long time ago

Steine hatten sie damals ins Meer geworfen.
Sie wusste nicht, ob er sich noch daran erinnerte. Aber so wichtig war es auch nicht. Zumindest jetzt nicht mehr.
Er konnte viel weiter werfen und sie konnte ihnen mit ihren Augen folgen, bis sie dann in der Tiefe versanken um einen neuen Platz für ihr Dasein zu finden.
Ein paar Mal waren sie wieder hergekommen, an diesen Ort wo sie versuchten Dinge zu ordnen, die ein wenig aus dem Ruder gelaufen waren, und sie damit eher hemmten als voranzubringen.
Zusammen waren sie ein gutes Team, ergänzten sich in manchen Dingen und schöpften Energie aus ihrer Symbiose.
Mag sein, dass sie auch manchmal die Zeichen falsch deuteten, konnten aber vieles abwenden, weil sie redeten.
Es war ihnen beiden wichtig, dieses gegenseitige Verstehen und die Unterstützung, die sie sich damit gaben.

Ihre Tage am Meer hatte sie geliebt und ihn dort noch ein klein wenig mehr, so weit weg von allem was manchmal schwer auf Schultern zu tragen war.
Unbeschwert waren diese Tage und irgendwie war jeder Tag dort heller und jede Nacht leuchtender. Und jedes Gefühl wuchs noch über sich hinaus.
Ausgelassen schwammen sie im Meer, tobten wie Kinder am Strand und der Wind wehte ungestüm vom Wasser her.
Manche Nacht saßen sie gedankenverloren auf den Stufen der Terrasse, lauschten den Klängen von Vangelis oder Herb Alpert und sie gaben sich der Melancholie des Augenblicks hin. In diesen Nächten waren sie sich besonders nah, weil sie beide gerade in solchen Momenten dem Rausch der Sinne nicht entfliehen konnten und auch gar nicht wollten.

Oft hat er ihr dort aus einem seiner Lieblingsbücher vorgelesen, mit seiner unverwechselbaren Stimme, die es immer wieder vermochte sie zu streicheln und zu berühren wie ein sanfter Windhauch, der für einen kurzen Moment sich in den Haaren verfängt.
Und er war derjenige, der ein Gedicht für sie schrieb, so ganz ohne Vergleiche und Metaphern. Aus seinen Worten war so viel Glück zu hören, denn das Gedicht hatte den Rhythmus ihres Pulsschlages, die Deutung ihres Blickes und die Berührung ihrer Finger auf seiner Haut, es roch nach ihr und sie spürte darin die Kraft ihrer Umarmung.

Und immer wieder erwachte in ihnen das Begehren, dieses Haut an Haut Gefühl zu spüren und in Ekstase auszuleben, weil sie wussten, dass sie beide das gleiche Verlangen verspürten, und sie nur gegenseitig diesen Hunger stillen konnten.

Irgendwann gingen sie auseinander und keiner wusste so richtig warum eigentlich. Sie verloren die Worte einer gemeinsamen Sprache, die sie vorher so innig verband.
Es war als hätten sie sich zu Eisbergen entwickelt, die auseinanderdrifteten, weil sie sich selbst keinen gemeinsamen Halt mehr gaben.
Seltsam war nur, dass sie wenigstens zum Abschied viele Worte fanden.
Fast wie in dem Gedicht damals ohne jeglichen Schnörkel.
Ein Gedicht über eine gemeinsame Zeit, ein wenig wehmütig und melancholisch aber auch lachend über sich selbst und glücklich über faszinierende Augenblicke.

Als er dann die Straße runterging, schaute sie ihm lange nach.
Einen winzigen Stein trat er vor sich her, fast übermütig wie ein kleiner Junge.
Sie war sich sicher, dass er das Gleiche dachte: sie hatten alles richtig gemacht.
Denn heute wissen wir es.

Sie sind beide glücklich, jeder auf seine Art, mit Menschen um sich herum, von denen sie geliebt werden und für die sie das Gleiche empfinden. Und sie haben eine gemeinsame Zeit an die sie gerne denken, auch wenn sie mit jedem Tag in weitere Ferne rückt.

Hin und wieder ruft er aus dem Nichts noch an, liest aus seinem neuen Buch und sie lauscht seiner unverkennbaren Stimme, die sie aus tausenden heraushören würde. Und es ist fast so als könnte er die Momente spüren, wenn sie schlaflos die Nacht zum Tag macht.
In Gedanken geht auch er dann wieder runter zum Fluss und wirft Steine hinein, viel weiter als sie und sie versinken immer noch in die Tiefe eines unsichtbaren Grundes.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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