Lullaby

Damals waren wir fünf Freunde, dort in diesem kleinen Ort, in dem wir gemeinsam unsere Kindheit und Jugendzeit verbracht hatten.
Fünf Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten und die dennoch etwas Untrennbares verband.
Von diesem Leben dort, in aller Unbefangenheit haben wir wohl alle etwas mitgenommen, der eine mehr der andere weniger. Und jeder einzelne Erinnerungsfetzen war es wert geschnürt und gebündelt auf dem Rücken zu tragen, wog manches auch noch so schwer.

Marie war eine von uns. Als Freundin war sie immer irgendwie ein starker Halt für mich, vor allem dann wenn aus meiner Impulsivität heraus die Dinge aus dem Ruder liefen.
Neben Tom war Marie die Einzige, mit der ich mich wortlos verstand. Ich glaube im Danach vermochte es keiner mehr so tief zu blicken, verstehend, ohne dass ein Wort meine Lippen verließ.
Für ihre Besonnenheit habe ich Marie immer bewundert, insbesondere dann, wenn ich mir mit meiner Spontaneität selbst ein Bein gestellt habe und mein Dickkopf wieder mal gegen die nächste Wand prallte.
Ich höre Marie heute noch lachen, wenn sie mir zurief, dass ich wieder aufstehen solle um weiterzulaufen.
Und Marie lief immer. Sie hatte immer eine Vision vor Augen, die sie zum Ziel werden ließ.
Heute ist sie eine begnadete Malerin und hat damit ihren größten Traum wahr werden lassen.
Eins ihrer für mich schönsten Bilder begleitet mich bis heute.
Es ist ein sehr ungewöhnliches Portrait in Rottönen mit schwarzen Konturen. Erst auf dem zweiten Blick erkennt man, dass eine Frau darauf abgebildet ist, aus der die offene Glut von innen nach außen dringt. Im Kontrast dazu steht dieser Blick aus blauen Augen, der irgendwie ins Leere geht und damit zum Betrachter eine Distanz aufbaut, weil er Unnahbarkeit widerspiegelt.
Nach Innen gehend werden die Farben dunkler bis sie im tiefsten Schwarz enden. Die Konturen sind nicht glatt gemalt und offenbaren so etwas wie eine innere Zerrissenheit und dennoch zeugt die kräftige Farbgebung von eher starker Willenskraft.
Auch heute noch glaube ich, dass Marie mich immer durchschaut hat und wahrscheinlich besser kannte als ich selbst es vermochte.
Ihr konnte ich nie etwas vormachen und jede Maske war umsonst.
Und es war immer ein beruhigendes Gefühl Marie neben mir zu wissen. So manches Mal konnte ich in meiner Rastlosigkeit bei ihr zu Atem kommen um für den nächsten Lauf zu verschnaufen.

Als ich damals Steve kennen lernte, war mein Leben das reinste Chaos. Ruhelos schwamm ich permanent gegen den Strom und es war so als wollte ich mir selbst immer wieder etwas beweisen.
In Steve verliebte ich mich auf den ersten Blick oder ich glaubte es zumindest. Er berührte mich mit seiner Art das Leben so zu nehmen wie es ist und er brachte mich zum Lachen, selbst wenn mein Kopf durch all die Gedankenknoten schmerzte.
Er war so viel stärker als ich und ließ es mich dennoch nie spüren.
Trotzdem blieb Steve als Illusion immer unerreichbar, so weit ich auch die Hände ausstreckte um wenigstens einmal seine Haut zu streicheln, nur um zu wissen, wie es sich anfühlt.
In unserer Unnahbarkeit waren wir uns ähnlich, nur dass ich ihn dafür auch noch bewunderte, weil ich es verstand.
Ich hab nie erfahren, wie er über mich dachte und ob er nicht doch insgeheim über die Närrin lachte. Aber das war egal, ich hab ihm nie erzählt, dass ich gerne einmal in seinen Armen aufgewacht wäre mit diesem Haut an Haut Gefühl um das mitzunehmen für die Zeit nach dem Good bye.
Was blieb war ein Foto. Eine Fotografie in Blau und Moll, von der aus er mich verschmitzt angrinst, so als wolle er sagen, es hat schon alles seine Richtigkeit und so wie es ist, ist es gut.
Eigentlich ist es kein so richtiges Grinsen, eher ein wissender Ausdruck im Gesicht.
Nur Marie hat es gewusst, ohne dass ich jemals darüber gesprochen habe.
Ich war ihr dankbar, dass sie versuchte mich zu verstehen und niemals mehr darüber ein Wort verlor.
Heute höre ich oft diesen Song von Tim Hardin. Marie hat ihn mir damals geschickt, mit den Worten:
„ He, nicht traurig sein. Ihr Zwei seid einfach das ideale Paar gewesen -, euch hat’s nie gegeben.“

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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