteufeln.
Ich sah die Visionen im Gedicht „Kubla Khan vor mir und litt mit in „The Rime of the Ancient Mariner“.
Durch Tom konnte ich erkennen wie kontrovers manch einer unserer Lieblingsliteraten zu seiner Zeit war, weshalb ich ihnen noch näher kam.
Fasziniert las ich die Sonetts von Shakespeare und sah den Revoluzzer in ihm, der durch die Hinwendung zur Moderne die petrarkistische Tradition sprengte.
Kein anderer verstand es besser als er, die Natur, die Zeit, die Schönheit, die Liebe, und den Tod als personifizierte Wesen darzustellen.
Gemeinsam mit Tom tauchte ich in Welten ein, die in der abgründigsten Tiefe betrachtet noch dunkler und geheimnisvoller erschienen und damit nicht weniger faszinierend. Nicht nur das Schöne wurde verherrlicht, sondern auch Tod, Hass, Trauer und Melancholie mit ästhetischen Werten versehen.

Meine Liebe zu diesen Literaten ist geblieben ebenso wie das Band zwischen Tom und mir.
Oft denke ich an unsere Zeit, wo wir gemeinsam unten am Fluss saßen und in diese Welten eintauchten, die uns damals so immens weit weg erschienen und doch in aller Genialität so erstrebenswert.
Heute weiß Tom, dass wenn mich diese eigentümliche Melancholie packt, gerade wenn die Jahreszeit in ein viel dunkleres Schwarz eintaucht als gewöhnlich, dann zieh ich mir auch daraus etwas, was mich weiterbringt.
Genau wie zu seiner Zeit Nietzsche oder auch Baudelaire den Genuss am Leiden gespürt haben, würde mich auch heute eine derartige Stimmung nicht ertrinken lassen.

Tom ist seinen Weg gegangen. Heute schreibt er selbst, genauso wie er es schon damals in seinem Kopf skizziert hatte.
Ich mag seine Art zu schreiben. Es ist eine so bildhafte Sprache, die dem Leser viel Raum für eigene Interpretationen gibt. Vor allem aber lässt er einen in mystische Welten eintauchen mit untergründigsten Dunkelheiten.

Oft meldet er sich, wenn ihn irgendein Gefühl dazu treibt. Nur einfach um am Klang meiner Stimme zu hören, welches Stimmungsbild in meinem Innersten herrscht.
Längst hat er die Frau gefunden, mit der er sein Leben glücklich in Liebe teilt.
Und dennoch gibt es dieses untrennbare Band zwischen Tom und mir.
Nichts könnte uns daran hindern da zu sein, wenn wir spüren, dass der eine den anderen braucht.
Das ist unsere Welt der Magie.
 

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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