Erinnerung an Fünf

I.
Auch wenn man die Zeit nicht anhalten kann und immer wieder etwas Neues kommt, nimmt man vieles mit.
Solange ich zurückdenken kann, waren wir immer Fünf. Fünf Freunde, voller Wünsche und Träume und Zielen, die es galt zu erreichen.
Es gab nichts, was wir nicht gemeinsam machten. Stunden, Tage und Jahre, mal mehr mal weniger, aber immer verbunden, wenn auch oft nur in Gedanken mit einem unsichtbaren Band.
Wir waren jung, die Welt gehörte uns und wir färbten sie uns in den Farben, die wir selbst ihr gaben, mal grellrot, oder sonnengelb, hin und wieder mal darkblue oder schwarzgrau.
Jeder gab mal den Farbton vor und die anderen tauchten den Pinsel im Gleichstrich mit ein.
Damals, wie unbeschwert doch alles war, vieles so weit weg, nur wir waren uns nah.
Alles war echt und oft dachten wir, die Sonne schiene nur für uns, um all die Farben noch strahlender erscheinen zu lassen.
Wenn ich an Peer denke, sehe ich sein Lachen vor mir. Er war so stark und beschützte Marie und mich vor jedem Feind.
Seine Pausenbrote teilte er immer großzügig, weil er wusste wie sehr ich sie mit Nutella
bestrichen liebte und sie doch nie von Mutter bekam, weil Schokolade nicht gut für die Zähne war.
Peer war der Meister im Steinewerfen unten am Weiher. Wenn er gut drauf war, Marie ihn anfeuerte und ihm einen besonders abgerundeten und flachen Stein gesucht hatte, schaffte er es, dass der liebevoll ausgesuchte Stein 10x die Wasseroberfläche berührte und erst dann vor unseren Augen entschwand. Marie klatschte immer am lautesten Beifall, wenn wir die kleinen Ringe auf der Wasseroberfläche zählten, die dann langsam ineinander übergingen bevor sie ganz verschwammen.
Sogar Mike bewunderte ihn dafür.
Mike war immer der Stärkste und Mutigste von uns allen. Ich weiß noch, als Timo aus der 10.Klasse meine Schulhefte in die Pfütze schmiss.
Auch wenn Mike kein Raufbold war, hat er ihm mächtig Zunder gegeben und mir meine Welt wieder in sonnengelb gezaubert. Ich schenkte ihm meinen großen Katzengoldstein dafür, den er fortan wie einen Schatz hütete.
Wie dankbar waren Marie und ich, wenn Mike für uns auch die schwierigste
Mathematikaufgabe löste und Chemieformeln entzauberte.
Auf Tom konnte ich mich immer verlassen. Wie oft haben Tom und ich uns von zu Hause abends fortgeschlichen und sind zu der alten Hütte am Bach geradelt, um davor im Gras zu liegen und die Sterne am nachtblauen Himmel zu beobachten.
Tom erzählte so oft mit leuchtenden Augen von seinen Plänen. Als großer Schriftsteller wollte er sein erstes Buch uns allen widmen.
Tom war so klug und wenn er mich mit seinen braunen Augen über den dunklen Brillenrand anschaute, wusste ich, er würde mit seinen Erzählungen die Welt erobern.
Er konnte in Bildern erzählen und ich erlebte jedes Bild mit, in all seinen Farben und
Schattierungen. Ich spürte wenn die Kälte das Blut zu Eis gefrieren ließ und die Glut des Feuers es wieder auftaute. Immer wieder faszinierte mich die Tiefe seiner Worte und die geballte Kraft
mit der sie beeindruckend widerhallten.
Marie war eine Schönheit mit schwarzem langem Haar und wunderschönen grünen Augen, die umrandet waren von einem dichten Wimpernkranz und die immer einen Hauch von
Melancholie ausstrahlten.
Marie wirkte immer sehr zerbrechlich, so wie ein Kartenhaus, das jeden Moment einzubrechen drohte. Sie war eine Träumerin und doch so willensstark, wie jemand nur sein kann, der von sich selbst überzeugt jedes Ziel erreicht.Im Alter von 5 Jahren begann Marie schon zu malen. Sie malte das, was sie nur mit ihren eigenen Augen sah, manchmal in Rot und dann wieder in dunklen Grautönen.
Ich weiß noch, mit 16 Jahren malte sie mich. Stundenlang saß ich ihr Modell und konnte es kaum erwarten ihr Werk zu betrachten. Ihr Gesicht glühte vor Stolz als sie es mir oben auf dem alten Speicher zeigte.
Ich glaube so wie sie mich gemalt hatte, hat nie wieder ein Mensch mich gesehen.
Es war ein Bild ohne Maske, das mein Innerstes nach außen kehrte. Es war ein Bild in
Orangetönen, die nach außen hin in ein tiefes Rot übergingen.
Marie konnte wie kein anderer in mich hineinschauen und wusste sich selbst doch immer wieder zu verbergen. Immer wieder schaffte sie es einem auch in traurigen Momenten ein Lächeln zu zaubern und damit auch das Dunkel zu erhellen.
Irgendwann verließ sie als Erste unsere kleine heile Welt.
Ihr Abschied war das letzte Mal, dass wir Fünf so zusammen waren. Unten am Weiher trafen wir uns am Abend vor ihrer Abfahrt. Es war ein stiller Abschied ohne viele Worte, wissend, dass die Zeit zwar nicht anhaltbar ist, aber dass eine neue kommen würde, irgendwann auch gemeinsam.
Für jeden von uns hatte Marie zum Abschied ein Bild gemalt, eingepackt in gelbes Papier mit Annemonen drauf, jedes verziert mit einem goldgelben Band. Untrennbar.
Mein Bild zeigt eine Orchidee.
Ich hatte ihr nie gesagt, wie sehr ich diese Blume liebe.

