Klara

Leben lernen
Wenn sich die Wahrnehmung verändert, ist nichts mehr so wie es mal war, denn es verändert sich auch die Wirklichkeit.
Sie war immer schon ein Glückskind, getragen und beschützt von vielen Händen.
Alle waren um ihr Wohl besorgt, kein Wunsch blieb unerfüllt.
Klara, ein kleiner blonder Lockenkopf.
Ihre Kindheit verbrachte sie in dem großen Haus am Stadtrand, umzäunt von großen Mauern, die jeden Eindringling abhielten in unbefugtes Refugium Einlass zu suchen.
Von außen gab es den Anschein von kaltem Gemäuer aber innen war in jedem Winkel Wärme zu spüren.
Ihr blondes Haar trug sie immer offen und es fiel mit gekringelten Locken bis weit über die Schultern.
Der Vater war Oberstudienrat, ein angesehener Mann in der kleinen Stadt.
Ein gesetzter Mann mit Prinzipien, zwar sehr beschäftigt manchmal bis weit in die Nacht, aber seinen kleinen Engel fast abgöttisch liebend.
Selbst als sie schon lange dem Jugendalter entronnen war, hätte er am liebsten immer noch schützend seine Hand über sie gehalten und ihr jeden Wunsch erfüllt.
Die Vorstellung irgendjemand könnte seinem Liebling jemals wehtun, ließ ihn manche Nacht unruhig erleben.
Die Mutter war eher eine kühle und sehr distanziert wirkende Schönheit. Auch wenn sie noch so sehr wollte, ließ sie dennoch nur schwer jemanden an sich heran und manchmal fiel es schwer ihr wahres Ich zu erkennen.
Trotzdem war es eine heile Welt in der man aber nur sehr schwer lernt, wenn überhaupt, mit Problemen umzugehen.

Freunde hatte sie viele. Ihre beste Freundin war ein kleiner Wirbelwind, der so ganz anders war als sie, der aber dennoch stets sich vor sie stellte um ihr mögliche Steine aus dem Weg zu räumen.
Als damals einer dieser größeren Jungs über Klaras Zahnspange lachte bekam er ihre kleinen Fäuste zu spüren. Denn Klara durfte niemand verletzen und alleine wehren konnte sie sich auch nicht, weil es ihr immer fremd war.

Mit 19 begann Klara Kunst zu studieren, weit weg von zu Hause aber immer daheim durch ihre Bilder, in denen sie das wiedergab, was sie selbst verinnerlicht hatte.
Eine heile Welt in hellen leuchtenden Farben, die durch keine Disharmonie gestört wurde.
In ihrer Kunst konnte Klara frei leben und darin aufgehen
Ihre Bilder sprühten vor Energie und überschwängliche Formlust drang aus der Expressive heraus. In jedem einzelnen Werk konnte man ihre Überzeugung der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns spüren. Farben und Formen ließen jeden Betrachter eine archaische Bildsprache erkennen, in der es keine Trennung von Innen und Außen gab.

Irgendwann lernte Klara Tom kennen. Er saß neben ihr in der Vorlesung über Kunst der Moderne.
Er hatte sich wie sie der Kunst verschrieben, nur sehr viel realistischer und freidenkender, weil das Leben ihn so lehrte.
Er war geprägt von einem Elternhaus, in dem Geborgenheit nicht zählte und in dem es trotz stetiger Ofenfeuerung an Wärme fehlte, vielmehr die Fenster stets von Eis überzogen waren.
So groß auch die Unterschiede zwischen ihnen waren, Klara zog es zu ihm hin, wusste sie auch selbst nicht was diese Anziehung ausmachte.
Sie schaute zu ihm auf und ließ sich lenken und lehren was es hieß im wahren Leben bestehen zu können.
Manchmal fiel es ihr schwer mit ihm Schritt halten zu können, alles war mehr als fremd und dadurch auch schwer zu fassen.
Oftmals fühlte sie sich überfordert und vermochte nicht mit der Diskrepanz zu ihrem früheren Leben umzugehen, geschweige denn sich zwischen einem Richtig oder Falsch zu entscheiden.
Es wurde eine harte Schule für Klara, eine Zeit in der sie vielleicht auch erst richtig erwachsen wurde und das Kämpfen lernte.
Sie sah, dass Farben nicht nur hell leuchten, dass Schwarz und Grau auch Farben sind.
Sie lernte, dass sich nicht immer einer schützend vor sie stellen kann um Verletzungen zu verhindern und man sich blaue Flecken holen kann, die aber auch wieder vergehen.
Auch wenn sich Klara manches Mal in ihre heile kleine Welt dort in das große Haus am Stadtrand zurückwünschte, so behütet und beschützt von jedermann, begriff sie, dass dieser Lernprozess wichtig war und ist, um die Realität zu begreifen und darin bestehen zu können.
Heute sind ihre Bilder nicht mehr ausschließlich von Helligkeit und Unbedarftheit durchzogen.
Sie spiegeln das wieder, was sich an Treibgut der Wirklichkeit in ihren eigenen Schleusenkammern angesammelt hat und in ihr selbst zu neuen Ordnungen reift.
Mit und durch Tom hat sie viel gelernt, auch dass man zwar hin und wieder der Realität entfliehen kann, aus ihr heraus es aber niemals einen Ausweg gibt.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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