Früher, ja früher

Mehr Schein als Sein…

Verbittert schaute sie wie immer morgens in den Spiegel, der ihr unbarmherzig die Wahrheit ins Gesicht schrie, wenn sie es auch nicht hörte oder nicht hören wollte.
Nur in diesem konnte sie zwar die Wahrheit, wenn sie denn wollte, erkennen. Letztere stand nur immer wieder konträr zur eigenen Wahrnehmung, fast wie retuschiert.
Das Gute daran war, hinter ihr, dieser eigenen gefilterten Wahrnehmung, ließ es sich gut verstecken und die Welt blieb so wundervoll bunt wie sie früher einmal war.
Ja früher, da war alles mal anders und so sollte es bleiben, der eigenen Barmherzigkeit geschuldet.
Früher war eh alles viel besser, der offene Blick in den Spiegel offenbarte dies tagtäglich aufs Neue, nur nicht ihr.
Früher war sie mal eine Schönheit und das Leben herrlich in aller Unbeschwertheit so ganz unbedarft.
Früher gab es vieles umsonst, sogar die Männer, die ihr reihenweise zu Füßen lagen um ihrem Ego zu schmeicheln, und sie damit noch ein wenig schöner machten, als sie ohnehin schon war.
Selbst die Sonne schien damals noch glühend heißer und ließ ihr langes schwarzes Haar noch glänzender erstrahlen und gab ihren grünen Augen einen wunderbar ansehbaren Touch.
Verwunderlich für sie selbst war es nur, dass sie auch früher schon keinen Mann halten konnte. Aber damals war es egal, denn wenn einer die Flucht ergriff, witterte ein anderer schon seine Chance.
Wie eine Katze konnte sie jeden Einzelnen umgarnen und erfreute sich daran, wenn er ihr half den nächsten Schritt im Leben zu vollziehen. Sogar andere Frauen durften Anteil nehmen, zumindest um das eigene Ego aufzuwerten, denn früher war sie den Sieg um den Mann gewohnt, oder es machte den Anschein, den man ihr dann auch gerne überließ.
Früher spielte sie ihre Rolle gut. Da nahm ihr jeder Mann das Kind in ihr ab, welches Beschützerinstinkte weckte und Tränen waren dazu da, um getrocknet zu werden.
Nur mit der Zeit wurde es immer schwieriger, da auch das Gesicht Zeugnis der Vergänglichkeit ist und Tränen, die sich in den Falten verfingen, konnten das Ziel nicht mehr erreichen.
Als sie schwanger wurde, gab ihr das zumindest Halt und auch die Sicherheit, leben zu können.
Aber das war früher.
Und wieder schaute sie noch ein wenig verbitterter in den Spiegel, wissend, dass früher auch nichts besser war, weil sie es niemals gelernt hatte, zu leben weil sie auch dies aus der eigenen Hand gab, um überhaupt die Möglichkeit des Überlebens zu haben.
Mit der Zeit wurde es immer schwieriger, weil der Zahn der Zeit nagte und auch sie die Spuren nicht verwischen konnte.
In ihren Träumen war sie immer noch die Kindfrau, und sie gab ihre Kraft dieser Illusion, den Anschein auch nach außen hin zu wahren.
Was anderes konnte sie nicht, außer dass es früher eben alles viel leichter war, sogar einen Schuldigen zu finden, wenn doch mal wieder etwas aus dem Ruder lief.
Da gelang es ihr sogar die eigenen Fehler zu retuschieren, genau wie die Falten, die sich unweigerlich ins Gesicht einkerbten.
Natürlich machte sie auch selbst nie Fehler, und wenn doch, genügte ein wenig Phantasie, um der Geschichte einen neuen Anstrich zu verleihen, den vielleicht der ein oder andere vollkommen geblendet nicht erkannte.
So gingen die Jahre ins Land und liefen an ihr vorüber und sie nannte es ein gutes Leben.
Halten konnte sie nichts, nicht einmal sich selbst, früher nicht und heute erst recht nicht.
Alles rann zwischen ihren Fingern hindurch, vermischte sich zu einer Brühe aus nicht gelebten Leben und nur in ihrer eigenen Wahrnehmung vermochte sie darin den Sekt zu erkennen oder zumindest den Selters, worin winzige Luftblasen aufstiegen um dann endlich an der Oberfläche zu zerplatzen.
So überlebte sie sich vom Früher ins Heute , nur dass die Luftblasen um sie herum langsam aber sicher viel schneller zu platzen begannen und sich zu den Falten im Gesicht auch noch eine Kälte gesellte, die Menschen eigen ist, die schon längst jede Realität und jedes Gefühl verloren haben.
Und nach außen hin konnte dieses Gesicht nicht lügen, auch wenn es immer noch gelang sich selbst zu täuschen oder auch den ein oder anderen.
Nur manchmal, wenn mal kein anderer da war, der ihr unter die Arme griff, konnte sie nicht schlafen und sah im Leben keinen Sinn mehr.
Nur die innere Unruhe trieb sie voran zur nächsten Suche nach jemandem, dem sie ihre Geschichte erzählen konnte und der ihr glaubte.
Früher war das zwar einfacher, denn da erhielt sie noch die Aufmerksamkeit, die sie brauchte, wo heute so manch einer nur noch ein Lächeln für sie übrig hat und vielleicht auch ein wenig Mitleid, weil nichts bedauerlicher ist als Lebensunfähigkeit, bei der man es nicht schafft alleine eben dieses zu meistern.
Aber das nimmt sie auch nicht so richtig wahr.
Wenn sie sich heute im Spiegel betrachtet, konnte sie darin noch die Jahre erkennen, die sich darin eingebrannt hatten.
Deswegen bürstete sie ihr immer noch langes Haar noch ein wenig intensiver, damit es zumindest nach außen hin glänzte und war stolz auf sich, dass der kurze Rock noch passte.
Das würde schon reichen, um die nächste Nacht mit einer kleinen Ausbeute zu überstehen.
Und wenn selbst das nichts mehr hergab, würde es neue Geschichten geben, die sie erfinden könnte, um wenigstens so das eigene Ego mit Aufmerksamkeit zu würdigen.
Vielleicht macht Not ja doch erfinderisch, wenigstens das hat die Vergangenheit sie gelehrt. Und zur Not erfindet man was und macht den Täter zum Opfer. Koste es was es wolle, früher oder später, was spielt das für eine Rolle…