II.

Wir wollen Wege, weil wir ständig in Furcht sind, in die Irre zu gehen. … Da ist eine Stelle in uns, die hat
a priori Angst vor dem falschen Weg und rechnet mit ihm. Obwohl wir doch wissen müssten, seit uralten Zeiten, dass sogar die „falschen“ Wege uns weitergebracht haben.
Wir waren immer Fünf. Dort in dem kleinen Ort, dem wir schon so lange den Rücken gekehrt haben, weil alle Wege von dort aus nur wegführten, um Visionen zu Zielen werden zu lassen.
Fünf Menschen, die so viel mehr verband als sie trennte.
Auch wenn die Wege irgendwann zu einer Gabelung führten, gab es doch immer eine unsichtbare Verbindung, die nur wir selbst zu spüren schienen.
Marie war eine von uns. Sie war eine Schönheit mit schwarzem langem Haar und wunderschönen grünen Augen, die umrandet waren von einem dichten Wimpernkranz und die immer einen Hauch von Melancholie ausstrahlten.
Da, wo ich immer von einer inneren Unruhe getrieben, impulsiv einen Weg wählte, lenkte sie mit Ruhe und Sanftheit meine Schritte.
Marie wirkte zwar immer sehr zerbrechlich, so wie ein Kartenhaus, das jeden Moment einzubrechen drohte. Sie war eine Träumerin und doch so willensstark, wie jemand nur sein kann,
der von sich selbst überzeugt jedes Ziel erreicht.
Mit Bedacht wählte sie jeden einzelnen ihrer Schritte aus, wägte jedes Für und Wider ab, um dann für sich selbst sicher und überzeugt den Weg zu gehen.
Auch Weggabelungen konnten ihr nie etwas anhaben. Dort, wo meine Schritte stockten und sich Unsicherheit breit machte, weil Kopf gegen Bauch ankämpfte, wusste Marie schon vor dem Weitergehen, welcher Weg genau zum Ziel führte, dessen Erreichung angestrebt und niemals aus den Augen verloren wurde.
Oft sehe ich Marie vor mir, mit ihrem Lachen, das jeden Raum erhellte und an dem keiner vorbeigehen konnte.
Ich sehe sie, wie sie schon mit ihren kleinen Händen im Kindesalter wahre Wunderwerke zauberte. Marie malte. Sie malte all das, was nur sie selbst mit ihren Augen sah. Mit jedem Werk gab sie ihre Stimmung preis, mal war die Welt warm eingefärbt in Rot und Gelb, dann auch mal Schwarz und Grau.
Maries Vision war es, die Welt mit ihren Bildern zu erhellen, das auszudrücken, was sie nicht in Worte fassen konnte, um so ihr Innerstes nach außen zu kehren.
Es war ein langer Weg, den Marie aber unbeirrbar ging.
Wie oft wurde ihre Vision als Phantasterei belächelt und als unrealistisch abgetan.
Aber es war der Weg, der sich aus ihrem Ziel ergab.
Mal war er eben und glatt, dann auch mal wieder steil ansteigend und holprig.
Mal lief Marie, nie außer Atem kommend, hin und wieder ging es mal ein wenig langsamer voran und ab und zu auch mal sehr stockend. Ein- oder zweimal ging sie auch einen Schritt zurück, um Anlauf für die nächste Wegstrecke zu nehmen.

