Apokalypse now

Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs. Schwarze Gestalten, ausgestoßen, unbeheimatet, behaftet mit dem Stigma der Beflecktheit und versunken im Dreck den dieser Planet in seinen Untiefen zu bieten hatte. Das System hatte versagt und seine Schuldigen gefunden, die es bereitwillig vor dem großen Tribunal auf sich nahmen. Kein Aufbegehren und kein Jammern, einzig der Stolz war noch in Restbeständen zu verscherbeln, vor allem heiß begehrt und im Dutzend noch etwas teurer, weil das Angebot die Nachfrage bestimmte.

Auf der Suche waren sie alle. Auf der Suche nach dem Licht in der Dunkelheit und der Wahrheit im Trüben. Auf der Suche nach der letzten Träne und dem letzten ehrlichen Kuss.Aber das wussten sie da noch nicht, weil die Gedanken schon da unfrei waren und alles erzwungen und zur Lüge verbannt. Keiner nahm viel mit auf diesem Gang durch die letzten Gassen des Infernos der Sünde und des daraus fließenden Blutes. Nur ein einziges Teil gestatteten sie sich, an anderem war schwerer zu tragen. An der Schuld und an dem Schmerz der Verlogenheit einer verlorenen Wahrheit. Ein letzter Grashalm, an dem man sich festhalten konnte, ein Stein der schwer wog, gefunden in einer Kloake von Glasscherben, ein Foto vom Sonnenaufgang am Meer, welches schon in ein tiefes Dunkelgrau eingetaucht war und schlammig roch, ebenso der letzte Apfel, den Adam übriggelassen hatte, konserviert in einer ätzenden Substanz von menschlicher Hand gebraut. Sie begegneten nur wenigen menschlichen Wesen, in dem Schwarz der Steinwüste, welche nur noch wenig mit dem Business und Stahlglanz der ehemals stolzen Metropole gemein hatte.

Nur auf dem steinigen Boden glitzerten vereinzelt ein paar Münzen, um den letzten Wert noch zu signalisieren. Hin und wieder huschte ein Schatten vorbei, nicht aufschauend, eher den Blick angstvoll nach unten gerichtet, weil die Furcht vor Ansteckung mit der Menschlichkeit manipulativ intravenös gespritzt war. Im Hinterhof vor der letzten Biegung des direkten Weges in die Verdammnis sah man noch kurz einen hellen Schein des übrig gebliebenen Feuers, festgehalten in der Stahltonne, vor dem sich zwei Individuen die letzte Berührung der Lippen noch zugedachten, bevor sie sich abwendeten um am Gefühl zu ersticken, welches vielleicht das Recht gehabt hätte an Bedeutung zu gewinnen. Heimlich hatten sie sich noch ein letztes Mal geliebt, weil es ihnen wichtig war sich noch kurz an dem Gefühl festzuhalten. Doch in der Nässe ihrer Zungen vermischten sich schon salzige Tränen, geweint für all das Verlorene, das sich bereits im Nebel verflüchtigt hatte. Übrig blieben ein winziges Stigma der Gedankenlosigkeit und die Frage nach dem Warum. Aber jegliche Bedeutung hatte an Wert verloren, von der eigenen Asche überhäuft um im Nichts sich aufzulösen, dann stromaufwärts zu fließen mit aller Kraft und ohne Anstrengung, weil genau dort oben das andere Nichts bereits schon ungeduldig wartete.

Überhaupt war nichts mehr so wie es mal war und früher war auch mehr Nichts als gut. Sie hatten nur davon gehört, dass der Weg beschwerlich sein soll, aber Erinnerungen waren längst abhanden gekommen, untergegangen in den letzten Resten der Zivilisation, wertlos, verschmäht und dann den gierigen Hyänen zum Fraß vorgeworfen. Nur einer war noch dabei, der hatte geschrieben um nicht zu vergessen. Ein kleines glutrotes Buch mit schwarzer Tinte und seltsamen Zeichen verziert. Das trug er bei sich, heimlich, und vergaß es dann bei der letzten Rast beigelegt dem anderen Unrat und stinkendem Müll. Sie waren alle zusammen auf dem gleichen Weg nur jeder hatte ein anderes Ziel. Da war nichts zu retten, außer vielleicht die eigene Haut, die eh schon in Fetzen vom Körper hing, ausgebrannt und eingebrannt mit eigentümlichen Zeichen versehen, so als wenn man den Schmerz noch zusätzlich mit oxidierender Tinte erhöhen wollte. Wenigstens noch ein letztes Mal ein Empfinden zu spüren in den ausgemergelten Körpern gepeinigt von der Obrigkeit. Aber auch dies hatte nur noch wenig Bedeutung. Irgendwann war auch die abhanden gekommen und anderen dunklen Mächten gewichen, die nur danach lechzten die Kontrolle zu haben, die Macht zu trinken und sich den Bauch mit dem einzig wahren Wert des Goldes in bedeutungsvoller Währung vollzuschlagen.

Die Zeichen der Resignation waren unübersehbar. Der Boden vor der Menschlichkeit tat sich auf, gierig zuschlagend und dem nichts entgegenzusetzen. Der Rest der übrig blieb war eine graue übel riechende Masse, die alles Helle überdeckte. Grünes verwelkte und selbst die Sonne verdunkelte sich zornig nach ihrer Implosion. Selbst mutiges Aufbegehren wurde im Keim erstickt, weil die Luft zum Atmen immer dünner wurde. Fehl und Tadel warfen Steine um die Wette und selbst die elendste Kreatur verkroch sich im Morast.

Einzig eine letzte Melodie ertönte um schaurig schön der Melancholie Zeugnis zu tragen. Aber auch sie verstummte immer leiser werdend, schon vorher der Tonlosigkeit in ihrer Tragweite geweiht. Zuerst wichen die weichen Töne den dumpfen, dann wurde es noch einmal wenigstens aufmüpfig schrill um dann in der Null-Linie zu enden. Herzstillstand, da war nichts mehr zu machen. Sie verstarb um 0:00 Uhr an den Tönen des Liedes vom traurigen Sonntag. Sie weinten keine Tränen nur ein paar Salzkristalle um wenigstens den Schein zu wahren. Ab und an wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt, dass es wohl so das Beste ist und überhaupt wer darf schon unerlaubt existieren. Nur ab und zu, ganz leise konnte man diese letzte Melodie noch vernehmen, auf den Lippen von einem, der sich aufmachte um den Weg zu finden, den das Feuer geebnet hatte, der nur jetzt noch im Schweiße der Überzeugung mit eigenen Werten gepflastert werden musste, um ihn dann mutig zu gehen. …

Einzig ein Einzelner, der sich anmaßte etwas Großes geschaffen zu haben und es sich auf die Stirn tätowierte, starrte verzweifelt auf das Desaster, das ihm von den Monitoren entgegen schrie. So war das nicht geplant und jede Gewinnrechnung in den Wind geschrieben. Diese elenden Schmarotzer und Götzenanbeter hatten es geschafft, ein echtes Kleinod seiner Universalgalerie die Hypostase zu entziehen. Da war jetzt nichts mehr zu machen. Er schnappte sich einen dieser jämmerlichen Primaten, als der mit seinem erbärmlichen Gekritzel die letzte Seite seines Tagebuches erreicht hatte, und konservierte ihn als abschreckendes Beispiel für kommende Spezies. Dann leitet er die Desinfektionsprozeduren ein, wandte sich angewidert ab und setzte sich an das Klavier um den letzten Börsenverlauf nachzuspielen und sich, unter dem tosenden Applaus vom Tonband, frenetisch feiern zu lassen.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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