Wegezoll

„Du hast irgendwas, nicht wahr?“
Es war nicht wie sonst und für Veränderungen hatte sie mit der Zeit ein Gespür bekommen.
Schweigen war nie unangenehm gewesen, zumindest damals nicht. Nur heute ergab sich ein Gefühl, dass er etwas sagen wollte, aber einfach nicht die richtigen Worte fand.
Gerne wäre sie ihm entgegengekommen, um der Leichtigkeit Willen, die sie sonst immer verband, aber er schaute an ihr vorbei und verpasste sie Meter für Meter.

 „Nein, es ist alles gut.“
Erstaunt sah sie ihn an. Es passte nicht zu ihm.
Er würde sie nicht absichtlich verletzen wollen, aber es war die Direktheit, die ihn ausmachte.
Er versteckte sich nie hinter Ausflüchten und wollte in seiner Ehrlichkeit auch den Schmerz niemals verhindern, nicht einmal seinen eigenen.

Das Donnergrollen war schon in der Ferne zu hören.

Sie verspürte die Gänsehaut, die dieses Geräusch verursachte und wusste, dass auch dieses Mal die Furcht nichts aufhalten konnte. Dennoch schloss sie die Augen, um wenigstens der Grelligkeit des Blitzes ein wenig entgehen zu können, auch wenn sie bereits ahnte, dass es ein sinnloses Hinterfangen sein würde. Blitze schlugen gnadenlos am Himmel auf und Spannung musste sich entladen, ohne Rücksicht auf das ängstliche Gemüt.

Regen prasselte bereits seit Stunden gegen die Fensterscheibe. Sie hatte längst aufgehört die Tropfen zu zählen. Die Wassermassen würden die Luft reinigen, so wie es sein musste. Und sie taten es ohne Unterlass. Vielleicht war es gut, es lag oft so viel Schmutz auf allem was das Auge wahrnahm, und sie wollte nicht mehr. Dabei war es keine Resignation, vielmehr eiserner Wille dem jetzt erst recht zu folgen, um damit den Visionen Ziele folgen zu lassen. Da gab es Träume, die es wert waren sie vor Augen zu sehen, wie einen Film der sich aus Momenten zusammensetzte und von Frequenz zu Frequenz der Wirklichkeit näher kam, weil die Bilder klarer wurden.

Sie waren durchsetzt von Wünschen, die sich der Zuversicht hingaben der Erfüllung nahe zu kommen. In den Träumen wurden sie real und niemand konnte sie nehmen auch wenn dies ihre Angst war. Trotzdem wusste sie, dass sie sie für keinen Preis hergeben würde, nicht einmal für Zins und Zinseszins.

 Früher hatte sie Angst um ihre Träume. Angst davor, dass sie derer beraubt werden könnte. Denn sie waren eins mit ihr, fest verwachsen mit dem Herzen verbunden. Immer wieder kämpfte jeder einzelne von ihnen mit Widersachern wie Hass, Neid und Gier, dann wenn er in die Realität tritt, um die Erfüllung zu suchen. Oftmals war es ein Kampf bis aufs Blut, und sie wurde stärker je mehr die Realität sich als Gegner entpuppte. Alles konnte man ihr nehmen, aber ihre Träume gehörten ihr. Und das machte sie stark. Vor allem im Bewusstsein des Wertes ihrer Träume, konnte sie selbst ihre Zuversicht steigern und Paroli bieten.

 „Ich werde gehen. Ich muss es tun. Zu leben mit einer Schuld, die eigentlich keine Schuld ist, zumindest nicht meine, das kann ich nicht. Aber sie hält mich gebunden an einen Weg, wo ich schon längst glaubte alle Brücken abgerissen zu haben. Es tut mir so unendlich leid, weil ich lieber bliebe. Hier bei dir, wo ich das erste Mal zu Hause war und mein Herz bleiben wird. Es zerreißt mich, und ich hoffe, dass Du mir irgendwann verzeihst.“ Ganz ruhig und sachlich sprach er die Worte aus.

 „Ich weiß. Wir hatten eine gute Zeit. Du warst das Beste, was mir im Leben passiert ist und ich möchte keine Sekunde unserer Zeit missen. Ich habe es schon lange gewusst, dass Du genau dorthin wieder zurück musst, und ich nicht die Chance habe, dich zu halten, weil uns sonst die Schuld alles geraubt hätte, was uns verbindet. Und so nehmen wir beide etwas mit für Zeit jetzt im Danach. Da gibt es auch nichts zu verzeihen, wir haben alles gegeben und uns sogar den Himmel ein Stückchen weit runter zur Erde geholt.“ Zärtlich strich sie ihm über das Gesicht und wünschte sich, er würde sie gerade jetzt nicht so unendlich traurig anschauen. Sie wollte es ihm nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon war.

In Gedanken nahm sie ihre Jacke und schloss die Tür hinter sich. Der Regen tat ihr gut und mit ihm der Wind, der vieles mitnehmen würde. Er prasselte ihr ins Gesicht und sie ließ es geschehen ohne sich zu wehren und zu schützen. Es gebrauchte keinen Schutz, weil sie sich selbst dem hingab die Dinge so zu nehmen wie sie sich ergaben. Für den Moment war es sogar herrlich dem Blitz entgegenzugehen und zu spüren, wie er über ihr die Spannung entlädt und nicht einmal das Grollen des Donners machte etwas aus, selbst als es ohrenbetäubend immer näher zu kommen drohte

Sie hatten es wenigstens versucht und es gab einiges, was man mitnehmen konnte.  Irgendwann wird es aufhören zu regnen, auch wenn immer wieder Wolken sich bilden werden. Das ist der Lauf der Dinge, den es nicht zu ändern gilt.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
Dieser Beitrag wurde unter Abschied, Schmerz, Schuld veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s