Wichtig war, aus allem was ihr begegnete nahm sie die Essenz wahr und verinnerlichte sie.
Ihre Schritte wurden, unter Einbeziehung der Vergangenheit und kritischer Betrachtung, von Fehlern gelenkt.
Ihre Wege waren niemals von Normen und Konventionen gekennzeichnet, eher dadurch, dass Marie niemals mit der Masse lief, freigemacht von der Meinung anderer, eigene Ideen verwirklichend und ihre Vision als greifbares Ziel verstehend.
Vor allem aber stand sie Suggestionen von Wegbereitern, die ihr oftmals begegneten, stets kritisch gegenüber, erkennend was für sie selbst am wichtigsten war.

Ich kann mich noch an Mike erinnern, dem sie auf ihrem Weg begegnete.
Vielleicht liebte er Marie, oder das, was er in ihr sah. Nur war er nie ein Wegbegleiter, sondern versuchte sie von ihrem Weg runter auf seinen eigenen zu ziehen.
Wirklich verstanden hat er Marie nie, denn stets widerstand er der Versuchung die Dinge von ihrem Standpunkt aus zu betrachten und ließ nur seinen eigenen zu.
Die Zeit mit Mike raubte Marie viel Energie, führte sie an ihre eigenen Grenzen.
Ihre Schritte wurden schwerfälliger und blutig aufgeschlagene Knie hinterließen ihre Spuren.
In dieser Zeit waren ihre Bilder sehr dunkel und verschwommen, wie von unsicherer und auch kraftloser Hand gemalt.
Aber es war eine Zeit, die ihr bewusst machte, was wirklich wichtig war.
Um ihr Ziel zu erreichen, musste sie ihren eigenen Weg gehen und so bleiben wie sie war, nicht für einen anderen Menschen verbiegend oder dessen Ziele zu eigenen machen lassend.
Die Trennung von Mike fiel ihr sehr schwer, aber ihre Bilder strahlten in hellem Orange und Gelb.
Marie ist jetzt fast an ihrem Ziel. Vielleicht noch zwei oder drei Schritte, die sie jetzt auch noch leichtfüßig gehen wird.
Wir waren immer Fünf. Fünf Menschen, die sich des unsichtbaren Bandes stets bewusst waren und wir waren uns immer sicher, dass Marie es schaffen würde.
Mit ihren Bildern hat sie unsere kleine gemeinsame Welt bereits erhellt.

III.
Manches vergisst man nie
Auch wenn man die Zeit nicht anhalten kann und immer wieder etwas Neues kommt, nimmt man vieles mit.
Solange ich zurückdenken kann, waren wir immer Fünf. Fünf Freunde, die verbunden waren um Stimmungen zu teilen, dabei jeder seinen Weg gehend, um doch hin und wieder nach dem einen oder anderen zu schauen, stützend oder helfend oder auch um Freude zu teilen.
Viele Jahre lebten wir unsere Welt in bunten Farben, dort in dem kleinen Ort, der uns zwar manchmal ein wenig eingeengt seine Grenzen aufzeigte, den wir uns aber selbst unbeschwert mit Sonnenfarben erhellten.
Unsere Sonne schien nur für uns und ließ all die Farben noch ein wenig heller erleben.
Auch wenn wir alle diesem Ort schon lange den Rücken gekehrt haben, um unseren eigenen Weg als Ziel zu gehen, blieb dieses unsichtbare Band, welches nur wir Fünf spürten, doch immer existent.
Oft denke ich an Tom.
Tom mit dem ich so oft zu der alten Hütte am Bach geradelt bin um dort seinen Geschichten zu lauschen.
Geschichten, mit denen er Bilder malte und die er nur mir mit leuchtenden Augen erzählte und die ich mit all der Weichheit oder Härte in all den Schattierungen miterlebte.
