Friedhof des Vergessens

Der kleine Friedhof lag etwas abseits der großen breiten Hauptstraße, die sich durch den Ort schlängelte.
Es war still hier und es wirkte fast so, als wage sich der Lärm aus Respekt hier nicht hin.
Kontraste gaben sich die Ruhestätten selbst, die zum einen in prachtvoller Blüte aufwarteten, während andere mit kühler Sachlichkeit bestachen.
Blumen und Sträucher gaben ihrerselbst Farbigkeit, die wärmend und fast schon anheimelig wirkte. Steine dagegen, die zum Teil stolz erhobenen Hauptes gen Himmel ragten, betonten die Kälte, die diesem Ort an sich schon gegeben war.
Hohe Bäume wogen sich im Wind, und jeder für sich spielte mit seinen Blättern eine eher traurige Melodie, die vom Gras zwischen den Gräbern leise mitgesummt wurde.
Dem einen gab sie vielleicht so etwas wie Trost, während so manch anderem sich eher ein eiserner Ring ums Herz legte, weil sie seine Trauer verstärkte und die Melancholie zu ihm rief.
So manches Grab erzählte eine Geschichte über den Ruhenden, während andere verschwiegen lediglich die Asche mit der Erde vermischten und damit dem Leben die Endlichkeit als Stigma anhefteten.
Manches kleine Fleckchen war schön anzusehen, liebevoll dekoriert und man konnte den Verlust fast schmerzlich fühlen, weil der Gegangene eine Erinnerung in Liebe hinterließ.
An anderer Stelle zeigte Verwilderung das Vergessen und jeder Grashalm und jeder Strauch neigte traurig sein Haupt, weil auch hier das Erinnern eine Bedeutung hätte.

Sie schaute oft von oben auf diesen friedlich wirkenden Ort herab. In diesen Momenten war sie ganz für sich allein und niemand sah, dass es ihre Tränen waren, die von oben herab fielen und ein kleines Stück verwilderten Rasen berührten, welches versteckt unter einer groß gewachsenen Trauerweide lag, deren Äste voller Traurigkeit sich im Wind schüttelten.
Das Gras wirkte fast ein wenig grüner hier als jeder Halm ringsherum, aber vielleicht machte es auch nur für sie allein diesen Anschein, weil nur für sie diese kleine Stelle die Bedeutung hatte, die sie ihr gab.
Wie immer streichelten ihre Augen jeden Winkel dieses Rasenstückes und durch ihren Atem bewegte sich das Gras im Takt zu ihrem Herzschlag.
Ein kleines morsches Holzkreuz erinnerte daran, dass hier vor langer Zeit ein Mensch seine letzte Ruhestätte fand. Nur der Name hatte sich der Natur schon längst ergeben und nur sie wusste, dass es ihrer war.
Hin und wieder berührte ihr Atem die Holzstücke, fast so als wolle sie ihm Leben einhauchen um so wenigstens das allerletzte Vergessen zu verhindern.
Immer wieder dachte sie dann an ihn, der ihr die große Liebe gab und der auch schon so lange gegangen war. Zärtlich sprach sie dann seinen Namen und dachte an all die Flüge in höhere Sphären und an all die Liebe die sie sich gaben bis zuletzt.
Manchmal vernahm sie dann seine Stimme, wenn er zu ihr sagte, dass Leben ohne sie nicht ging.
Die Gedanken an ihn gaben ihr Kraft für alle anderen. So wie er ihr mit seiner Liebe im Leben alles gegeben hatte.
Mit ihm bekam das Grab ein neue Farbigkeit, denn wenn sie an ihn dachte, sah sie ihn vor dem Holzkreuz stehen mit einer Orchidee in der Hand.
In solchen Momenten war der Himmel dann ein wenig blauer als sonst und die Sonne wärmte, wo sie ansonsten bei ihrem Blick nach unten eher innerlich fror.

Dann, wenn sie als Mutter auf dieses verdorrte Stückchen Erde schaute, war ihr, als würden Eisblumen plötzlich aus dem Kreuz erwachsen um die ein eisiger Wind wehte, der doch ihr Atem war.
Selbst die alte Trauerweide schüttelte wie unter einem Sturm ihre erfrorenen Blätter und das Rauschen klang wie eine Anklage im Zorn.
Ihr Blut suchte sich dann brodelnd seinen Weg und ein eiserner Ring legte sich um ihr nicht mehr schlagendes Herz.
Manchmal wurde ihr übel und ihre Hände ballten sich zu einer Faust, die aus eigener Kraft kaum mehr zu lösen war.
Als Mutter liebt man ein Leben lang und vergisst nie. Selbst dann nicht, wenn die Kinderherzen schon lange zum Stein mutierten und Hass aus Missgunst erwächst.
Als Mutter gibt man auch dann, wenn man sieht, dass nur noch verlangt und sich dann abgewendet wird.
Vielleicht kann man als Mutter auch verzeihen, aber dann geht man, weil Worte nur noch im Wind verhallen und sie den Hass nicht mehr ertrug.
Ignoranz ist die höchste Form der Missachtung, und so hoffte sie, dass der Schleier des Vergessens sich auch irgendwann auf ihre Gedanken legen würde.
So wie bei den Kindern, die schon so lange sich nicht mehr daran erinnerten, dass eine Mutter immer Mutter bleibt.
Kinder können grausam sein und sie können vergessen und sich nicht mehr daran erinnern und können sogar eine Mutter der Egalität übergeben, weil sie als Kinder sich selbst das Recht geben, nur an sich selbst denken zu dürfen.

Da oben, von ihrem stillen Plätzchen aus lebte sie endlich die Wut. Wut auf jeden Schlag ins Gesicht und jeden Messerstich ins Herz.
Und es spielte keine Rolle, dass ihr Name auf dem kleinen Kreuz nicht mehr zu lesen war.
Denn so war es Zeugnis des Vergessens. Und wenigstens das war ehrlich.

Über arsfendi

Ich bin ein seltsames Mädchen... Meine wilden Träume, die ich bis zum Morgen während dem Vollmond hab, werd ich für immer für mich behalten.
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