Ja

Komm her in dieser
einen Nacht
du Unbekannter, der
meine Gedanken treibt
vom Sonnenuntergang bis
zum Dunkelschwarz
lass uns genießen in
aller Leidenschaft gemeinsam
diesen Flug der Lust ohne
Gedanken an den Morgen
Hab keine Angst und wag ihn
ohne Fallschirm und doppelten Boden
den Fall danach in
die Bodenlosigkeit.

Zärtlich strich sie ihm über sein entspanntes Gesicht. Er schlief noch und hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, so als wolle er wenigstens in ihrer Einbildung so tun als könne er sie damit am Weggehen hindern.
Draußen lag der Morgennebel über dem See, der im Kontrast zu dem in ihr tobenden Orkan, in Ruhe und Stille sich dem Tag hingab. Sie wünschte, er würde etwas davon abgeben können, um diesen rasenden Blutfluss in ruhigere Bahnen und das Hämmern im Kopf vom Prestissimo zum Largo zu lenken. Sein Atem ging langsam ganz im Gegensatz zu der Ihrigen Frequenz in der Nacht.
In ihr war eher diese Unruhe, wie tosendes Gewässer, welches als Gischt im Sturm hochgepeitscht wurde. Nichts vermochte dem Einhalt gebieten, weil die Gedanken wirbelten und sich dem Sog nicht entziehen konnten.
Es war nur diese eine Nacht, die schon morgen dem gestern übergeben sein würde, ohne jegliche Sentimentalitäten und theatralische Elemente.
Keine Fragen störten die Ruhe, weil Antworten ohne Bedeutung waren.
Als er langsam die Augen öffnete, wünschte er sich weit weg, alleine ohne diesen fremden Atem neben sich und dem Duft, der ihn an eine Nacht erinnerte, die er lieber übersprungen hätte.
Ein wenig älter war sie geworden, gezeichnet innerlich wie äußerlich und doch unverändert fern jeglicher Einsicht.
Stummer noch als damals war sie geworden, was es auch nicht leichter machte mit einer kurzen Näherlichkeit umzugehen.
Die Ruhe liegt immer in einer gewissen Lethargie und dem Hass als treue Seele, weil er das Vergessen zum Muss macht.

Wie ruhig und entspannt er dort am Fenster stand. Fast beneidete sie ihn ein wenig für dieses vertrauensvolle Fallenlassen in die eigene Gedankenfreiheit. Sie hatte ihre Rastlosigkeit, die stets ihren Raum suchte und Gedanken, die sie vereinnahmten ohne dass sie sich dagegen wehren konnte. Zu oft hatte sie sogar in der körperlichen Nähe die Distanz gespürt, die gewollt sich aus der Angst ergab. Sie hatte ihm nichts davon erzählt, von diesen Stimmen, die lautlos nach ihr riefen aus diesem unbekannten Niemalsland, was selbst ihr unerreichbar schien und doch so erstrebenswert. Manchmal nutzte sie diese Unrast als Lebenselixier, welches sie antrieb gegen die Wellen des Stroms in dem sie schwamm. Sie fühlte seinen Blick auf ihrem nackten Körper und hoffte, dass er dieses Hämmern gegen ihre Schläfen nicht bemerken würde.
Niemalsland schrieb sie in der Nacht unsichtbar auf seine Haut. Ihre Fingerspitzen vergruben sich in seinem Haar und vermochten wenigstens für einen kurzen Moment ein Aufflackern des Begehrens hervorzulocken.
Sie dachte an die Stunden zuvor, wo das Schwarz der Nacht die Stimmen verhüllte. Sie spürte seine Kraft, die sie sanft umfing und hielt für diesen kurzen Augenblick, in dem sie ihre Angst vergaß. Die Wärme seiner Hand schien auf einmal so vertraut und vermochte die Distanz zu verringern, weil er den Schritt tat, zu dem ihr der Mut fehlte. Wortlos gab sie ihm was er nicht verlangte
Um wie vieles einfacher doch alles für ihn war, weil nichts Vergangenes ihn hemmte.
Vielleicht erahnte er etwas von ihrem Geheimnis, von diesem Höllenfeuer welches gerade in ihr tobte,
Sie blickte ihn an, sah den Fremden und vertraute seinem geschwungen Mund und seine Lippen flüsterten Worte in einer anderen Sprache. Noch immer stand er am Fenster und sah hinaus. Sie berührte ihn dort an der Stelle, wo er her kam, dort wo die Zeit endlos im Sand verläuft. Genau dort wohin er wieder entschwinden wird, nicht ohne vorher seine Spuren zu verwischen.
Langsam erhob sie sich, um ihre Sachen zu suchen, die achtlos im Raum verstreut lagen.
„Es wird Zeit.“
„Ja. Und es war richtig, so oder so.“

„Das Leben sollte nicht eine Reise ins Grab sein, mit dem Ziel, wohlbehalten und in einem attraktiv und gut erhaltenen Körper anzukommen.
Sondern:
seitwärts hineinzuschlittern, Chardonnay in einer Hand, Erdbeeren in der andern, in einem verbrauchten und abgenutzten Körper – und dabei jubelnd: WOO-HOO! Was für ein Ritt!”

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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Eine Antwort zu Ja

  1. Astrid schreibt:

    Hallo Arsfendi,

    ich kenne deine texte von BR. Und jetzt lese ich hier auf deiner seite und möchte gar nicht mehr aufhören.
    du ziehst mich förmlich in deine texte rein und ich finde mich an vielen stellen wieder.Für dein „andalusia“ wünsche ich dir viel glück. meinen stern und pokal hast du.
    Bei deinem buch, wo die frau auf dem sterbebett liegt und nur daran denkt ihrem geliebten die kraft zum weiterleben zu geben, standen mir die tränen in den augen.

    liebe grüße astrid

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