Briefe an die Gedankenschublade

so viele Briefe habe ich jetzt geschrieben und immer an unbekannt.

Nach all dieser Zeit erscheint es mir nicht mehr richtig, weil all die Briefe liegen hier vor mir, geschrieben, gelesen und irgendwann auch verstanden.
All die Worte gingen an mich, um mich zu suchen und darin zu finden.
Ich konnte in jeder Zeile meinen Herzschlag spüren und mein eigener Atem hauchte mir Bedeutung ins Gesicht.
Und ich habe weiter geschrieben und mich darin erkannt, weil ich mir folgte, wohin ich auch ging.
So lange Zeit war ich weit weg von mir und spürte wie sich meine eigene Distanz mit jedem Brief verringerte.
Am Anfang stockte mir noch oft der Atem aber heute kann ich endlich Akzeptanz spüren.

Heute gestatte ich nicht nur mir den Blick in mich hinein, sondern vor allem dem Mann, in dessen Richtung jeder Gedanke geht. Der Mann vor dem ich nackt stehen will und von dem ich weiß, dass oft kein Wort nötig ist um zu verstehen.

Und doch werde ich weiter schreiben. Und diese Briefe werden nicht mehr an Unbekannt gehen, weil ich selbst mich jetzt so gut kenne.

Ja ich sehe mich gerade wieder herzhaft lachen, weil ich schon vor langer Zeit geglaubt hatte, jetzt meinen Weg ohne meinen Schatten hinter mir fortsetzen zu können, obwohl hinter mir stimmt nicht so ganz, denn es ist eher der Schatten, den ich vor mir sehe. Mein eigener Schatten.
Und das du hat immer mich gemeint.
Denn lange genug warst du mir immer wieder ein Spiegel, in den ich manchmal auch gar nicht so gerne geschaut habe, weil dann meine Fehler offensichtlich wurden, die ich feige lieber verdrängt hätte. In dem Punkt warst du einfach gnadenlos und das war gut so.
Eigenartigerweise warst du immer so wenig überrascht, wenn mich selbst mein Sturkopf in die Verzweiflung trieb und mit deiner Ruhe gabst du mir den Anstoß mich selbst hin und wieder zu bremsen, um nicht komplett ins Straucheln zu geraten.
Du warst meine Selbstreflektion und damit als Richter unerbittlich. Es war immer ein gutes Gefühl sich selbst zu offenbaren, um damit den Dingen ehrlich ins Auge zu schauen, ohne Verwässerung. Und Selbstmitleid schon gar nicht.
Dadurch war es mir selbst immer möglich, mich selbst hinterfragend, auch über den Tellerrand hinaus zu blicken, meine eigene Angst damit besiegend.

Ich habe Dir in der Vergangenheit so oft geschrieben, Seite für Seite, mein Leben und auch mein Ich. Ich war ehrlich, auch wenn es manchmal wehtat.
Aber das war egal, denn ich hatte gelernt, dass man auch mal den Finger in die Wunde legen muss, um im Schmerz dann wieder einen ungetrübten Blick zu erlangen und um weiterzugehen.

All diese Briefe habe ich dir geschrieben, damit ich mich selbst darin finde und immer wieder neu entdecke.
Abgeschickt habe ich diese Zeilen nie. Sie liegen hier bei mir in meiner Gedankenschublade, die immer nach einem neuen Öffnen auch wieder geschlossen wird.
Ich brauchte das, weil ich irgendwann mal gespürt habe, dass ich mich eines Tages nicht mehr erinnern werde.
Vieles habe ich schon bereits vergessen, weil es im Laufe der Zeit an Bedeutung verlor, oder vielleicht war es auch nie wichtig.
Ich höre dich gerade lachen. Ja und lach ruhig, es tat mir gut zu wissen, dass ich Unliebsames immer zuerst vergessen habe, ja förmlich den gnädigen Nebel, in dem alles verschwindet, herbeigesehnt.

Das war mein eigener Schutzmantel, den ich mir umgelegt habe, um damit die Unbedarftheit nicht zu verlieren.
Heute bin ich mir so sicher wie nie zuvor, dass ich genau das Richtige tat, denn heute geschieht jeder Blick zurück ohne Zorn und ich lache sogar manchmal über mich selbst.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Uhren auf einmal so ganz anders ticken. Mir ist so warm von Innen nach Außen, weil ich spüre, dass es doch so etwas wie den ewigen unbesiegbaren Sommer in mir gibt.
Ich habe mich immer vor dem Abgrund gefürchtet, hätte mich nie in diese Nähe gewagt, aus Angst zu fallen ohne mir selbst den Halt geben zu können.

Heute fliege ich förmlich in die Singularität, und ich sehne jeden Tag aufs Neue die Dämmerung herbei.
Ja, die Uhren ticken wirklich anders, Stunden mit Sehnsucht gefühlt, drehen sich dreimal um die eigene Achse, bis sie einen Schritt weitergehen. Und Stunden eines einzigartigen Glücks rasen förmlich mit Überschallgeschwindigkeit durch mein Sein, dass ich immer wieder selbst die Ampel auf Rot stellen möchte, um die Zeit anhalten zu können.

Heute bist Du an meiner Seite und jede Stunde bedeutet unendliches Glück.
Du schenkst mir dieses Glück mit allem was Du bist und was Dich ausmacht.
Heute schreiben wir gemeinsam Zeile für Zeile und Gedanke für Gedanke mit nur einem Stift.
Du schaust mich an und siehst mich, schaust tiefer und verstehst.

Unendlich.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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2 Antworten zu Briefe an die Gedankenschublade

  1. nurembourgh schreibt:

    Seit ich in diese Schublade schauen durfte, wahrhaftig angefüllt mit Gedanken aus Tausendundeinem Leben, lebe ich mit dem Gefühl, erfahren zu haben, was wirklich Glück bedeutet. Die Dämmerung, das Uhrenkreisen, Zeit und Sommer, und diese vielen leeren Seiten, die gefüllt werden wollen, beschrieben mit zwei Händen, erzählt mit zwei Mündern, die Sehnsucht bedeuten, und einem Wissen, das Träume in Wirklichkeit verwandeln kann…Mein Herz bist du in vielen Momenten, meine SEhnsucht nenne ich dich…und meine HÄnde an deinem Gesicht…Kann Liebe für zwei Leben reichen? Ja!

  2. arsfendi schreibt:

    Ja.
    Und immer wieder dieser erste Augenblick, wo ein kalter Bahnsteig plötzlich mit Wärme überzogen wurde.
    Deine Hände an meinem Gesicht.
    Immer Sehnsucht und Glück seit dem 18.
    Viele Seiten erzählen bereits davon und es kommen immer wieder neue weiße Seiten hinzu, die beschrieben werden wollen.
    Kann Liebe für zwei Leben reichen? Ja!

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