Ungebremst

“Glaubst du, dass es Nächte gibt, die kürzer sind als andere, weil der größere der beiden Zeiger im Licht des Mondes Amok läuft? Jede Minute quält er sich einen winzigen Schritt zurück, um gleichzeitig im selben Moment 59 Schritte vorwärts zu eilen.”
In Gedanken zählte sie jede Sekunde Gegenwart mit, wissend, dass diese sogleich in Vergangenheit gewandelt ihrem Hirn eine in Vergessenheit mutierte Erinnerung bescherte.

Erstaunt sah er sie an.
Draußen wurde es langsam hell und es galt nicht den Lauf der Zeit aufzuhalten, wo schon ungeduldig der Tag dem Rausch der Nacht ungeduldig seinen Platz streitig machte.

“Weißt du, ich habe dir damals diese Geschichte erzählt, von den dunklen Gestalten, die sich aufmachten mit nichts in der Hand als den Grashalm, den es zu umklammern galt, geführt von der Melodie, die am traurigen Sonntag verstarb.
Alles arme Kreaturen, ausgestoßen, unbeheimatet, behaftet mit dem Stigma der Beflecktheit und versunken im Dreck den dieser Planet in seinen Untiefen zu bieten hatte.

Da war doch dieser Hinterhof vor der letzten Biegung des direkten Weges in die Verdammnis wo man noch kurz einen hellen Schein des übriggebliebenen Feuers sah, festgehalten in der Stahltonne, vor dem sich zwei Individuen die letzte Berührung der Lippen noch zugedachten, bevor sie sich abwendeten um am Gefühl zu ersticken, welches vielleicht das Recht gehabt hätte an Bedeutung zu gewinnen.
Ich weiß nicht ob ich erwähnt hatte, dass ich eine von ihnen war, die sich aufmachte, um aufzubegehren, den letzten Stein werfend, und damit die Melodie noch einmal zum Klingen zu bringen.
Ich wollte nicht wahrhaben, dass jegliche Bedeutung an Wert bereits schon verloren hatte, von der eigenen Asche überhäuft um im Nichts sich aufzulösen, um dann stromaufwärts zu fließen mit aller Kraft und ohne Anstrengung, weil genau dort oben das andere Nichts bereits schon ungeduldig wartete.
Heute denke ich, wie dumm von mir. Denn jede Zeit hat ihre eigene Bedeutung und damit ihren eigenen Wert.
Die Zeiger der Uhren bleiben niemals stehen, und beide zusammen addiert schaffen sie Vergangenheit, die ich verdrängend vergessen kann.
Ich kann mich noch nicht einmal mehr an deine Einladung zum Bogenschießen im Elfenbeinturm erinnern, nur daran, dass du mich schon damals als den Narren gesehen hast, für den du auch heute nur noch ein müdes Grinsen übrighast.
Aber auch darum geht es hier nicht. Es geht einzig und alleine um diese schmale Nulllinie.
Für den guten Schluss sind heute Nacht schon 7 schlechte Gedanken gestorben, der Vergessenheit anheim gegeben. Ich finde das ist ein guter Schnitt auf diese Weise.
Heute braucht der Einzelne, der sich da anmaßte Großes geschaffen zu haben, sich nicht vom Tonband mit Beifall frenetisch feiern zu lassen, weil damals auch wir der Trinität überdrüssig waren. Heute klatschen wir begeistert für uns. Das war es wert.”

Leicht öffnete er den Mund, so als wolle er zum Erwidern ansetzen, aber im Grunde genommen gab es nichts, was nicht schon gesagt wäre.
Die letzte Nacht kannte ihre eigenen Regeln ohne Fragen und Antworten.
Einfach nur dieses Fallenlassen in einen Rausch der Leichtigkeit. Ein Flug in Überschallgeschwindigkeit durch eine Singularität.
Wie befreit sie lachen konnte und wie sinnlich es aussah, wenn der Lidstrich verschmiert ist.
Und wenn gleich die Tür ins Schloss fällt, würde auch der letzte Gedanke dem Nichts übergeben sein.
Und die Zeiger der Uhren werden ungebremst ihre Runden drehen und ganz heimlich mit den Narren um die Wette lachen.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
Dieser Beitrag wurde unter Abschied, Alltagswahnsinn, ce'st la vie, Einsicht, Lachen, Lust, Nebel, Nichtigkeit, Rausch, Schwäche, Singularität, Zärtlichkeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Ungebremst

  1. Taylor schreibt:

    In diesem Text liebe Sabine erscheint mir die Leichtigkeit zu sehr hervorgehoben, denn im Hintergrund schwingt diese traurige Melodie noch mit. Ich erinner mich an einen von Deinen Texten auf BookRix, der auch fast schwermütig anklang und dann durch die Pointe am Schluß eine ganz andere Richtung einnahm.
    Hier gefällt mir die Metaphernwahl sehr gut. Jede Zeit hat ihre eigene Bedeutung, da wird sogar der Abschied fast schon wieder schön.

  2. arsfendi schreibt:

    Guten Morgen Taylor,
    schön Dich hier auf dem Blog zu lesen.
    Laß ich mir durch den Kopf gehen.

  3. bruni kantz schreibt:

    Ein anspruchsvoller Text, der mir Kopfzerbrechen verursacht.
    Ein Nichts, welches dem Nichts begegnet… Kann es nicht geben, denn nichts ist etwas, was nicht vorhanden ist. Ist etwas nicht vorhanden, kann es dem Nichts nicht begegnen, weil dort nichts vorhanden ist…
    Wahrscheinlich kann man hier nur mit Philosophie weiterkommen und die rennt mir gerade weg; ich sehe noch, wie ihr rechter Fuß fast von einer NICHT vorhandenen Tür eingeklemmt wird…
    Wunderbar am Anfang die Zeiger der Uhr, die im Mondlauf verrückt spielen.

    Endlich Gedanken, die zum Denken bringen, das Ergebnis ist nicht so wichtig.

  4. arsfendi schreibt:

    Schön Dich zu lesen Bruni.

    Ja das Nichts. Ich denke oft darüber nach, ob es noch eine Steigerung von Nichts gibt.
    Vielleicht liegt es ein wenig in der „Angst“ vor diesem Nichts begründet oder in dem Respekt.
    Das Nichts schwebt als Damoklesschwert über so Vielem.
    Und die Zeiger der Uhr ticken einfach weiter…

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