Fließendes

“Wie ich dich sehe? So richtig habe ich dich nie gekannt, dafür warst du immer zu weit weg.
Aber du bist eine Frau, die das Unglücklichsein braucht wie die Luft zum Atmen.
Damit versuchst du dir selbst deine Bedeutungsbehaftung zu geben und bewunderst dich jetzt auch noch selbst für deinen Großmut der Leidensfähigkeit. Du versteckst dich hinter deiner eigenen Distanz und Unnahbarkeit.
Leiden kannst du dich selbst nicht, aber du bewunderst dich. Das ist das einzige,
woran du dich klammern kannst. Du hast furchtbare Angst davor, dass wenn du dich
ändern würdest, du das verlierst, was dich zu etwas Besonderem macht.
Das Unglücklichsein macht dich nicht besser als alle anderen, glaube mir.
Es macht dich nur unglücklich.”

Irgendwo stand geschrieben die Wahrheit macht frei, aber dann stellt sich die Frage wovon sie befreit und überhaupt wofür. Und war seine Wahrheit überhaupt ihre Wirklichkeit?
Die Wahrnehmung war immer eine andere und es überraschte sie schon längst nicht mehr.
Die Wahl hatte man immer. Entweder konnte man es akzeptieren oder aber man schaut auch mal selbst von außen nach innen, um reflektierend sich in Frage zu stellen.
Vielleicht hatte er ja recht, und er musste sie einfach so wahrnehmen, weil sie ihm das so und nicht anders in die Hand gab.

“Warum hast du nicht schon früher mal gesagt, wie du mich wirklich siehst?”
Erstaunt und dabei die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt, sah sie ihn fragend an.
Ihr war, als würde ein anderer vor ihr stehen, ein Fremder, der doch so unendlich vertraut schien. Sie wusste so wenig von ihm, was sich aus der positiven Korrelation stehend zu dem ergab, was sie selbst von sich preisgab.

“Du irrst dich, ich bewundere mich nicht. Stolz trifft es eher. Ich bin mir selbst noch nicht einmal wichtig. Meine Bedeutung habe ich nur gesucht, aber auch gleichzeitig Angst davor gehabt. Angst deswegen, weil ich damit etwas von mir aus der Hand gebe, was mich verletzbar machen könnte. Neutralität schien mir am sichersten, wenn auch nur simuliert.
Und in einem Punkt sind wir uns ähnlicher als uns jemals bewusst war. Wir brauchen das Gefühl der Unabhängigkeit.
Nur hätte ich gerne wenigstens einmal gespürt, dass du mich vermisst, wenn ich nicht da bin.”

Bei ihren Worten konnte sie nicht verhindern, dass ihre Gedanken zu dem Moment an dem blauen fließenden Gewässer zurückwanderten. Er floss unweigerlich an ihnen vorbei, ohne dass irgendetwas ihn aufhalten konnte. Trotzdem nahm er nichts mit, was man ihm hätte mitgeben können.
Auch wenn es ein sehr schmutziges Blau war, welches dieser Fluss in sich trug, strahlte es etwas Beständiges und Harmonisches aus, jeglicher Ironie des Seins zum Trotz. Alles wirkte so unendlich und selbst das Unsichtbare wurde zum Sichtbaren, nur in einer anderen Dimension.

“Ja, du hast recht, irgendwas hat gefehlt.”

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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