Jedes seiner Worte hatte eine Tiefe, die mich immer wieder faszinierte, vorgetragen mit einer Stimme, die nur Tom zueigen war und die mich spüren lassen konnte, wenn die Kälte das Blut zu Eis gefrieren ließ und die Glut des Feuers es wieder auftaute.
Wenn ich an ihn denke, sehe ich sein Lachen vor mir und dieses Strahlen in seinen braunen Augen.
Seine Hände waren so sanft, wenn er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht zauberte und dabei wie ein Hauch meine Wangen berührte.
Ich denke, zwischen Tom und mir war da ein ganz besonderes Band. Unsichtbar aber doch untrennbar existent. Vielleicht weil wir wussten, dass zwischen uns niemals so etwas wie Falschheit, Gedankenlosigkeit oder Enttäuschung stehen würde.
Tom war schon ein besonderer Mensch, vor allem für mich, mit all seinen Facetten, die er nicht jedem zeigte. Für manchen erschien er sehr introvertiert weil er sich nicht jedem öffnen konnte und lieber sich aus der Distanz heraus näherte.
Für mich war Tom oftmals ein Träumer, der sich aber niemals in seinen Träumen verlor.
Er empfand alles nur viel intensiver, so wie es nicht jeder Mensch vermag. Trotzdem hatte er die Realität stets vor Augen und schaffte es beides miteinander zu verbinden.
Wenn ich an ihn denke, sehe ich seine Augen vor mir, die mich so oft intensiv über den Brillenrand anschauten, wenn wir dort unten vor der alten Hütte im Gras lagen und er mir seine Geschichten erzählte.
Mit der Zeit wuchsen Tom und ich zu einer getrennten Einheit zusammen. Jeder verfolgte nebeneinander seinen eigenen Weg, ohne den anderen zu beeinflussen oder zu manipulieren,
nur begleitend und vieles freiwillig aus Wertschätzung teilend.
Vielleicht war es Tom, der mir viele Wege bereitet hat. Niemals ein NEIN zu akzeptieren war immer wichtig für ihn und für mich des Übernehmens wert.
Es gab nichts Wichtigeres für ihn, als über den Tellerrand zu schauen um die gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen.
Daraus entstanden seine Geschichten, um auch mir zu zeigen, wie man seine Gedanken mit Kreativität füllt und jedem Wort seinen ganz besonderen Wert beimisst.
Stillstand gab es nicht, denn im Fluss und in der Bewegung lag der Sinn des Ganzen.
Auf meinem Weg bin ich danach vielen Menschen begegnet. Manche sind ein Stück mit mir gelaufen, andere haben ihn nur gekreuzt.
Es waren Menschen dabei, die mich tief berührt haben, andere wiederum haben mich nur gestreift.
Wir Fünf waren uns immer wertvoll und im Vertrauen verbunden, und Tom war einer von uns, für mich vielleicht der wichtigste und beste Freund von allen.
Heute schreibt Tom seine Geschichten für sehr viele Menschen und berührt sie genau wie mich damals.
Jedes einzelne Buch schickt er mir vorab oder liest es mir vor, genau wie damals, wenn wir gemeinsam im Gras lagen und der Himmel sich nur für uns in einem strahlenden Blau zeigte.
Er ist seiner Vision gefolgt und hat sie zu seinem Ziel werden lassen.
Ich weiß, dass er sehr glücklich ist und lässt mich auch heute noch daran teilhaben.
Es ist dieses untrennbare Band, welches uns Fünf auch weiterhin verbindet.

