Caturanga

 

Das Schachbrett ist die Welt, die Figuren sind die Phänomene des Universums, die Regeln des Spiels sind das was wir als Naturgesetze bezeichnen und der Spieler auf der anderen Seite ist vor uns verborgen.
(Thomas Henry Huxley)

Draußen war es befremdlich still. Nur entfernt konnte man Stimmen vernehmen um sie danach im leeren Raum zu suchen, ohne ihnen weitere Bedeutungen beizumessen.
Von draußen erhellte ein seltsames Licht den Raum, und hüllte ihn mit Wärme eines einzigartigen Blau ein. Der blaue Mond.
Ein faszinierendes Farbspiel, welches sogar vermochte, die eigene Stimmung zu verändern, weil man sich dem Einfluss hingeben musste. Es berührte auf angenehme Weise in einer Leichtigkeit, dass man fast vermuten konnte, eine ganz besondere Magie steckt dahinter.

Trotzdem hatten diese Stimmen von draußen unten auf der Straße etwas Spukhaftes an sich, so als wenn sie aus irgendeinem Erdloch hervorgekrochen kamen, um ein paar Stunden lang die von den Lebendigen verlassenen Plätze und Straßen in Besitz zu nehmen, mit horchenden Ohren und starrenden Augen.
Hier und da wirbelte der Wind etwas Staub auf, der sich im blauen Schein des Mondes von der Düsterheit willkommen abhob.

Stumm schauten wir uns an, denn Worte wären wie so oft mehr als störend gewesen, darin waren wir uns einig. Und genau hier konnte ich in deinen Kopf schauen und eine ganze Welt aus Gefühlen, Bildern, Emotionen und Leidenschaften erkennen.

Wir hatten alle zwischen uns versammelt, und das Brett gab der Distanz Ausdruck. Du warst weiß und ich der Kontrast.
Caturanga, wie melodisch doch dieser Name im Raum lag, leise nur geflüstert und dennoch so erdrückend in jeglicher Form.
Es war ein Spiel nur nach unseren Regeln, nach bestem Wissen handelnd, dem Uns geschuldet mit einem Lächeln bezeugt.

Ich dachte an die Worte von Schonberg: Schach ist ein geistiges Ringen zweier Menschen, von denen jeder dem anderen seinen Willen aufzuzwingen und ihm notfalls den Rücken zu brechen trachtet. Zum Glück wird dieser brutale Aspekt des Schachspiels durch eine entgegengesetzte Zielvorstellung ausgeglichen: das Streben nach Wahrheit und Schönheit.

Leicht berührte ich deine Hand und erreichte sie kaum, aber es spielte auch keine Rolle, denn nur die leise Musik im Raum ergab sich in einer wenig spürbaren Melancholie.

Das Heer hatte bereits Stellung bezogen.
Die Elefanten tröteten unruhig und unterbrachen die Stille, Reiter, Kampfwagen und Infanterie standen bereit und warteten auf das Signal.
König und Dame schauten sich vielsagend an, beide auf ihren Seiten, wissend worum es ging.
Der Kampf der Farben, Gut und Böse, jedes aus unterschiedlicher Sicht für sich selbst beanspruchend.
Wir liebten dieses Spiel, und konnten dennoch genau dort zu unerbittlichen Gegnern werden, alles andere vergessend, weil es auf dem Brett um den Wert in all seiner Bedeutung ging.

Der Wein in dem Glas war rot genau wie meine Lippen, die Dich gerade noch geküsst hatten und im Spiel in der Wortlosigkeit erstarben.

Das Spiel beherrschte nun die Gedanken und Caturanga nahm uns gefangen und wir wussten beide, dass es kein Remis geben konnte, nicht bei uns.
Mein König überblickt majestätisch sein Gefolge, seine Helfersschar, die ihm treu ergeben war im Kampf bis aufs Blut. Für ihn galt es zu kämpfen.
Und es war immer ein Kampf um Leben und Tod.
Neben ihm die schwarze Dame seines Herzens. Stark, stolz und sein Heerführer. Ihm treu ergeben, mit all ihrem Gefühl.

Der Läufer war an ihrer Seite mit seiner schrägen Gangart, um den gefahrreichen stromstellenreichen Fluss zu überwinden, dabei natürlich nie die eigene Dame aus den Augen verlierend. Das Pferd, des Königs Kavallerie, strategisch immer in die Flanke angesetzt. Der Turm, des Königs Heer und letztlich die Bauern, die zahlenmäßig stärkste aber an Durchschlagkraft schwächste Formation.
Sie alle warteten nur auf den Kampf, wo es galt den König zu schützen. Er musste überleben egal ob es sie selbst in den Tod führte.
So auf deiner Seite alles in weiß und wir dahinter mit führender Hand.

