Gelesenes

Augenblicke eines kaum zu ertragenden, überwältigenden Glücks, wie man es nur selten empfindet: Augenblicke, in denen die Lebenskraft im ganzen Menschen sich krampfhaft steigert und der Mensch sich wie in einer höheren Sphäre befindet, wo das Vergangene klar wird, der gegenwärtige lichte Augenblick ein klingendes, tönendes Triumph- und Freudengefühl auslöst und die unbekannte Zukunft wie ein Traum im Wachen vor einem liegt…Augenblicke wo man nicht weiß, woher sich unsagbare Hoffnung wie erquickender Tau auf die Seele legt, und man aufschreien möchte vor lauter Seligkeit, während man doch fühlt, wie schwach und hilflos das Fleisch vor dieser Wucht der Eindrücke ist, wie der Lebenfaden, der ins Vergangene zurückreicht, abreißt und das neue Leben wie in Leben nach einer Auferstehung vor uns erscheint und man sich zu dieser Erneuerung beglückwünscht…

„Ein junges Weib“ von Dostojewski

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Es scheint lächerlich, erst dann von Glück zu sprechen, wenn dieses Glück nicht mehr da ist, es erscheint lächerlich, seine Realität erst im Nachhinein zu akzeptieren. (…) Warum ist einem so etwas nicht klar? Warum weiß man es nicht richtig zu schätzen? Man denkt ständig, der nächste Tag würde besser werden, notgedrungen, man wartet auf etwas anderes, verlangt mehr, findet die Gegenwart kläglich, verglichen mit dem, was noch kommen könnte. Man wartet andauernd. Wartet darauf, in ein neues Haus zu ziehen, ein größeres Haus mit einem Garten, wartet auf die Ferien, wartet auf ein zweites Kind, wartet darauf, ein Buch zu veröffentlichen, darauf, erfolgreich zu sein, man wartet darauf, endlich mehr Geld zu haben, um weniger arbeiten zu müssen, man wartet darauf, frei zu sein. Man hat seine Augen auf die Zukunft geheftet, sieht nicht über die Linie des Horizonts hinaus. Man hofft, endlich ruhiger zu werden, gelassener zu sein, man hofft auf morgen. Doch vor lauter Warten tritt man den jeweiligen Alltag mit Füßen, erlebt ihn als Provisorium, richtet sich nicht häuslich darin ein, nimmt ihn nicht wirklich in Besitz. Man bewegt sich zwischen zwei Stühlen, (…) steht noch an der Startlinie und blickt schon zurück. Man will nicht wahrhaben, dass man glücklich ist. Man ist abergläubisch. Also stelltm an sich blind, ist geistesabwesend, nörgelt und kritisiert für alle Fälle, beklagt sich, ist selbstgefällig, sieht nur das, was nicht hundertprozentig perfekt ist, macht aus einer Mücke einen Elefanten, verdirbt sich den Spaß am Leben, ärgert sich über nichts. Wegen eines Strafzettels macht man ein Riesentheater, ein geplatzter Reifen wird zu einem Drama, und wenn einem der Braten anbrennt, versinkt man in eine mittlere Depression. Oder die steigenden Benzinpreise, einfach unfassbar. Oder der Krieg in Afrika, Bosnien, Tschetschenien. Man hat keinen inneren Halt, keine Chance. Zumindest glaubt man es. Doch im tiefsten Inneren, in irgendeinem versteckten Winkel seines Herzens, fühlt man sich wohlig und satt. Heute, wo mir nichts mehr bleibt, weiß ich das, und ich kann endlich sagen, wie schön es war.

„Das Leben entzwei“ Brigitte Giraud

***
Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen,
den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei.
Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe,
das Wunderbare an der Liebe,
daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft,
einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen.
Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt,
wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet,
das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male.
Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende,
daß wir mit den Menschen, die wir lieben,
nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.

Max Frisch  „Tagebücher „

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Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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