SterneLachen

picneu11

Es gibt Dinge, für die es leichter ist Verständnis zu haben, als sie zu begreifen.
Und gewisse Dinge muss man auch gar nicht verstehen, sondern sollte sie einfach nur anneh­men ohne nach dem Warum zu fragen.

Wir waren immer Fünf.
Fünf Freunde, die einander verstanden ohne zu hinterfragen.
Wir lebten damals in einer Welt, die geprägt war von Wegen, die wir zwar allein gingen, aber mit dem Wissen, dass wir niemals allein waren.
Nichts war bedrängend und aufdringlich, eher lenkte die Freiwilligkeit jeden unserer Schritte mit dem Bewusstsein, dass dem Geben niemals ein Nehmen folgen würde.
Es war eine wärmende Zeit, die sogar den Schnee im Dezember auftauen ließ um so in den kalten Fingern nach einer Schneeballschlacht wieder das pulsierende Blut zu spüren.

Marie war immer eine von uns.
Sie war eine Schönheit mit schwarzem langem Haar und wunderschönen grünen Augen, die umrandet waren von einem dichten Wimpernkranz und die immer einen Hauch von Melan­cholie ausstrahlten.
Wenn diese Augen einen anschauten, spürte man Fragen darin. Fragen, die sie aber nie stell­te, vor allem die nicht, nach dem Warum.
Marie war immer die Besonnenere von uns beiden, aber auch dort wo ich impulsiv und nur nach Gefühl handelte, gab sie mir die Gewissheit der Akzeptanz. Sie allein wußte meine Rastlosigkeit zu nehmen ohne ihre Ruhe aufzudrängen.
Auch wenn sie in meinen Augen immer eine Träumerin war, sah ich doch wie sie überzeugt ihren Weg ging, Visionen folgend sie zu ihrem Ziel machte.
Sie verließ damals als erste unseren kleinen Ort, in dem wir Fünf gemeinsam unsere herr­lichste Zeit verbrachten.
Keiner von uns zeigte wie schwer der Abschied fiel, wussten wir doch, dass jede Zeit nur
geliehen und trotzdem bei uns bleiben wird.

Ihr Bild mit den Orchideen, welches sie mir zum Abschied schenkte, hütete ich wie einen Schatz.
Marie malte so eindringlich und in ihren Bildern spiegelten sich Geschichten wieder. Ge­schichten, die mit Worten nicht besser hätten ausgedrückt werden können.
Als ich damals das Bild sah, das sie von mir gemalt hatte, wusste ich, dass sie mich wirklich sah, so wie kein anderer es danach fertig brachte.
Es war ein Bild ohne Maske, das mein Innerstes nach außen kehrte. Es war ein Bild in Oran­getönen, die nach außen hin in ein tiefes Rot übergingen und sogar noch von einer inneren Zerrissenheit getragen wurden.
Jeder Pinselstrich darin zeugte von der Ruhelosigkeit als Passion.