IV.
Manches vergisst man nie
Manches vergisst man nie. Erinnerungen zeugen davon, dass wir leben.
Auch wenn man die Zeit nicht anhalten kann und immer wieder Neues kommt, kann auch dieses wieder Erinnerung sein, die es wert ist, sie mitzunehmen.
Solange ich zurückdenken kann, waren wir immer Fünf.
Fünf Freunde, die es sich wert waren , durch ein unsichtbares Band verbunden zu sein, ohne daran zu reißen.
Unsere Wege liefen lange Zeit nebeneinander, bevor sie an einer Gabelung auseinanderdrifteten, um in verschiedenen Richtungen trotzdem miteinander verbunden zu sein.
Es war eine farbenfrohe Zeit, damals in dem kleinen Ort, in dem wir unsere gemeinsame Zeit verbrachten. Und wurden die Farben für den einen oder anderen mal etwas dunkler, war immer einer von uns da, der den Pinsel in eine besonders leuchtende Farbe tauchte, um alles wieder ein wenig strahlender erscheinen zu lassen.
Sogar im Streit leuchteten die Funken in einem Rot wie Blitze und erhellten jeden Raum.
Zu fünft waren wir unendlich stark und auch heute noch, wo wir längst in alle Himmelsrichtungen verstreut sind, spürt jeder von uns noch etwas von dieser Kraft, die noch immer in uns ist.
Wenn ich an Mike denke, höre ich sein Lachen und sehe ihn vor mir, wie er mit zaghafter Hand über mein Gesicht streicht.
Mike hatte so wunderschöne braune Augen mit einem schwarzen Kranz drumherum und seine Stimme war so warm und weich, dass sie streicheln konnte.
Mike und mich verbindet das ganz Besondere. Denn er ist es, den ich meine erste große Liebe nenne.
Mike, der von uns allen der Stärkste und Mutigste war, und Marie und mich immer beschützte vor allen Unwegsamkeiten in unserer kleinen Welt.
Seine Stärke war immer die Geduld und dort wo ich impulsiv aus dem Bauch heraus handeln wollte, bremste er mit Bedacht, um mir die Ruhe für folgende Entscheidungen zu geben.
Trotzdem war er einer der wenigen, im Nachhinein betrachtet, der all meine Fehler und Schwächen akzeptierte und nie darauf aus war mich ändern zu wollen.
Mike zeigte mir, dass es nicht wichtig ist, von jedem verstanden zu werden und man auch nicht jeden verstehen muss, wenn man Unverständnis mit Nachsicht begegnen kann.
Mike und mich verband so viel Vertrauen, jedes Geheimnis war unser Gemeinsames und verband uns noch mehr.
Wir gingen einen gemeinsamen Weg, ohne dass einer den anderen darauf ziehen musste.
Es war der Gleichschritt im Takt aus unseren eigenen ungezwungenen Empfindungen heraus.
Mike gab mir die Geborgenheit, die ich im Danach so oft vermisste, sie vielleicht suchte, aber niemand zu geben vermochte.
Mit ein klein wenig Wehmut denke ich an unseren ersten zaghaften Kuss, unten auf der Wiese vor dem kleinen Teich, wo wir uns nach der Schule immer trafen.
So richtig wussten wir beide wohl nicht wie es ging und trotzdem spürte ich dort zum ersten mal wie es ist, wenn ein Prickeln im Bauch beginnt und dann durch den ganzen Körper zieht.
Wenn wir dort im Gras lagen und Wolkenbilder malten, konnte dieses Himmelblau, das sich in unseren Augen spiegelte, durch nichts getrübt werden.
Mit Mike konnte ich diese Innigkeit spüren, die jeden Augenblick zu etwas Besonderem werden ließ, wissend wie wertvoll und einzigartig man für den anderen ist.
Damals schienen unsere gemeinsamen Farben noch leuchtender und bunter, denn wir tauchten unsere Pinsel in gemeinsame Farbeimer.
Und wurde dem einen mal der Arm lahm, konnte er gewiss sein, dass der andere mit kräftigerem Strich aushalf.
Für Mike musste Mutter mir in vielen endlosen Stunden das Stricken beibringen, um ihn mit einem Schal in seiner Lieblingsfarbe Blau zu überraschen.
Ich weiß noch, wie mich dieses Ungetüm manches mal zur Weißglut trieb, wenn wieder eine Masche fiel und meine Finger zu ungeschickt sich verkrampften.
Aber das Strahlen von Mike entschädigte für alles.
Ich weiß noch, mit wie viel Geduld Mike Marie und mir die schwierigsten Matheaufgaben erklärte und die unverständlichsten Chemieformeln entzauberte.
Ein “das kann ich nicht” zählte nicht für ihn, vielmehr stärkte er mich auch an noch so unliebsame Aufgaben heranzugehen, um wenn möglich auch noch über mich selbst hinauszuwachsen. Für ihn war der Glaube an einen selbst das Wichtigste und er schaffte es sogar
mich damit für meinen weiteren Weg zu stärken.
Mike und ich gingen ein langes Stück des Weges gemeinsam.
Es war ein sehr gerader und sonniger Weg, der sich ganz tief in meinen Erinnerungen einbrannte und der vor allem von Vertrauen geprägt war.
Sogar wenn wir uns mal stritten, taten wir dies mit Respekt und dem Gefühl des Wertes für einander, immer wissend, welchen Platz wir im Leben des anderen einnahmen.
Auch heute noch, wenn ich von ihm höre, fällt mir als erstes sein wärmendes Lachen auf.
Und auch heute noch, spüre ich dieses Prickeln, wenn er mit leiser Stimme “hallo Kleines” sagt. Von niemand anderem kamen diese Worte danach so wertvoll gemeint rüber.
