Straßen

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Bild: Evgeniy Shaman

Kurze Wege oder endlose Alleen
Ist es nicht seltsam, wie oft einem erst im nachhinein Glück bewusst wird, dann wenn es schon gar nicht mehr da ist?
Jetzt, da wo ihre Gedanken zurückgingen, zu den Momenten, die nicht mehr waren, konnte sie sagen, dass es schön war und es nichts zu bereuen gab. Wie so oft in der letzten Zeit fiel ihr das Einschlafen mehr als schwer. Unruhe, die sich im Inneren aufbaute, versuchte stets einen Weg nach außen zu finden und verlangte nach etwas Greifbarem und Sinnbehaftetem.
Nur an ihren bleiern schweren Lidern spürte sie die Müdigkeit als Konsequenz aus durchwachten Stunden und dennoch wollte sie wach die Straßen abgehen, auf denen sie Nacht für Nacht mal schneller mal im Schritttempo fuhr.
Es waren zum Teil endlose Straßen. Straßen auf denen sie sich selbst zur Protagonistin ihrer eigenen Gedanken machte, um von außen die Fäden zu ziehen und die Schritte zu lenken
Manchmal saß sie selbst hinterm Steuer und konnte so zumindest das Tempo mitbestimmen in der Hoffnung das vorbestimmte Ziel auf der angesagten Fahrtroute zu finden.
Am liebsten fuhr sie auf diesen breiten dreispurigen Autobahnen, ohne Tempolimit, mal im rasanten Tempo auf der linken oder langsamer auf der rechten Spur, aber immer den entgegenkommenden Fahrtwind im Gesicht spürend.
Es waren die besten Fahrten, dann wenn sie kein Drängeln im Rückspiegel sah und von vorne keine Bremslichter ihre Fahrt stoppten.
Hier konnte sie spüren, was Castaneda von der Freiheit verstand, als er schrieb: “Freiheit ist ein Abenteuer ohne Ende, bei dem wir unser Leben – und noch viel mehr – riskieren, für kurze Augenblicke von etwas, das alle Worte, Gedanken und Gefühle übersteigt. Nach Freiheit zu streben, das ist die einzige Triebkraft, die ich kenne. Freiheit, in die Unendlichkeit dort draußen davonzufliegen; Freiheit, sich aufzulösen und abzuheben; wie eine Kerzenflamme zu sein, die, obwohl sie dem Licht von Millionen Sternen gegenübersteht, doch intakt bleibt, weil sie niemals beansprucht, mehr zu sein als sie ist: eine Kerze.”
Diese Straßen erschienen zuweilen kurvenreich in ihrer Endlosigkeit und dennoch gab es immer wieder ein Ziel, was es galt zu erreichen, nicht immer selbst vorgegeben aber dennoch bewusst angestrebt im Visier, mit fremdangelegten Grenzen, die wie rotumrandete Verkehrsschilder ihre Fahrtroute umzäunten.
Ungern fuhr sie Straßen inmitten vom Berufsverkehr, oder auf engen Wegen oder gar Einbahnstraßen, die am Ende zur Sackgasse ausliefen.
Zu stark wurden dort die Einflüsse von außen, die ihr manches mal sogar das Lenken schwer machten oder ganz das Steuer aus der Hand rissen.
Auch wenn sie sich gerne durch manche Straße vertrauensvoll führen ließ, gab es da so etwas wie eine Angst, sich selbst im Straßenwirrwarr zu verlieren oder alleingelassen keinen Ausweg aus einer Sackgasse zu finden.
Irgendwann auf einer dieser Straße saß er neben ihr. Den Blick stets geradeaus gerichtet, mit den markanten Gesichtszügen, die für sie stets Zeugen von Klugheit und Lebenserfahrung waren.
Ihm überließ sie das Steuer an seiner Seite fühlte sie sich sicher.
Nur sie allein wusste, warum seine Anwesenheit so unterschiedliche Gefühlsregungen in ihr auslöste. Da waren diese Glücksmomente, kostbar jeder einzelne, aber dann auch mit all dem Wissen die Tristesse in aller Tiefe um von dort keine verräterischen Spuren nach außen dringen zu lassen.
Sie hatten beide verschiedene Wege genommen, die sie im unterschiedlichen Tempo befuhren und dennoch jetzt hier nebeneinander zu sitzen um den Fahrtwind zu genießen.
Es war eine breite offene Straße auf der er die Richtung bestimmt und sie bereit war zu folgen ohne Fragen zu stellen.
Es war eine Fahrt in unbekanntes Terrain, auf die sie sich mit festem Willen einließ, weil sie wusste, dass es nie etwas zu bereuen geben würde, woher auch immer.Nur hin und wieder überkam sie das Gefühl, dass egal welche Fahrbahn sie auch wählte, die Spur nicht ausreichte und die Leitplanke bei schneller Fahrt immer näher kam.
Saß er eigentlich wirklich neben ihr? Zweifel können zuweilen nagen.
Vor allem so weit weg wie alles erschien, dort wo sie noch nie war und niemals hinkommen würde.
Und sogar dahin wäre sie ihm gefolgt mit Vollgas und ohne Angst vor dem Risiko. Nur sagen konnte sie es ihm nicht, genauso wie sie ihre geheimen Träume der durchwachten Nächte stets für sich behielt.
Uns so tauschte sie aufgrund der Unmöglichkeit die Zweifel gegen Traurigkeit mit der Gewissheit der Unabänderlichkeit oder gerade wegen dieser.
Aber sie beobachtete ihn während dieser Fahrt um sich heimlich jeden Millimeter seiner Gesichtszüge einzuprägen um nichts im Danach zu vergessen.
Trotzdem war es ihm bewusst, es musste so sein, denn er war es, der die Handbremse zog, den Kopf doch immer wieder abwendend.
Da war kein Platz für Sentimentalitäten, denn auf dieser Fahrt gab es nur einen der am Steuer saß, während sie sich sicherfühlend still daneben saß.
Am Ende der Fahrt ging bereits die Sonne auf.
Stimmungsmäßig unterstrich sie die Frage, nach dem was Verlieren eigentlich immer so romantisch macht und den Verlust so endlos schal.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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2 Antworten zu Straßen

  1. schwindelfrei schreibt:

    Ein wunderbares Bild – es hängt bei mir im Zimmer 🙂

  2. Pingback: titel « gokui signs

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