Lange Zeit hörte ich nichts von ihr. Ich glaube, es war eine Zeit, in der sie sich von uns ent­fernte, vielleicht weil sie ihren eigenen Weg folgen musste, den wir nicht wirklich verstan­den..
Irgendwann traf sie ihn, wo es war, hatte sie nie erzählt.
Er war von Anfang an ein Fremder, dessen Mauern wohl nur Marie durchdrang.
Ich glaube Paul hieß er und er malte genau wie Marie.
Seine Bilder waren von seltsamer Schönheit in wilden Farben mit sehr viel Schwarz, kraft­voll aber wirr auf die Leinwand gebannt.
Alles was er tat erschien irgendwie seltsam, aber Marie verstand ihn, vielleicht weil sie sich die Mühe gab und ihn so annahm, wie er war.
Ich gebe zu, wir taten es nie.
Wichtig war, dass Marie in der Zeit mit ihm sehr glücklich war oder schien.
Sie sprach nie viel darüber.
Nur einmal, als sie anrief, spürte ich, dass die beiden sehr viel verband. Sie war sein Halt und sein Anker hier. Bei ihm war sie stark und er nahm es an, ohne zu hinterfragen und sie zeigte es niemandem, nicht einmal ihm.
Sie sah so viel in ihm, und gab vor allem Liebe ohne zu nehmen.
Ich hab mich oft gefragt, was sie wohl in ihm sah. Das Kind oder doch eher den Mann?
Eine Antwort konnte noch nicht einmal Marie mir geben, und es war vielleicht auch gar nicht wichtig.
Irgendwann sagte Marie mir mal, dass sie mit ihm die Sterne lachen hören konnte.
Da wusste ich, dass sie glücklich war.
Er war wohl sehr oft auch verzweifelt und wusste nicht wohin. Er suchte nach einem Sinn, den er in aller Sinnlosigkeit nie fand.
Es war im Dezember, an einem grauen eisigen Tag als er ging.
Er war zwar das einzig Wichtige für Marie, aber auch damals verstand sie ihn und fragte nicht nach dem Warum.
Nur ihre Augen schauten hin und wieder ein wenig traurig und man konnte Fragen darin erkennen, deren Antworten aber niemals wichtig gewesen wären.
Erst lange Zeit danach begann Marie wieder zu malen. Die Farben waren viel kräftiger aber auch leuchtender als früher, nur hinzu kam hin und wieder ein Schwarz auf dem man gelbe Sterne lachen sehen konnte.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
Dieser Beitrag wurde unter Beziehungen, Erinnerungen, Freunde, Lachen, Liebe, Persönliches, Sehnsucht, Sterne, Stille veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu SterneLachen

  1. nedganzbachert schreibt:

    Deine Geschichten lassen mich immer etwas wortlos zurück.

  2. arsfendi schreibt:

    Ich hoffe im positiven Sinne Herr Nedganzbachert.
    Bitte.;-)

  3. nedganzbachert schreibt:

    Ja, die Geschichten sind nämlich nicht fertig wenn ich sie gelesen habe, sondern wachsen in sich noch. Ich stelle mir vor, wie sich diese Clique aus fünf unterschiedlichen Menschen begegnet. Wie diese Frau ihre Partnerschaft lebt und wie sie die Trennung verarbeitet. Ob ihr Verhalten Stärke oder Schwäche ist, und und und …

  4. arsfendi schreibt:

    Das freut mich Herr Nedganzbachert.
    Ich mag es, wenn durch Texte ein Kopfkino in Gang gesetzt wird und sich quasi wie ein Spinnennetzt irgendwie immer anders, vom Kernpunkt aus weiterentwickelt.
    So geht es mir im Grunde genommen auch selbst bei meinen eigenen Geschichten. Ich nehme mir immer mal wieder einen Text und er verändert sich fast von ganz alleine.
    Bei den Memory-Texten von mir sind der eigentliche Kernpunkt diese 5 Menschen, die irgendwie und irgendwo ganz real existieren.
    Und es ist für mich ganz spannend zu beobachten, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickeln und verändern.
    Fertig werden gerade diese Geschichten wohl nie sein. Für mich auch irgendwie beruhigend.
    Life goes on…

  5. Mme Lila schreibt:

    Wundervoll geschrieben.
    Marie bleibt in der Geschichte nicht eine flache Protagonistin, die zwischen den geschriebenen Worten lebt. Sondern sie berührt. Und sie atmet.

  6. arsfendi schreibt:

    Vielen lieben Dank Mme Lila.
    Was für ein wunderbares Kompliment für einen Schreiberling, wenn die Protagonisten den Leser berühren.
    Und für mich besonders, wenn gerade Marie berührt!

    einen schönen 2. Advent für Dich!

    ArsFendi

  7. wortman schreibt:

    Ich kann mich dem Urteil von Mme Lila nur anschließen.
    Persönlich kam eine Überraschung am Ende. Hab ich vor dem Lesen von dem Bild einfangen lassen und das spricht eine weitaus andere Sprache, als das was ich dann zu Lesen bekam.
    Sehr gut gelungen.

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