Der erste Zug gehörte dir als klassische Eröffnung. Deine Hand führte sicher Zug für Zug, um mir im gleichen Atemzug meine eigene Schwäche vor Augen zu führen. Angriff, Zug für Zug, unerbittlich waren wir beide, denn es galt jeweils durch die Deckung des Feindes zu dringen.
Jeder mit seiner eigenen Taktik, egal wer gut oder böse.
Es war unser Spiel ganz neutral und unvoreingenommen. Die Minuten zerrannen und der Zeiger lief Marathon. Und nur von draußen waren entfernt Stimmen zu hören, und Hände die Beifall klatschten. Gedanken flogen mir durch den Kopf der vor Hitze glühte und doch galt es sich der Konzentration zu unterstellen.

Hin und wieder schauten wir uns an und versuchten eine Regung zu entdecken um den nächsten Zug zu entlarven. Aber alles entschwand in nicht auflösbarer Undurchdringlichkeit.
Zur Mitte hin blickte mein König traurig auf einen kläglichen Rest. Zug für Zug verlor er seine Helfersschar. Deine gegnerische Majestät war stark, sehr stark und sich dessen bewusst.
Er kämpfte mit allen Mitteln. Zug für Zug und Wort für Wort unausgesprochen und dennoch das Brett umnebelnd.
Siegessicher schaust du mich an und weißt doch gleichzeitig, dass ich dennoch bis zum letzten Zug kämpfen würde für meinen König, der fast schon resignierte.
Denn noch hatte ich meine Dame, die stolz mit erhobenem Haupt neben ihrem König ausharrte und nur darauf wartete für ihn in die Schlacht zu ziehen. Für den Wert als solches galt es für sie zu kämpfen, denn sie gewinnt, wenn er überlebt.
Nicht treu ergeben, sondern sich des Trumpfes ihres eigenen Gefühls stets bewusst kämpft sie im Grunde für sich allein.
Ich schau dir ins Gesicht und würde Dich gerne küssen vor dem finalen Zug des Spiels.
Aber die Regeln lauten anders und die Uhr tickt.
Meine nackten Füße berühren dich unter dem Tisch und ich spüre deine Wärme die sich auf mich überträgt..
Allein steht mein König da, seine Dame im Blick, doch er vertraut ihr.
So oft hat sie die Schlacht gewonnen und er schenkt ihr Vertrauen mit einem einzigen Blick.
Noch zögert meine Dame und du versuchst zu erkennen. Zweifel, Unsicherheit oder gar Aufgabe noch vor dem letzten Zug?
Ich hör dich lachen und aufmunternd streichst du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ich sehe wie sich Dein König stolz reckt und die Gefolgschaft schon jubelt.
Nur langsam fast zögerlich bewegt sich meine Hand aber dennoch kraftvoll der eigenen Stärke für den letzten Zug bewusst.

Ein letztes Mal schaut die Dame auf den König, den Trumpf in der Hand.
Werte waren der Einsatz und damit hatte sie den Joker in der Hand.
Ohne Gegner auf dem Brett wusste sie, war das Spiel beendet und die Konsequenz daraus war nicht als Niederlage zu sehen.

Und der blaue Mond lächelt uns aufmunternd zu und lenkt mit Magie Zug um Zug mit genau seinen Regeln in einem Spiel, in dem es nur zwei Sieger geben kann.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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4 Antworten zu Caturanga

  1. N.N. schreibt:

    Der blaue Mond – selten genau so wie schön. Der 13. Vollmond.
    Dazu ein (Schach-)Spiel der besonderen Art.
    Ein inspirierender Text.

  2. arsfendi schreibt:

    Ursprünglich kam der Blaue Mond nicht im Text vor. Selbst inspiriert vom „blue moon“ fand ich, dass er das „Besondere“ eines Moments hervorhebt und unterstreicht.

  3. Dave schreibt:

    Vermutlich wird dieser Text immer zu meinen Lieblingstexten von dir gehören.
    Nicht nur, weil Schach zu den intelligentesten Spielen gehört, sondern auch weil ich diese Stimmung, die du mit deinen Worten einfängst, spannend und geheimnisvoll zugleich finde.
    Du schreibst in deinen Andalusientexten von flirrender Luft. Das trifft es hier auf den Punkt. Das lese ich lieber von dir als dieses dunkelschwarze Zeug.

  4. arsfendi schreibt:

    Ich weiß.
    Schön, wenn Du es verstehst.
    Grüß mir alle!

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