Fremd

Gehen lassen
Manchmal begegnet man Menschen, die einen dazu veranlassen in sich hineinzuhorchen und ins etwas ins Bewusstsein zu rufen, das man so vorher nicht gekannt oder lieber unterdrückt hat.
Sie fiel mir direkt auf in der kleinen Bar, die öfter mal ein Zufluchtsort nach stressigen Tagen für mich war.
Sie tanzte dort allein auf der kleinen Empore, vollkommen versunken und mit geschlossenen Augen. Ab und zu strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte.
Irgend jemand erzählte mir, sie würde regelmäßig kommen, ein Glas Wein trinken, und sich dann vollkommen der Musik hingeben, allein für sich und alles andere um sich herum vergessend.
Sie war sehr klein und eher von zierlicher Statue, trotzdem wehte von ihr der Wind der Stärke herüber. Ihr langes Haar trug sie offen und im Lichtpegel glänzend, konnte man vermuten, dass sie ihm besondere Pflege angedeihen ließ.
Ihre Haut war nicht so makellos aber es war gerade auf dieser ein längerer und nicht gerade ebener Lebensweg zu erkennen. Ein paar Fältchen hatten sich um Augen und Mund eingegraben, was aber ihrer Anziehungskraft keinen Abbruch tat.
Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als die letzten Töne verklungen waren und sie wie aus einer Trance erwachte.
Mit einem Lächeln schaute sie zu mir herüber. Ihr Blick hatte etwas Magisches, was mich gleichzeitig erschreckte und faszinierte.
Es schien so, als würde sie in etwas eindringen können, was für mich selbst heiliges Refugium ist, dessen Betreten ich noch nicht einmal mir selbst gestatte.
Unsicherheit erfasste mich und dennoch wusste ich, dass es nicht möglich war dem zu entfliehen.
“Ich wünsche dir, dass du irgendwann dir selbst Antworten auf deine Fragen geben kannst”
Ihre Stimme war sehr sanft und klang melodisch.
In der Hand hielt sie ein kleines Foto. Es war ein wenig zerknittert und ich wusste, dass sie es oft zur Hand nahm.
Es ist lange her, sprach sie ganz nah neben mir und doch schien sie ganz weit weg.
Ich hab ihn damals fortgeschickt. Sanft glitten bei ihren Worten ihre Finger über das Stück Papier.
Wir hatten so viele Träume, Ideale die uns vorschwebten und die es zu erreichen galt.
Gemeinsame Visionen spielten sich vor unseren Augen ab und gemeinsam fühlten wir uns stark sie zu Zielen werden zu lassen.
Und doch mit dem Blick in die Zukunft vergaßen wir auch oft die Gegenwart, oder vielmehr ich vergaß sie um ehrlich zu sein.
Ich hab mir oft darüber Gedanken gemacht, warum ich ihn fortgeschickt habe, oder ob es wirklich richtig war.
Auch in mir waren damals gewisse Zweifel, weil es mir selbst wie aufgeben erschien.
Heute weiß ich, dass ich es tun musste, auch wenn der Schmerz damals nur so um sich wütete.
Ich habe ihn sehr geliebt, zu sehr, als dass es richtig war.
Und manchmal schmerzt Wahrheit mehr als eine Lüge.
Als ich ihn damals fortschickte, hatte ich mir zum ersten Mal 
selbst eine ehrliche Antwort auf all meine Fragen gegeben.
Ich war nicht die Richtige für ihn.
Zu gerne hätte ich mal einen Sonnenaufgang am Meer mit ihm erlebt, oder wäre wenigstens einmal morgens in seinem Arm aufgewacht.
Nur war er immer auf der Flucht und es hätte mir wehgetan ihn mit der Auslösung des Fluchtreflexes zu verletzen.
Im Grunde genommen hatten wir nie eine Chance.
Als ich ihn damals wirklich verstand musste ich ihn gehen lassen.
Ich hätte es selbst nicht ertragen bei ihm das Gefühl des Luftabschnürens auszulösen, weil es selbst nicht willentlich von mir geschehen wäre.
Als wir damals das letzte Mal miteinander sprachen, sah ich dann sogar so etwas wie Dankbarkeit in seinem Blick.
Es gab so vieles, was er falsch in mir sah und dadurch nicht zu ertragen schien.
Und dadurch wurde die Trennung zum letzten Geschenk, das ich ihm gab.
Im Grunde genommen bin ich es, die ihm für so vieles dankbar sein muss.
Er hat mir, wenn auch vielleicht unbewusst so vieles gegeben und mich gelehrt.
Man muss nicht unbedingt einem Menschen nah sein, um sich ihm nah zu fühlen, genauso wenig aber liebt man einen Menschen mit der Prämisse Gegenliebe zu erfahren.
Wenn ich hier in diese kleine Bar komme und mich den Klängen hingebend, in mich selbst versinken kann, fühle ich mich ihm sehr nah. Er war damals der Größte für mich, mit ihm war ich unsterblich und auch ein klein wenig verliebt in einen großen Traum.
Es ist ein gutes Gefühl ihn damals gehen zu lassen.
Sie lächelte bei diesen Worten und auch noch als sie aufstand und mir sanft ihre Hand auf meine Schulter legte.
In diesem Moment wusste ich zum ersten Mal, was es bedeutet einem charismatischen Menschen gegenüber zu stehen.
Es wurde mir so sehr bewusst, dass in mir viele Fragen sind, und ich Antworten suche.
Irgendwann werde ich sie mir selbst geben können.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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