Sternenklar

Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt. Doch in der Magie des Augenblicks sind wir jenseits von Raum und Zeit – und nichts hat ein Ende.

Es war mal wieder einer dieser verflixten Tage, an denen alles schief lief.
Tage, an denen das Aufstehen so unendlich schwer fiel und an denen sogar der Blick in den Spiegel einem das kalte Grauen einjagt.
Durchwachte Nächte gefüllt mit Sehnen nach den Stunden zuvor und der Wunsch Glück halten zu können für alle Zeit danach.
Ihr Kopf dröhnte und vor ihren Augen lief immer wieder der gleiche Film ab.
Warme Haut an Haut und Liebe aus jedem Blick, welcher in aller Kälte wärmte und das Feuer selbst nährte.
Er allein gab sich selbst ohne zu fordern und dafür liebte sie ihn mit einer Leidenschaft, die sie selbst immer wieder aufs Neue faszinierte.
Nur sie allein wusste, dass es nie so war, wie sie es sich selbst versuchte glauben zu machen.
Es waren einzig ihre Gedanken und damit eine Welt die real so nie existierte.
Und dennoch machte es so vieles vergessend oder zumindest verdrängte sie in solchen Momenten, was sie sonst von innen auffraß, wie ein elender Wurm, der sich in allen Innereien breit machte, hungrig auf alles was sie angestaut hatte.

Ihr Kopf schmerzte. Sie musste raus, fliehen vor sich selbst und der eigenen Verantwortung, die sie nur sich selbst gegenüber forderte.
Manchmal hatte sie das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, dann wenn sie die Abrasion des Berges, der sich auftürmte, von sich erwartete, ohne jemals auch nur einmal sich etwas von der Last anmerken zu lassen.
Manchmal gelang die Simulation perfekt, auch wenn es an den Kräften zehrte. Aber Schwäche zu zeigen war nicht gestattet, so hatte sie es gelernt.

Draußen war es sternenklar.
Tief sog sie die Nachtluft ein. Die Kühle tat ihr gut und prickelte auf ihrer glühenden Haut.
Der Wind wehte eisig ins Gesicht, und wirkte damit ein wenig befreiend und der gefräßige Wurm in ihr machte einen kurzen Moment Pause.
Der Park war fast menschenleer.
Da saß er wieder mutterseelenallein auf dieser Bank, zu der sie immer ging, wenn sie sich selbst von ihren Gedanken für einen kurzen Moment befreien wollte.
Sie kannte ihn schon so lange, diesen alten Mann, der immer ein wenig traurig blickte und dennoch von seiner ganzen Haltung her so stolz wirkte.
Damals, als sie sich neben ihn setzte, begann er wie selbstverständlich zu erzählen, von seinem Leben, von der Frau, die ihn verlassen hatte, weil er zu sehr liebte, und er Trost im Alkohol suchte, der gar keiner war.
Er sprach von den Fehlern, die er gemacht hatte und die er bereute, jetzt da es zu spät war.
Alles war ihm zwischen den Fingern zerronnen. Nichts hatte er halten können.
Am Rad des Schicksals drehten so viele. Nicht alles liegt in eigener Macht.
Aus seinen Augen aber blitzte der Stolz des Nicht daran Zerbrochen zu sein mit der Einsicht, dass es an einem selbst liegt immer und immer wieder auch selbst wieder aufzustehen.
Er blickte kurz auf, als sie sich wieder einmal neben ihn setzte und lächelte erkennend.
Sie erinnerte sich an seine Worte von damals.
„Kleines, lass niemals zu, dass die Angst vor dem nächsten Schritt dich auffrisst. So wie sie mich aufgefressen hat.
Es lohnt sich immer zu kämpfen. Geh Deinen Weg mit der Überzeugung, dass es der richtige ist und lasse Dich nicht beirren.“

Als er sie anschaute nickte er kaum merklich. Trotzdem wusste sie, dass er verstand.
Von dieser Angst hatte sie sich nie ganz auffressen lassen. Irgendwie ging es immer weiter. Vielleicht auch, weil sie sich so oft an diese Worte erinnert hatte. Und der Kampf hatte sich immer wieder aufs Neue gelohnt. Da wo sie heute stand, sah selbst dieser Fremde, dass sie ihren Weg bis jetzt gut gegangen war.
„Man sieht Dir an dass Du glücklich bist. Glücklich durch Dich selbst. Doch manchmal steht Dir noch Dein Stolz im Weg. Das braucht es doch gar nicht. Gesteh Dir Deine Schwächen auch mal ein und übersehe nicht die Hand, die Dir gereicht wird.“
Er sprach ganz leise zu ihr und dennoch wusste sie, dass er genau ihren wunden Punkt getroffen hatte.
Viel zu oft stellte sie sich selbst ein Bein. Immer wieder suchte sie sich in den Irrungen der Wege um sich dann doch wieder zu verpassen.
Manchmal überholte der eigene Schatten sie, oder sie hörte Stimmen aus dem Inneren, die aber mit einer anderen Sprache in ihr Ohr flüsterten und sie damit nichts verstand.
Als er wieder ging, schaute sie ihm lange nach.
Sein Gang war schleppend aber aufrecht, so wie jemand, der sich trotz allem, trotz jeder Niederlage immer noch seines Stolzes bewusst war.
Er war ganz in Schwarz gekleidet und ihr schien es, als wenn er mit jedem seiner Schritte etwas mehr an seine eigenen Worte glaubte.
Sie hatte verstanden, was er ihr sagen wollte, so wie damals, als er sie auch schon offen mit seinen Worten konfrontierte.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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Eine Antwort zu Sternenklar

  1. luna schreibt:

    Ich erkenne mich teilweise in deinen Zeilen.

    Immer weiter, immer geradeaus und steh mir dabei selber im Weg.

    Jetzt aber, genau jetzt, breche ich aus!

    Geniesse es, geniesse Ihn.

    Küsse, Zärtlichkeiten und Gefühle…

    It´s my way, now…

    Ich mag deine Art zu schreiben und werde immer lesen, wenn Du etwas zu *sagen* hast!

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