Grün

Grün war noch nie ihre Farbe. Weder an sich selbst noch um sich herum. Hatte sie das eigentlich jemals gesagt?

Der Whisky brannte ein wenig in der Kehle. Aber es war ihr egal, anderes brannte mehr im Inneren und auch dagegen gab es nicht das richtige Mittel, was so tiefgehend seine Wirkung gezeigt hätte.
Er war schon wieder fort und sie saß alleine in diesem dunklen Zimmer, in dem nur noch Kälte zu spüren war, die auch langsam in ihrem Körper empor kroch, weil die braune Flüssigkeit ihre Innereien noch nicht genügend entflammt hatte.
Wenigstens half sie ihre Übelkeit ein wenig zu überdecken, wobei der Würgereiz fast eher Erlösung versprach.

Es war totenstill in diesem kleinen Raum und dennoch verstärkte genau dies den dumpfen Ton des Hammerschlags in ihrem Kopf. In eintöniger Taktfolge pochte es von innen heraus und sie hielt sich die Ohren zu als würde sie damit den Schmerz eindämmen können.
Im Zimmer roch sie noch seinen kalten Schweiß vermischt mit dem teuren Eau de Cologne, von dessen Duft sie früher nie genug bekommen konnte
Alles hatte sich verändert, nicht nur der Duft, oder er oder sie. Es war einfach alles, wie in eine große Schüssel geworfen, vermengt und vermischt. Die Veränderungen kamen auch gar nicht so plötzlich, eher schleichend, dafür unaufhaltsam. Nur wussten sie jetzt wenigstens Bescheid.

Sie hätten eher reden müssen, vor allem sie selbst. Nur wie oft hatte sie ihr eigenes Schweigen schon verflucht und doch nie etwas geändert. Stattdessen wurde ihr eigenes Gedankengeflecht immer größer, in dessen Knoten sie sich verfing um dann letztlich an sich selbst zu resignieren.
Möglich, dass sich etwas verändert hätte, wenn sie etwas preisgegeben hätte, aber da er nie gefragt hatte, war es der einfachere Weg zu schweigen um die Dinge an sich selbst abzuhandeln.

Vielleicht war es gut, dass Worte aber nun doch endlich ihren Weg gefunden hatten, auch wenn es nicht leicht war, gerade jetzt wo alles sich so tief eingefressen hatte und nach außen hin brannte. Jetzt, wo er abwendend die Worte gelassen aussprach, wirkte es schon fast skurril befreiend.
Der Szenerie angemessen, wäre Sie jetzt gerne so was wie Heldin gewesen. So wie Maggi, die Katze auf dem heißen Blechdach, die sich am Rande vor dem Abgrund festkrallte, um für ihr Leben und ihre Liebe zu kämpfen, im Bewusstsein, dass nur das zählte. Sie aber fühlte sich klein neben ihm, sich ihrer Feigheit bewußt und hätte sich am liebsten in einem tiefen Loch vergraben um alle Gedanken unwiderruflich auszulöschen.
Aber vergraben konnte man vieles, nur nicht wegrennen vor dem was einen doch immer wieder einholt.

Auch vorher gab es immer wieder Momente, da wünschte sie sich diese Neutralität zurück, in der die Unbeschwertheit sich durch die Unbefangenheit breit machen konnte.
Keine Gedankenknoten, die sich ihren Weg durch Gehirnwindungen suchten und nichts als Schmerzen verursachten.
Sie erinnerte sich an dieses Leben in dem kleinen Ort, wo die Farben noch ein wenig fröhlicher leuchteten. In dem Elternhaus gab es immer wieder Schutz und wenn nachts die Träume kamen, war jemand da, der sie hielt.

Gedankenverloren schaute sie in die Glut ihrer Zigarette. Sie rauchte zu viel und sie hatte Angst, dass irgendwann wieder ihr Atem rebellieren würde, so wie die Katze, die in Todesangst vom Dach sprang und innerhalb von 30 Sekunden der Film ihres Lebens vor ihren Augen ablief.
Trotzdem war es gut, dass endlich alles gesagt war.
Auch bei ihm konnte sie die Erleichterung erkennen, vielleicht weil sie besser verstand, als er befürchtet hatte.
Es war ihr nie so bewusst, dass er auch immer gewartet hatte, dass sie endlich mal was sagte oder zumindest aufbegehrte, weil er ihr gar nicht so nahe stehen konnte, wie sie ihm.
Aber immer wieder war da nur dieses laute Schweigen, welches die Räume immer enger werden ließ und das Nichtwissen zur Qual machte. Das zumindest war die Erkenntnis, die sie mitnehmen würde.

