Geliebte Hure, ein bisschen ist nicht genug

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Es ist 3:20 Uhr
in einer bedeutungsschwangeren Nacht.
Möge die Realität noch ein wenig
außer Reichweite bleiben.*
[völlig frei nach Frédéric Beigbeder]

„Was bin ich für Dich?“
Diese Frage hatte sie ihm nie gestellt.
Nicht, dass es sie nicht interessiert hätte, es war eher die Forderung nach einer Antwort, die damit einherging und sie selbst störte.
Wie immer lag er vollkommen ruhig atmend neben ihr im Bett, die Arme fest um sie geschlungen.
Es schien fast so, als wolle er sie am weggehen hindern, aber sie wusste es besser.
Zudem kam es ihr in dem Moment selbst so vor, dass sie kaum noch Luft bekam, weil ein Atmen kaum noch möglich war.
Statt ihn zu fragen, hatte sie bei sich die Antworten gesucht, oftmals sogar tief gegraben und sich dabei blutige Fingerspitzen geholt.
Nur auf der Suche nach sich selbst, hatte sie sich einmal zu oft verpasst und es schien fast so als würde sie bereits schon in die Kluft zwischen dem was sie wirklich ist und dem was sie sein wollte, gefallen sein.

Damals, als er in ihr Leben kam, hatte er sie förmlich überrollt.
Ohne jegliche Renitenz ließ sie es zu, dass er Besitz von ihr ergriff.
Warum auch immer, es war keine Zeit zum Nachdenken.
Es war einfach ein Flug durch die Tiefen der Singularität, ohne Suche nach einem Fallschirm oder für alle Eventualitäten, nach der Notlandebahn.
Er war einfach da und damit hoben sie gemeinsam ab.

Ganz in ihn hineinschauen konnte sie nie. Im Grunde genommen,
so richtig kannte sie ihn auch heute noch nicht, auch wenn sie zu gerne mal wenigstens durch eine winzig kleine Öffnung durchgelukt hätte.
Bis zu der Schicht unter seiner äußeren Schale konnte sie gerade noch schauen, denn das war es, was er gerade noch riskierte aufzudecken.
Aber alles andere lag auch heute noch im Verborgenen.
Da konnte sie bohren so tief sie wollte, es würden immer Geheimnisse im Nebel verschwinden, ohne dass es möglich wäre, sie aufzudecken.
Denn es waren alleine sein, die ihn in aller Introvertiertheit umwehten.

Und sie nahm es hin, weil darin vielleicht auch der Reiz
in seiner ganzen Anziehungskraft lag.
Es war keine Liebe im herkömmlichen Sinne, die ihn mit ihr verband, trotzdem genoss sie es immer wieder in seinen Armen die Hure zu sein, ihm zu Willen, weil es auch der Ihrige war.
Da fühlte sie sich geliebt und das Empfinden als Kurtisane gab nicht nur ihm etwas in aller Zärtlichkeit und Lust.
Denn gerade in diesen Momenten fühlte sie sich einzigartig und alleine das zählte.
Das war ein großartiges Gefühl, bis zum Aufwachen und es kalt am Morgen ist, weil nichts greifbar war, was wärmen konnte.
Nur der Rest im Rotweinglas und kalter Zigarettenrauch
im Raum.
Die Musik vom Band verstummte noch in der Nacht zuvor.
Und dennoch zählten diese Momente zusammen mit ihm viel mehr
als alles danach.

Gerne nahm er sie als Kind an seine Hand. Ob sie es wollte, danach hatte er nie gefragt.
Vielleicht war es die Schulter als Freund, die sie hin und wieder gebraucht hätte,
Aber dazu hätte es mehr Nähe bedurft.
Vertraut sein ist gut, aber daneben hätte es auch Vertrauen gebraucht um die Distanz zu überwinden.
Einem Kind kann man viel erzählen, es wird immer mit großen
Augen sein Gegenüber anblicken.
Aber auch ein Kind stellt Fragen, ist wissbegierig und braucht Antworten.
Ohne Antworten schwindet irgendwann das Vertrauen und löst sich
in Luft auf.
Es verhungert am langen Arm, wenn zuviel im Verborgenen bleibt.

Er lag immer noch ruhig atmend neben ihr.
Sanft berührten ihre Fingerspitzen die Haut seines Armes.
Alles war so schwer durchschaubar und vieles davon verflüssigte sich ohne ihr Zutun und rann wie Wasser zwischen ihre Finger hindurch. Unaufhaltsam.
Und dann greift seine Hand wieder nach ihr, ergreift von ihr
Besitz und lässt sie zu Wachs werden.
Manchmal zeigt er dann sogar so etwas wie Gefühl und will wissen was er für sie ist und erwartet, dass sie ihre Emotionen offenbart
Heute würde sie ihm keine Antwort darauf geben können, oder sie würde ihm nicht gefallen.

Ein bisschen war noch nie genug und sie wäre ihm gerne alles gewesen.
Hure, Geliebte, Kind und Freund, und das bedingungslos.
Auch mit den ganzen Geheimnissen, die ihn umgeben.
Einfach ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.
Nur das Eine oder das Andere kann auf Dauer nicht reichen.
Zu Gehen würde ihr schwer fallen, aber wenigstens darauf kannte sie die Antwort.

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Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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5 Antworten zu Geliebte Hure, ein bisschen ist nicht genug

  1. Hans schreibt:

    „Einfach ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.“

    Das ist die Quintessenz einer funktionierenden Beziehung (jeglicher Art), über die Zeit betrachtet.
    Dabei dürfen Geben und Nehmen gerne auf einer Wippe sitzen…

  2. arsfendi schreibt:

    Hallo lieber Hans,

    richtig gewippt ist schon halb gewonnen.
    Zu dem Thema habe ich gerade im Forum einen interessanten Artikel gelesen.
    Über eine gescheiterte Beziehung, wo die Protagonistin sich selbst förmlich aufgegeben hat und er nur Forderungen gestellt und genommen hat.
    So eine Beziehung im Ungleichgewicht kann auf Dauer einfach nicht passen, wobei ich denke, dass da sogar beide am Scheitern ihre Schuld tragen müssen.

    Liebe Grüße
    Sabine

  3. Bernd S. schreibt:

    Tja, eine (be)rührende Story!
    Ich werde die arsfendi jetzt überall lesen!

    winkt
    Bernd
    astromant

  4. nurembourgh schreibt:

    …für die Realität ausser Reichweite bleiben, und doch mittendrin…und irgendwann eine Antwort bekommen…“Was bin ich für Dich?“…vielleicht nicht mehr aus dem selben Gesicht gesprochen, welches den fragenden Mund betrachtet hat, aber vielleicht irgendwann wenigstens eine Antwort…auf einen Rücken gezeichnet, der sich mir offenbart hat…und auf Füssen sitzend, die einem entgegenlaufen, dann, wenn ein Mund sich öffnet, um endlich Verstehen auszusprechen…Niemand kann in Unwissenheit wachsen, und geheimnisvoll bleibt ein Mensch, der sich trotzdem offenbart, denn selbst die Hure will gesehen werden…

  5. arsfendi schreibt:

    Glück bedeutet für mich heute, nicht fragen zu brauchen: „was bin ich für Dich.“
    Glück bedeutet es immer zu wissen.
    Und Vertrautes spiegelt Verstehen wider. Und reden bedeutet vertrauen.
    Und immer wieder auch Verstehen ohne Worte, weil schon ein Blick genügt, oder eine Geste oder ein Lachen.
    Du wirst immer wissen was Du für mich bist und ich weiß, was ich für Dich bedeute.
    Das ist Glück pur.

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