Damals als Mike mich vor den Größeren beschützte, schenkte ich ihm diesen Katzengoldstein, den er danach wie einen Schatz hütete.
Er trägt ihn auch heute noch bei sich, genau so wie er auch heute noch immer bei mir ist.
Denn gerade Mike hat mir gezeigt, wie wichtig es für einen selbst ist, ein Nein nicht zu akzeptieren, unbeirrt seinen Weg zu gehen und sich auch durch eine Niederlage nicht in die Knie zwingen zu lassen.
Und wenn ich Mike heute sehe, weiß ich genau, er ist der Freund von Damals geblieben und wärmt mich auch heute noch mit seinem strahlenden Lächeln.
V.
Mit ihm hörte sie die Sterne lachen.
Es gibt Dinge, für die es leichter ist Verständnis zu haben, als sie zu begreifen.
Und gewisse Dinge muss man auch gar nicht verstehen, sondern sollte sie einfach nur annehmen, ohne nach dem Warum zu fragen.
Wir waren immer Fünf.
Fünf Freunde, die einander verstanden ohne zu hinterfragen.
Wir lebten damals in einer Welt, die geprägt war von Wegen, die wir zwar allein gingen, aber mit dem Wissen, dass wir niemals allein waren.
Nichts war bedrängend und aufdringlich, eher lenkte die Freiwilligkeit jeden unserer Schritte mit dem Bewusstsein, dass dem Geben niemals ein Nehmen folgen musste.
Es war eine wärmende Zeit, die sogar den Schnee im Dezember auftauen ließ um so in den kalten Fingern nach einer Schneeballschlacht wieder das pulsierende Blut zu spüren.
Marie war immer eine von uns.
Sie war eine Schönheit mit schwarzem langem Haar und wunderschönen grünen Augen, die umrandet waren von einem dichten Wimpernkranz und die immer einen Hauch von Melancholie ausstrahlten.
Wenn diese Augen einen anschauten, spürte man Fragen darin. Fragen, die sie aber nie stellte, vor allem nicht nach dem Warum.
Marie war immer die Besonnenere von uns beiden, aber auch dort, wo ich impulsiv und nur nach Gefühl handelte, gab sie mir die Gewissheit der Akzeptanz.
Auch wenn sie in meinen Augen immer eine Träumerin war, sah ich doch, wie sie überzeugt ihren Weg ging, Visionen folgend sie zu ihrem Ziel machte.
Sie verließ damals als erste unseren kleinen Ort, in dem wir Fünf gemeinsam unsere herrlichste Zeit verbrachten.Keiner von uns zeigte wie schwer der Abschied fiel, wussten wir doch, dass jede Zeit nur
geliehen und trotzdem bei uns bleiben wird.
Ihr Bild mit den Orchideen, welches sie mir zum Abschied schenkte, hütete ich wie einen Schatz.
Marie malte so eindringlich und in ihren Bildern spiegelten sich Geschichten wider. Geschichten, die mit Worten nicht besser hätten ausgedrückt werden können.
Als ich damals das Bild sah, das sie von mir gemalt hatte, wusste ich, dass sie mich wirklich sah, so wie kein anderer es danach fertig brachte.
Es war ein Bild ohne Maske, das mein Innerstes nach außen kehrte. Es war ein Bild in Orangetönen, die nach außen hin in ein tiefes Rot übergingen und sogar noch von einer inneren Zerrissenheit getragen wurden.
Lange Zeit hörte ich nichts von ihr. Ich glaube, es war eine Zeit, in der sie sich von uns entfernte, vielleicht weil sie ihren eigenen Weg folgen musste, den wir nicht wirklich verstanden..
Irgendwann traf sie ihn, wo hatte sie nie erzählt.
Er war von Anfang an ein Fremder, dessen Mauern wohl nur Marie durchdrang.
Ich glaube Paul hieß er und malte genau wie Marie.
Seine Bilder waren von seltsamer Schönheit in wilden Farben mit sehr viel Schwarz, kraftvoll aber wirr auf die Leinwand gebannt.
Alles was er tat erschien irgendwie seltsam, aber Marie verstand ihn, vielleicht weil sie sich die Mühe gab und ihn so annahm, wie er war.
Ich gebe zu, wir taten es nie.
Wichtig war, dass Marie in der Zeit mit ihm sehr glücklich war oder schien.
Sie sprach nie viel darüber.
Nur einmal, als sie anrief, spürte ich, dass die beiden sehr viel verband. Sie war sein Halt und sein Anker hier. Bei ihm war sie stark und er nahm es an, ohne zu hinterfragen und sie zeigte es niemandem, nicht einmal ihm.
Sie sah so viel in ihm, und gab vor allem Liebe, ohne zu nehmen.
Ich hab mich oft gefragt, was sie wohl in ihm sah. Das Kind oder doch eher den Mann?
Eine Antwort konnte noch nicht einmal Marie mir geben, und es war vielleicht auch gar nicht wichtig.
Irgendwann sagte Marie mir mal, dass sie mit ihm die Sterne lachen hören konnte.
Da wusste ich, dass sie glücklich war.
Er war wohl sehr oft auch verzweifelt und wusste nicht wohin. Er suchte nach einem Sinn, den er in aller Sinnlosigkeit nie fand.
Es war im Dezember, an einem grauen eisigen Tag, als er ging.
Er war zwar das einzig Wichtige für Marie, aber auch damals verstand sie ihn und fragte nicht nach dem Warum.
Nur ihre Augen schauten hin und wieder ein wenig traurig und man konnte Fragen darin erkennen, deren Antworten aber niemals wichtig gewesen wären.
Erst lange Zeit danach begann Marie wieder zu malen. Die Farben waren viel kräftiger aber auch leuchtender als früher, nur hinzu kam hin und wieder ein Schwarz auf dem man gelbe Sterne lachen sehen konnte.