Heute hatte sie zum ersten Mal geschrieen und selbst gespürt, wie sich der Ring von ihrem Brustkorb löste. Es war an der Zeit, weil das ganze Aufgestaute sie von innen aufzehrte und sie ihre Gedärme wie unter Feuer spürte und keine Luft mehr bekam.
Nie war es ihr bewusst gewesen, wie feige sie eigentlich die ganze Zeit war, nichts von dem zu sagen, was sie dachte und was fehlte.
Statt zu sagen, dass ihr kalt war, weil er sich immer weiter entfernte, und er nie Fragen stellte, weil die Antworten eh nie von Bedeutung waren, schwieg sie lieber und versuchte sich selbst zu wärmen, während sie am langen Arm verhungerte.
Im Grunde genommen war er fast schon erleichtert, als sie plötzlich anfing zu reden, denn so konnte er endlich reagieren ohne in der Schuld zu sein.
Damit brauchte er nicht nach Worten zu suchen, um sich von dem Ballast zu trennen, der mit der Zeit immer schwerer auf den Schultern lastete.
Ihm lag nichts an Taschentüchern und für Tristesse war keine Zeit.
In aller Leichtigkeit lief es sich besser und für Schuldlosigkeit gab es nichts zu sühnen.
Deswegen ging er ohne sich umzudrehen und nicht einmal die Klinke in seiner Hand brannte heiß.
Es war eh alles gesagt. Endlich.

Der Whisky brannte immer noch in der Kehle, nur konnte er leider nichts auslöschen, nichts von diesen verdammten Gefühlen und Gedanken an das was mal war.
Vielleicht hätte sie gerne noch danke gesagt, für all das, was möglich gewesen war. Aber das hat im nachhinein gesehen auch keinen Wert und Bedeutung schon gar nicht.
Irgendwann würde er sich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern, geschweige denn, wer sie überhaupt war.

Einzig Muck, der kleine schwarze Kater schnurrte und gab dem Raum einen wärmenden Klang, die Stille unterbrechend.
Seine grünen Katzenaugen leuchteten in der Dunkelheit. Sie liebte sie von der Form her, und hasste sich selbst für dieses Niesen und den Druck im Kopf, die sein weiches dunkles Fell bei ihr auslösten. Und sie waren grün.
Ganz vage konnte sie sich noch daran erinnern, dass sie ihm von diesem Problem mit Katzenhaaren erzählt hatte. Und dennoch kam er an ihrem letzten Geburtstag mit diesem winzigen Knäuel an und schenkte es ihr freudestrahlend.

Jetzt war es eh unwichtig, dass sie nie etwas gesagt hatte, weil er es morgen nicht mehr hören kann.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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3 Antworten zu Grün

  1. Kienzle schreibt:

    Guteste Arsfendi, nicht immer ist es angebracht zu schweigen. Aber manchmal muss man sich auch dies zugestehen.
    Die Frau in ihrem Text wird ihre Gründe haben nichts zu sagen. Auch das ist Kommunikation.

    Anmerkung: Im letzten Satz fehlt das Schlusswort und Punkt.

  2. arsfendi schreibt:

    Ich weiß nicht so recht Kienzle. Schweigen kann auch ziemlich mürbe machen. Natürlich ist es eine Form von Kommunikation. Aber die Intentionen sind vielfältig. Bürdet man dem Angeschwiegenen nicht sehr viel damit auf?
    Manchmal denke ich, dass man durch Schweigen dem Mißverstehen einfach zuviel Raum gibt. Leider.

  3. Umbre schreibt:

    Ein richtig gutes Fundstück unter dem Tag „Wortlos“.
    Maggie, die Katze hat für etwas gekämpft, was ihr wichtig war. Wortlosigkeit oder Schweigen ist möglicherweise dagegen ein Zeichen der Hilflosigkeit. Du nennst es im Text Feigheit.
    Für mich kommt es so rüber, dass die Frau ganz genau wußte, warum sie schwieg. Denn die meisten Antworten erübrigen sich, wenn keine Fragen gestellt werden.

    Ein gelungener Blog. Ich komme wieder, keine Frage.

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