VerRückt

Er war ein kluger Kopf, manchmal zu klug um neben ihm bestehen zu können.
Ich nenne ihn mal Neil, weil ich Coraline mag und auch sonst Märchen, bei denen ich mich zu Tode erschrecke. Richard wäre auch ein guter Name, weil ich durch ihn durchs Niemalsland geflogen bin, um dort meine Identität zu verlieren.
Meine Pflanzen gediehen viel prächtiger in seiner Gegenwart, weil sie sich auch während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit fürchteten, was ich als gutes Omen ansah.

Aber bleiben wir bei Neil, um ihm als einer der sieben Ewigen Respekt zu zollen, der im Gegensatz zu allen anderen Göttern keinen Gläubigen braucht um zu existieren.
Neil war irgendwie anders als die Männer, die ich sonst so kannte. Er gefiel mir, weil er genau wie ich nicht so dem Normalen entsprach und in seinem Wahn meinem Wahnsinn sehr nahe kam.
Ihm war so herrlich bewusst, dass wir alle im Grunde genommen Götter und Monster sind ebenso wie Narren und Traumweber zugleich. Und das änderte meine Konsistenz von einem Moment zum anderen. Ich war das Wachs in seinen Händen aus dem er sich die Kerze fürs Morgengebet formte.
Neil hatte einen sehr skurrilen Charme, der ihm durchaus bewusst war und den er damit unterstrich, sich seine grauen Nackenhärchen mit einer Dauerwelle kräuseln zu lassen und den Rest dunkelbraun zu färben.
Durch seine geballte Wortgewalt konnte er jeden in Grund und Boden ziehen und sein Sarkasmus faszinierte mich immer wieder, während sein Humor der Farbe Schwarz den Rang ablief.

Neil liebte das Alleinsein. Und natürlich die Frauen. Er sprach nicht viel darüber, während ich seine Schweigsamkeit mochte.
Sie machte vieles leichter, weil man sich so dem Angenehmen widmen konnte, ohne es zu zerreden.
Manchmal lachten wir zusammen, sogar über uns selbst.
Hin und wieder genossen wir unsere Geilheit und fickten uns unsere schwarze Seele wund oder das Herz aus dem Leib, bis wir in unserem eigenen Schweiß ein Vollbad nehmen konnten.
Einmal überraschte er mich mit Orchideen, meinen Lieblingsblumen, um mir zu sagen, dass er mein blumiges Parfum nicht mag und es eher Übelkeit hervorruft anstatt Lust und Leidenschaft. Ich genoss seinen Charme und blies ihm einen, dass er die Engel tanzen sah.
Mit Neil waren es gute Trips. Der beste von letzterem war auf der Zugtoilette im ICE von München nach Venedig, wo wir sogar die Zigarette davor und danach bei geöffnetem Fenster genießen konnten.
Bis Venedig war mein Lidstrich verschmiert und ich fand meinen String nicht mehr, aber es war dann diese charismatische Eleganz einer vergangenen Zeit, die mich stattdessen gefangen nahm.

Noch bevor wir ausstiegen, schaute er mich seltsam entrückt an.
Selbstbestimmt und sehr direkt teilte er mir mit, dass er ja wüsste, dass ich Humor hätte und es mir damit leicht fallen würde es hinzunehmen, dass er jetzt gehen muss.
Ich trug es mit Fassung und schenkte ihm zum Abschied mein schönstes Lächeln, eingepackt in grünem Papier mit lustigen Froschaugen drauf und der Gräte eines Fisches.
Danach habe ich von ihm nur noch einmal etwas gehört. Aber ich kann mich auch irren.
Und bin einfach nur verrückt, weil ich im Niemalsland hin und wieder seinen Atem in meinem Nacken spüre und seine Hand auf meiner Brust und ich Verlangen nach ihm habe, genauso stark wie damals.
Dann höre ich, wie er über mich lacht und sich pfeifend abwendet um seiner Wege zu ziehen.
Er war wirklich jemand, der mich um den Verstand brachte und meine Pflanzen zum Blühen.
Ja, ich glaube der Name Neil trifft es gut.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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Eine Antwort zu VerRückt

  1. Schattenfrau schreibt:

    Einen Autoren interessant für einen Text genutzt. Gaiman ist mein Lieblings-Fantasy-Autor.
    Sandman ist unübertroffen.

    Die beste Stelle in Deinem Text ist aus dem guten Omen, Crowley und seine Pflanzen.
    Da kommt auch der Einfluss von Pratchett und seine Scheibenwelt durch.

    Gruß von einem Gaiman Fan.

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