Erlegt

Lange war es nicht mehr so kalt gewesen. Selbst der Frostmond schaute eher grimmig drein und die Wölfe kauerten in ihren Höhlen.
Menschen sah man kaum und wenn dann in ihren Hütten, wo sie laut grölend sich mit Wein wärmten.
Manches Tier verendete draußen alleine für sich und man musste sich abwenden von dem gebrochenen Blick aus traurigen leblosen Augen, die fast einer Anklage gleichkamen.

Irgendjemand besiegt immer einen anderen und wendet sich dann ab um lieber den Triumph zu feiern, als sich umzuwenden um noch einmal in diese Augen zu schauen. Wie muss sich der Stier in der Arena fühlen, der unter frenetischem Beifall, den letzten Todesstich erhält?
Er wurde geboren um unter Schmerzen zu sterben, nur weil ein anderer seine Macht über Leben und Tod demonstrieren muss. Tiere folgen immer ihrem Instinkt und wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, beißen sie zu.

Beim Menschen ist das anders. Da treibt die Intelligenz die Blüten, wo es um Macht, Sieg oder Niederlage geht. Wem der Egoismus nicht gegeben ist, geht vor die Hunde.
Der Mensch schlägt bewusst zu, nicht aus der Not geboren, sondern rational für den eigenen Vorteil. Seine stärkste Waffe ist das Wort, welches gezielt gesetzt, verletzender als jede Biss sein kann. In dieser Eiseskälte konnte man oft das Heulen der Wölfe hören.
Es ging einem durch Mark und Bein, weil es sich wie das Schreien eines kleinen Kindes anhörte, welches zum ersten Mal einen Schmerz empfand und nicht wusste warum.
Der Hunger trieb sie in die Dörfer, in der Hoffnung dort etwas gegen diesen Schmerz zu finden, was wenigstens den nächsten Moment überbrücken könnte. Vieh fanden sie kaum, denn die Ställe waren gut verbarrikadiert, nur ab und zu war es mal ein Huhn, welches sich verirrt hatte. Ein paar fanden dabei selbst ihren Tod, manchmal durch Erschöpfung dann wieder durch eine von Menschenhand gefeuerte Kugel, die die Macht des stärkeren demonstrierte.

Manchmal des Nachts lagen sie im Schutz einer Höhle ganz eng beieinander gekauert mit traurigem Blick und das Geheul klang gequälter und noch ein wenig höher als sonst.
Als sie es nicht mehr aushielten machten Zwei sich auf, während die anderen ihnen kraftlos und angsterfüllt nachblickten. Vielleicht würden die Zwei es schaffen, wenn einer für den anderen einsteht und Acht gibt, weil Stärke summiert auch Kraft gegen den Stärkeren gibt.
Stolz war ihnen zu dieser Zeit schon nicht mehr gegeben. Es war der Kampf ums Überleben, nicht mehr und nicht weniger. Ihre Körper waren bereits schon entsetzlich ausgemergelt und die Rippen standen jämmerlich heraus. Zuerst hatten sie Glück. In der Gemeinsamkeit gelang es ihnen schon am ersten Tag ein Schaf zu reißen. Doch die beiden wurden übermütiger und die Menschen hassender.
Und dieser Hass gab ihnen Macht. Macht über Sieg oder Niederlage zu entscheiden. Der Stärkere gewinnt. Wie wilde Krieger machten sie sich mit Gewehren und Äxten blutrünstig auf den Weg. Gegröle und Gejauchze erklang auf den gefrosteten Wegen. Einen erwischten sie sofort. Eine Kugel traf ihn am Hals und er verendete qualvoll.

Stolz war der Schütze auf sich und andere klopften ihm anerkennend auf die Schulter. Er hatte von Angesicht zu Angesicht zum Schlag ausgeholte und schon der erste Treffer saß. Der zweite Wolf entkam und rannte so lange, bis er halbtot in den Schnee sank.
Er vermisste seinen Gefährten und es machte ihn traurig, dass er nicht helfen konnte.

In der Not ist jeder allein. Vielleicht hätte er damit rechnen müssen, dass manchmal der Mensch unberechenbar ist und damit das Ruder aus der Hand gleitet. Angstvoll blickte er sich um. Hier war er schutzlos allem ausgeliefert. Aber hatte Flucht überhaupt noch einen Sinn? Aber kampflos wollte er sich nicht ergeben. Etwas weiter weg sah er den rettenden Bergwald schon vor sich, steil und mühselig zu ersteigen.
Es war ein Test für ihn selbst, überleben oder sich zum Sterben ergeben. Nur die Gegebenheiten forderten bereits ihren Tribut. Sie hatten ihn ausgesaugt und er war noch nicht einmal mehr zur Gegenwehr bereit. Ein wenig kraftlos zog er sich selbst hoch und stand bereits zum Lauf bereit, als der erste Schuss fiel. Er warf den Kopf in die Höhe und hob die Pfoten um den ersten Schritt zu tun.
Das Blut färbte den Schnee unter ihm rot, aber er spürte den Schmerz nicht. Hinter sich hörte er Stimmengewirr aus Flüchen und Befehlen und wieder Lachen. Mit letzter Kraft erreichte er den Schutz einer Tannenschonung. Sichtlich erschöpft erklang nur noch ein heiseres Gejaule. Hunger verspürte er nicht, nur einen leisen Stich aus dieser verdammten Wunde. Sein Herz pochte schwer und er leckte an seiner Wunde, aus der nur noch ein wenig Blut tropfte.

Am Himmel erhob sich ein blutroter Mond, der nie roter war. Die nächsten Schüsse verfehlten ihn und er schaute sie noch an, als sie mit Stöcken und Äxten über ihn herfielen. Er fühlte es schon nicht mehr. Er hörte auch schon nicht mehr ihr Lachen und Grölen, auch nicht mehr ihren Gesang.
Er spürte nicht einmal mehr ihren Hass nur noch unendliche Ruhe. Der Mond hing immer noch blutrot oben am Himmel und sein Licht spiegelte sich in den gebrochenen Augen des Wolfes wider.

***

inspiriert durch:

“Wohl dem, der ein mitfühlendes Herz findet, das mit gebanntem Interesse lauscht, das an manchen Stellen zusammenzuckt, sich selbst kurz von den Schmerzen berühren läßt, ohne unter der Bürde zusammenzubrechen und dann selbst um Hilfe zu rufen. Durch selbstloses, aber aktiv mitfühlendes Zuhören wird die Erfahrung gemacht, daß man nicht mit allem allein fertig werden muß!” (Clarissa Pinkola Estés – Die Wolfsfrau)

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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