VI.
Und jetzt gehe ich weiter, auch wenn mir der Wind rau ins Gesicht weht und ich nicht weiß wohin der Weg führt.
In Gedanken bin ich bei Dir, fühle was Du fühlst und spreche das, was Du gerade denkst.
Diese Gedanken sind Empfindungen und Assoziationen die mit Deinem Bild einhergehen.
Solange ich zurückdenken kann, waren wir immer Fünf. Fünf Menschen, die in Freundschaft verbunden waren, und dennoch ihren eigenen Weg gingen.
Fünf Freunde, die sich nicht anhielten, um aneinander festzuhalten.
Damals war unsere kleine Welt, die wir miteinander teilten, hell und leuchtete in bunten Farben. Immer hatte irgendeiner von uns einen Pinsel in der Hand, um dunkle Stellen wieder mit kräftiger Hand in Rot oder Gelb zu übermalen.
Es war dieses Gefühl der Geborgenheit, das damals unsere Welt überdeckte und wir mitnahmen auf jedem unserer weiteren Wege.
Ich denke, dass all das, was wir damals gemeinsam erlebten uns sehr stark geprägt hat, vor allem mit dem Wissen, niemals alleine zu sein, auch wenn gerade keiner an unserer Seite ist.
Mit Tom verband mich schon immer etwas ganz Besonderes.
Ich liebte seine Geschichten, die er schrieb und mir immer unten am Bach vorlas.
Jedes einzelne Wort darin war ein Puzzleteil zu einem einzigartigen Bild, das er entwarf und sich vor mir in leuchtenden Farben auftat.
Auch heute noch, wenn ich seine Reiseberichte lese, sehe ich uns unten im Gras liegen, über uns hinwegfliegende Wolken und mich in eine andere Welt denkend.
Jedes Land erlebe ich so wie Tom es sieht, in seiner ganzen Einzigartigkeit und Besonderheit, so, als wenn ich an seiner Seite zugegen wäre.
Unsere Lieblingsstadt ist Sevilla. Auch wenn ich dieses Juwel von Stadt schon selbst mit eigenen Augen gesehen habe, erlebe ich es mit Toms Augen vollkommen anders, farbenprächtiger, imposanter ein übergreifendes Bild mit einer Mischung aus jung und alt, Zeit der Mauren, Renaissance und Moderne, untermalt von den ergreifenden Tönen des Flamencos.
In Toms Bild spüre ich die gotische Kühle der Kathedrale, genieße den herrlich weitläufigen Blick vom La Giralda, fühle mich in einer fremden Welt, so als wenn noch der Ruf vom Minarett erklingt.
Im Stadtteil Triana erlebe ich das ursprüngliche Sevilla, mit Flamenco tanzenden Zigeunern und im Hafen singenden Matrosen. Carmen becirct gerade ihren Jose, der in rasender Leidenschaft zu der Angebeteten entflammt.
Im Alcazar sehe ich mich in die Zeit von Columbus zurückversetzt und kann sogar die duftenden Blumen in den herrlichen Parkanlagen riechen.
Auf der Plaza de Toros de la Maestranza marschiert gerade der Torero stolz erhobenen Hauptes ein und ich leide während des Kampfes mit dem Stier, der bis zum letzten Atemzug tapfer und nicht aufgebend kämpft.
Ich sehe die Kunstwerke von Velasquez und Murillo in herrlichen Farben vor mir und
lasse mich darin fallen.
Durch Toms beschreibende Bilder erlebe ich all die überschäumende sinnliche Lebensfreude die in feuerroten Farben glüht, gemischt mit vielsagender beruhigender Gelassenheit, die man nur in Sevilla spürt, wenn man es mit Toms Augen sieht.
Mit Tom war sogar Schweigen schön. Es war niemals das Gefühl fehlender Worte da. Denn wenn auch sprachlos blieb nichts unausgesprochen.
Bis heute haben wir uns das bewahrt, immer wissend, auch auf die größte Distanz hin, was
der andere fühlt, wie es in ihm ausschaut und wie es ihm geht.
Ich bin mir sicher, Tom kennt jeden meiner blauen Flecke auch wenn ich manchen zu verheimlichen suche. Selbst dann konnte Tom schweigen und einfach nur da sein.
Er wusste eigentlich immer, wann ich eine Maske brauchte, um vor mir selbst geradestehen zu können und er ließ sie mir ohne Worte, einfach nur wissend.
Selbst jetzt in der Ferne spürte er wieder, wenn der Sturm brauste und so ein blöder Schmerz in mir rumwühlte, wie ein Korkenzieher sich im Herz drehte.
Er kannte mich zu gut, als dass ihn ein Lachen drüber hinweg täuschen konnte.
Nichts kann ihn dann aufhalten, er ist einfach da, manchmal auch nur zum Schweigen.
Vieles hat sich im Laufe der Zeit verändert, nachdem wir damals unsere kleine Welt verlassen hatten um unsere eigenen Ziele zu verfolgen.
Wir haben uns verändert, aber mit dem Wissen, dass vieles geblieben ist, weil es uns wert war daran festzuhalten und es uns zu bewahren.
Tom und ich haben uns sehr viel Verbindendes bewahrt.Auch wenn vieles auf unseren Wegen mal quer lief und so steil bergauf, dass manches Mal der Atem stockte gab es immer etwas woran man sich aufrichten konnte, um dann mit Anlauf auf die nächste Hürde zuzurennen
Oft denke ich, dass dies der Grund ist, warum meine Welt auch heute noch so voller Wärme und heller Farben ist.
Denn auch heute noch sind wir Fünf. Fünf Freunde, die sich nicht anhalten um aneinander festzuhalten.

