Nicht gefragt

“War wirklich alles so furchtbar zwischen uns?”
Ein wenig entsetzt aber mehr noch erstaunt sah sie ihn an. Suchte in seinem Gesicht nach einer Regung, einem spöttischen Grinsen, welches seiner Worte wenigstens etwas von der Ernsthaftigkeit abträglich gemacht hätte.
“Du siehst mich wirklich so, nicht wahr? Eiskalt, berechnend und gefühllos. Unnahbar, von dicken Schutzmauern umgeben, durch die nicht der leiseste Hauch menschlicher Regung durchzudringen vermochte?”

Leichte Übelkeit stieg in ihr hoch. Und doch galt es sich der Wahrheit zu stellen, unabhängig davon, ob es der Wirklichkeit entsprach.

“Im Grunde genommen kenne ich dich gar nicht. Ich wusste nie, was du denkst oder auch fühlst.
Du lässt deinem Gegenüber keine Chance und irgendwann gibt man auf. Du brauchst das. Dieses Wissen der Undurchsichtigkeit, weil du dir damit deine eigene Bedeutungsbehaftung gibst, während für andere alles im Nebel bleibt.
Weißt du, wofür ich dich am meisten gehaßt habe? Für deinen so scheinbaren Großmut.
Keine Erwartungen zu haben, das ist einzig deine Lebenslüge, mit der du dir selbst etwas vormachst. Du versteckst dich dahinter, anstatt einmal zu sagen, was du wirklich denkst und fühlst, auch wenn es jemanden verletzen oder dich verletzbar machen könnte. Du willst geliebt werden. Das ist deine heimliche Erwartung, für die du dir eine Tarnkappe aufziehst in der Hoffnung, dass niemand deine eigenen Gefühle erkennt.
Leiden kannst du dich selbst nicht, aber du bewunderst dich. Das ist das einzige,
woran du dich klammern kannst. Du hast furchtbare Angst davor, dass wenn du dich
ändern würdest, du das verlierst, was dich zu etwas Besonderem macht.
Nur das alles macht dich nicht besser als andere.
Nein, ich weiß nicht wer du wirklich bist. Und jetzt ist es ja auch nicht mehr wichtig.”

Sie konnte nicht leugnen, dass ihr sein Monolog einen leichten Stich versetzte.
Es klang alles so einleuchtend und dennoch falsch.
Irgendwo stand geschrieben, Wahrheit macht frei und diese war die Seinige.
Und darauf gab es nichts zu erwidern, weil es nichts ändern würde.
Dabei war er derjenige, vor dem sie so nackend gestanden hatte, wie es ihr möglich war, ohne ihm in seiner Distanz zu nahe zu treten.
Das Schlimme an seiner Wahrheit war, dass sie zwar das Wie sie war offenbarte, aber nicht das Warum.
Das war das Einzige, was er nicht wissen konnte und vielleicht auch gar nicht wollte.
Er hatte nie danach gefragt.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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