Flüchtig

Unbenannt-4

„Sorry, ich bin noch ein wenig außer Atem. Ich bin jetzt gelaufen und gelaufen, so schnell und so weit ich konnte. Und schon auf dem letzten Stück musste ich die Zähne zusammenbeißen. Nicht, dass meine Kondition die Schlechteste ist, aber ein Fluchtreflex zwang mich bisher immer für ein höheres Tempo an meine Grenzen und darüber hinaus zu gehen.
Und ganz ehrlich, haben Sie schon mal den Wind im schnellen Lauf erlebt, dann wenn er Ihnen mit aller Kraft ins Gesicht bläst und alle Gedanken förmlich aus Ihrem Hirn fickt?
Es ist ein Genuss.
Sie vergessen irgendwann sogar sich zu erinnern, glauben Sie mir.“

Sie war nicht vorbereitet auf eine Begegnung. Flüchtende wollen niemanden sehen.
Manchmal verlieren sie sich im schnellen Lauf, suchen sich selbst um sich dann doch zu verpassen.
Er kam ihr auf unebener Strecke entgegen. Ganz in Schwarz gekleidet, die Augen geradeaus gerichtet und den Rücken durchgedrückt. Sein Gang war leicht federnd und etwas in seinem Blick ließ sie einfach stehen bleiben. Ein Fremder und doch glaubte sie, ihm schon einmal in einem ihrer wirren Träume begegnet zu sein.
Er schaute sie einfach nur wissend überlegen und durchdringend an, dass sie sich fast nackt vor ihm fühlte.
Sie war jetzt schon so lange auf der Flucht, nicht nur vor anderen, sondern hin und wieder sogar vor sich selbst. Es war immer diese Unruhe in ihr, die sie vorantrieb, als Motor für diese Stetigkeit, die so vorhersehbar war, wie das nicht bleiben zu können.
Anzukommen entpuppte sich als Illusion, der sie sich eh nie hinzugeben vermochte. Denn es blieb nie etwas so wie es war und es war nie etwas wie es ist oder sein würde.
Und dann diese wiederkehrenden Träume in dieser Schlaflosigkeit, die sie laufen ließen, ohne jemals zu Atem zu kommen.
Und sie lief und lief und lief, gejagt von ihren eigenen hämmernden Gedanken im Kopf mit neuen Visionen vor Augen ohne den Blick rückwärts zu richten. Und doch wusste sie immer, dass da etwas war, was sie verfolgte im Schatten ihrer selbst. Schwer trug sie an ihren Fehlern und an der Schuld, die sie auf sich geladen hatte mit der Einsicht, dass nur dazu stehen wohl das Beste ist.
Immer wieder ging es durch Berg und Tal, ohne Unterlass dafür mit Adrenalin als peitschender Trieb, dem selbst kein Ende zu setzen.
Mal waren es dunkle Einöden, wüstenartige Gebilde, schwarz in grau, wo der Durst die Eingeweide ausdorrte und das Herz sich vor Schmerzen zusammenkrampfte.
Dann wieder lief sie durch braun grüne Wälder, durch die der Sturm brauste und der Regen sich in ihrem Haar verfing. Das weiche Moos tat ihren wunden Füßen gut und dennoch flüchtete sie vor diesen Stimmen, die sich in den rauschenden Blättern verfingen und damit zum Echo mutierten.
Manchmal erklomm sie Eisberge und spürte nicht einmal den Schmerz des Erfrierens.
Dem folgten Feuerfluten, die zwar die Glut in ihr entfachten, dafür aber nicht wärmten, weil sie doch wieder erloschen.
Prickelnde Momente erlebte sie im Flug, genießend, ohne nach einem Notlandeplatz Ausschau zu halten.
Sie lief weiter und immer weiter, vom Unsichtbaren gejagt, weil sie nichts festhielt in dieser verdammten Bedeutungslosigkeit, der sie sich freiwillig stellte.
Es war nie an der Zeit anzukommen oder zumindest zu rasten, um endlich mal ein wenig zur Ruhe zu kommen.
Zuweilen war es auch der bequemere Weg einfach wegzurennen, dann wenn das Fell nicht ausreichte und schützte, weil es zu undicht war und zuviel Ungemach hindurchließ. Erdrückende Enge konnte sie nie ertragen, also floh sie so schnell sie konnte, nicht nur um des Laufens willen.

Er sprach nicht viel, schaute sie einfach nur an, aber in seinem Gesicht konnte sie erkennen, dass er verstand, sogar das, was nicht einmal sie verstehen konnte.
Ganz leicht berührten seine Hände ihr Haar, flüchtig, so als wolle er etwas Unsichtbares einfach wegstreichen.
Verwirrt spürte sie, welche massive Kraft von ihm ausging und wünschte plötzlich für einen Moment sich vertrauensvoll anlehnen zu können, einer Magie folgend.
Es ging etwas von seinem Körper aus, das sie lähmte und widerstandslos, ja fast willenlos machte. Sein Geruch ließ sie leicht erzittern.
Es war der Duft eines Mannes, der begehrte.
Sie konnte Leidenschaft darin spüren und den Schweiß der Ekstase.
Sein Gesicht zeigte ihr, dass auch er gelebt hatte und geliebt in aller Unermesslichkeit.
Ihr Herz pochte wie wild und sie spürte etwas fast Vergessenes in sich, eine Spannung, die durch ihren ganzen Körper zog.

Der Gedanke, einmal nur wieder ohnmächtig sein, ohne jede Macht ohne jeden Verstand,
Leidenschaft und Lust spüren ohne die Last des Denkens an das Danach, war prickelnd und sie ließ ihn zu.
Es würde keine Rolle spielen, wenn er morgen seinen Weg fortsetzen und sie wieder laufen würde.
„Denk jetzt nicht“, flüsterte er ihr leise ins Ohr.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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2 Antworten zu Flüchtig

  1. gokui schreibt:

    „…Sie vergessen irgendwann sogar sich zu erinnern, glauben Sie mir.“

    ich glaube ihnen. das ist der moment beim laufen, wo man beginnt zu vergessen, daß es anstrengend ist.

  2. Pingback: glaubensfrage « himitsu- bako

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