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
Dieser Beitrag wurde unter Überleben, der Blick in den Spiegel, gescheiterte Existenz, Luftblasen, Mitleid, Schein, Wahrnehmung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Früher, ja früher

  1. paradalis schreibt:

    Wie bedauernswert!!

    Irgendwie dreht sie sich nur im Kreis. Immer und immer wieder. Und verpasst den Ausgang.

    … und wenn sie nicht gestorben ist …

    Gut, dass wir da realistischer sind.
    🙂

    Umärmelungsgrüße, meine Liebe!

  2. arsfendi schreibt:

    Ich weiß nicht meine Liebe, ob ich Mitgefühl mit dieser Protagonistin hätte.
    Ich glaube eher nicht, weil mir da schon jeglicher Respekt abgeht.
    Das Leben nur auf vergängliche Schönheit aufzubauen und damit sich notwendige
    (Über)Lebenshilfe zu erkaufen wäre nichts für mich.
    Ich ziehe immer wieder den Hut vor Menschen, die trotz allergrößter Schwierigkeiten, nie den Mut und die Kraft verlieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu meistern.
    Nur immer darauf bauen, dass ein anderer die Steine aus dem Weg rollt oder man jemandem diese in die Hand drücken kann -, -nein um Gottes Willen. Das nenne ich dann eher ohne Mitgefühl -erbärmlich.

    Auch Dir einen lieben Sonntagsumärmelungsgruß!
    Und vergiß nicht ab und zu unter den Sonnenschirm zu gehen.;-)

  3. bruni kantz schreibt:

    Selbstbewußtsein, das aus der Schönheit der Jugend gespeist wird, ist wackelig und die Gefahr besteht ständig, daß es verloren geht.
    Sich wackeliges Selbstbewußtsein immer wieder bestätigen lassen zu müssen, ist zermürbend und hinterläßt Spuren. Diese Spuren sind in den senkrechten Falten gut zu erkennen.
    Ach, wie wäre es gut, wenn mit der Zeit die Lächfältchen kämen, aber die werden erfolgreich vertrieben – täglich aufs Neue.

  4. arsfendi schreibt:

    Guten Morgen liebe Bruni,

    genau daran habe ich während des Schreibens auch gedacht. Im Grunde genommen ist es ein armseliges und nur scheinbares Selbstbewußtsein, bei dem man das Leben so nicht wahrhaben will, wie es wirklich ist.
    Und Leben beinhaltet die Vergänglichkeit.

    Liebe Grüße Arsfendi

  5. Anonym schreibt:

    Für so einen Menschen könnte ich auch nur Mitleid empfinden.
    Ich kannte mal real eine Frau, die bekam in ihrem ganzen Leben nichts auf die Reihe.
    Mit ihrem Aussehen hat sie sich Männer mit dickem Geldbeutel geködert. Selbst gearbeitet hat sie nie.
    Als das mit den Männern nicht mehr klappte, stand sie auf der Straße. Aber selbst da klagte sie noch jeden anderen an, nur nicht sich selbst.

  6. arsfendi schreibt:

    Da bin ich vielleicht dann doch etwas anders geartet.
    Selbst Mitleid könnte ich mit diesen Menschen nicht haben.
    So eine Lebensweise kann ich persönlich nur verurteilen.
    Diese Menschen belügen doch nicht nur andere, sondern vielmehr sich selbst.
    Ich ziehe den Hut vor jeder Frau, die selbst in der Not sich ihr Leben nicht aus der Hand nehmen läßt und sich selbst aus jedem Dreck wieder herausziehen kann.
    Hinzu kommt, dass ich Menschen eh nicht mag, die Fehler nicht eingestehen können und selbst wenn es offensichtlich ist, auch noch einen Dummen suchen, dem sie dieses in die Schuhe schieben können.
    Ich hab vielleicht zuviele von diesen Geschichten in letzter Zeit gehört, als dass ich Mitleid damit hätte.
    Für derartig Hausgemachtes gibts bei mir nur noch ein müdes Lächeln.

  7. Anonym schreibt:

    Da hast du natürlich Recht.
    Aber es wird womöglich auch immer Liebesblinde geben, die ihre Gefühle nach dem Aussehen ausrichten und diesen armen Menschen unter die Arme greifen.
    Die glauben dann auch den Geschichten und begreifen damit gar nicht, dass sie schon längst in die Falle getappst sind.
    Selbst schuld, oder etwa nicht?

  8. arsfendi schreibt:

    Na ja, wer es braucht.
    Für mich haben diese Menschen einfach nur ein sehr geringes oder gar kein Selbstwertgefühl, wenn sie sich nur auf ihr Aussehen reduzieren können, da ja nichts anderes vorhanden ist.
    Besonders schlimm wird es dann, wenn sie merken, dass andere Menschen noch anderes zu bieten haben. Wenn sie es überhaupt bemerken.

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