Stich

Und dann doch noch ein paar Zeilen an Dich, den ich nicht kenne und dem ich nie begegnet.
bin.
Lange ist es her, dass ich an Dich geschrieben habe, auch wenn Du vielleicht darauf gewartet hast oder auch eher nicht.
Über so viele Jahre hast Du mich begleitet, versteckt hinter meinem Schatten, der sich oftmals dann auch über mich legte.
Es war immer wieder schön, wenn wir einen Grund hatten gemeinsam zu lachen und trostreich beruhigend an Deiner Schulter auszuruhen, wenn ich mal wieder müde und außer Atem war.
Ich weiß auch, dass Du es nicht immer leicht mit mir Querkopf hattest, gerade dann, wenn mir das Akzeptieren so unendlich schwer fiel und ich schmerzhaft durch die aufgestellte Wand wollte.
Wie oft hast Du den Kopf geschüttelt oder auch einfach nur gelacht. Aber das Resultat war immer das Gleiche, ich hab aus meinen Lektionen gelernt, wenn das auch oftmals mit blauen Flecken verbunden war, die ich mir dann aber selbst verzieh.
Manchmal hatte ich das Gefühl, Du kanntest mich besser und wusstest so viel mehr über mich als ich selbst. Und das machte mir Angst, obwohl es nie Dein Trumpf im Ärmel war.
Du hast mich machen lassen, hast mir sogar meine Illusion gegönnt. Und selbst dann, wenn ich sogar mal mich selbst überschätzte und zu hoch flog, war ich nach dem Fall nicht allein.
Heute lache ich selbst über diese Zeit meiner Selbstzweifel, so unbegründet sie auch waren.
Sie waren ihrer selbst nichts wert.
Hinter meiner Arroganz warst Du der Einzige, der meine Schwächen gesehen hat, die ich damit zu verbergen versuchte.
Heute weiß ich, dass es Unfehlbarkeit gar nicht gibt und kann mir mit Selbstironie begegnen.
Das Leben ist oftmals so wunderlich und auch wandelbar. Garantien brauchte ich noch nie.
Manchmal war diese meine Ruhelosigkeit ein Fluch und gleichwohl auch ein Segen.
Zu oft habe ich in der Vergangenheit etwas gesucht, nichts vergessen und bin doch davor geflohen, weil ich nichts fand außer kalter Asche.
Egal. Ich bereue nichts.
Für mich gab es immer ein Ganz oder gar nicht. Und Du hast mir gezeigt, dass Grenzen auch dazu da sind, um sie zu verschieben. Plötzlich ging es ganz alleine von der Hand, auch aus Unmöglichem das Mögliche zu machen.
Wenn ich geliebt habe, dann unermesslich, selbst wenn man mich nicht ließ. An der Konsequenz änderte sich damit auch nichts.
Ebenso faszinierend war es die Leidenschaft zu erleben ohne an das Danach zu denken.
Das waren die Nächte, die nachgewirkt haben und damit bleiben.
In diesen fühlte ich mich so wahnsinnig frei und spürte, dass Hingabe gleichsam mit Wiedergabe verbunden ist, ohne Forderung nach eben dieser.
Das alleine war das gute Gefühl was man sich selbst geben konnte.

Ich schreibe Dir all das hier, obwohl ich Dich gar nicht kenne. Ich weiß nicht wer Du bist, hab mich Dir nur sehr nah gefühlt in manchen Momenten.
Aber Du hast so viel zu meiner heutigen Sichtweise beigetragen, dass ich Dir einfach diese Worte nachschicken möchte.
Als Du auf einmal fort warst, empfand ich im ersten Moment so etwas wie Leere, aber im Brustton der Überzeugung rief ich Dir ein „ich verstehe“ hinterher.
Mach’s gut, wer immer Du auch warst und heute bist, es ist ok.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
Dieser Beitrag wurde unter Briefe an einen Unbekannten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Stich

  1. LisaMorre schreibt:

    Ein wunderderschöner Brief an diesen Unbekannten.
    Da ich auch die anderen Briefe gelesen habe, entsteht bei mir der Eindruck, dass die Absenderin an sich selbst schreibt.
    Sie besieht sich selbst von außen und zieht immer wieder ein Resumee.
    Eine wirklich wunderbare Idee und wunderschön in Worte gefaßt.

    Herzliche Grüße
    LisaM.

  2. arsfendi schreibt:

    Hi Lisa,

    schön, dass Du zum Lesen hier hingefunden hast.
    So ein wenig hast Du schon recht mit Deinem Eindruck.
    Obwohl, ganz im Ursprung gingen die Briefe schon an einen ganz besonderen Menschen, der mich lange Zeit aus der Distanz heraus begleitet hat.
    Nach und nach wurden sie dann zum Mittel der Selbstreflektion, was auch ein Ratschlag dieses Freundes gewesen ist.

    auch von mir liebe Grüße an Dich.

  3. arsfendi schreibt:

    Ach Großer, wenn ich Dich nicht hätte!

  4. ClaudioM schreibt:

    Unbekannte, diese Briefe von Dir sind lesenswert und ich würde an deiner Stelle auch andere von Deinen Texten in dieser Briefform umschreiben. Das könnte ein kommerzielles Projekt werden. Gerne mehr per Mail.

  5. amazone schreibt:

    So ein schöner Text, liebe Arsfendi. Er trifftt genau meine Stimmung.
    Ich bin ganz begeistert von deiner Seite.

    LG Christiane

  6. arsfendi schreibt:

    Das freut mich. Ist irgendwie auch gerade meine Stimmung.

    liebe Grüße

    Sabine

  7. amazone schreibt:

    Ich habe mich jetzt auf Deinen Seiten durchgelesen. Deine Geschichten zeigen dem Leser viel von sich selbst auf und dringen ganz tief ein.
    Ich bewundere Dich für dieses Können mit so viel Gefühl zu schreiben.

    LG Christiane

  8. arsfendi schreibt:

    Hi Christiane,

    ich wünschte manchmal ich könnte auch etwas anders schreiben. Aber dafür fließt einfach immer viel zu viel von einem selbst in die Texte.
    Bei mir fehlt es immer an der Ratio, die zwar vorhanden ist, trotzdem aber überlagert wird.
    Aber ich arbeite daran.;-))

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s