VII.

Schweigen kann so vieles sein.
Manchmal ein Zeichen der Achtung oder der vollkommenste Ausdruck der Verachtung.
Oft aber auch der lauteste Schrei.

Marie war immer eine von uns. Und sie war immer schon eine Träumerin mit hohen Idealen.
Ich glaube, ich kenne sie schon mein ganzes Leben lang.
Ich weiß noch, als Marie sich das erste Mal so richtig verliebte und wie glücklich sie war.
In ihren Augen konnte man das Funkeln sehen und ihre Haare glänzten noch ein wenig mehr.
Als er dann ging, sprach sie nicht viel darüber, aber ich glaube es war damals die erste Maske die sie anprobierte.
Vielleicht als Schutz für sich selbst oder aber auch um den Gehenden nicht als Last am Gehen zu hindern.
Ich bin mir sicher, für sie war es immer das Wichtigste, dass es nichts zu bedauern gab um das Schöne in den Erinnerungen weiterleben zu lassen.

Vorbereitet war sie darauf nicht, als er so plötzlich vor ihr stand und ins Gesicht strahlte.
Blendend sah er aus, eigentlich so wie immer, mit diesem umwerfenden Lächeln, das zwei Grübchen an seinem Kinn einmeißelte und diesen strahlend braunen Augen, in denen sie schon früher immer versinken wollte.
Früher, ja da war alles anders, damals im Mai als sie ihm begegnete und im nächsten Frühjahr als er dann ging.
Oder war sie es, die ging?

VIII.

Erinnerungen sind ein Blick in die Vergangenheit, den man sich offen gehalten hat, um der Gewinn- und Verlust-Rechnung genüge zu leisten.
Manchmal hat man auch schon längst vergessen, aber es kommt zu einer Begegnung, die Vergrabenes nach oben aufwühlt, weil doch etwas geblieben ist.
Von Dir habe ich damals auf dem Schulhof den ersten Kuss bekommen. In den Pausen standen wir gemeinsam in der Raucherecke Arm in Arm und jeder wusste, dass wir unzertrennlich waren und wahnsinnig verliebt.
Wir lernten gemeinsam die Zärtlichkeit kennen und was es heißt zu berühren nur allein mit einer innigen Geste, die uns auch in jeglicher Unschuldigkeit so viel bedeutete.

Nach Hause kam ich immer viel zu spät aber wir dividierten den Ärger einfach durch Zwei, weil Du Dich vor mir stelltest, so wie auch vor diesen Typen aus der anderen Klasse, der mich nie ausstehen konnte. Gegen den Strom schwammen wir gemeinsam, ebenso gegen jede Konvention.
Wir haben uns um uns gedreht, haben Latein gemeinsam geschwänzt, um von Australien zu träumen und Steine in den Fluss zu schmeißen, dort wo wir so oft am Ufer lagen und Du mir Deine Geschichten vorlast und mich Deine Stimme berührte, noch bevor Dein Zeigefinger mir geheime Zeichen auf dem Rücken malte.
Gelacht haben wir gemeinsam über alles und nichts.
Manchmal verstanden wir uns auch wortlos. Meine Ziele waren immer Fragen und Deine waren die Antwort.

Der Frühling war schön den Winter hab ich Dir dafür geschenkt.
Flugzeuge flogen nicht nur am Himmel, wo sie Hexagramme zeichneten, hinter denen wir uns versteckten.
Wir waren jung, konnten uns der Gedankenunlosigkeit ergeben, nichts war Berechnung, eher der gemeinsamen Unbedarftheit entsprungen.
Du gabst mir den ersten Kuss, aber auch den damalig schlimmsten Schluss. Wir waren zu jung und doch war es so viel mehr als nur ein kurzes Spiel.
Irgendwas lockte Dich nach draußen raus, es war halt so, und ich ließ Dich gehen, weil ich niemals Flügel klaute.
Manchmal habe ich danach wachgelegen und mich gefragt, wie es Dir wohl gerade geht.
Ob sich Deine Träume erfüllt haben und ob Du Deine Prinzessin wohl gefunden hast.
Was ich hin und wieder hörte, erfreute mich. Dein Traum des Schriftstellers hatte sich erfüllt, jedes Deiner Bücher war ein Erfolg und Du lebtest dort, wo wir gemeinsam ein Haus bauen und den Baum pflanzen wollten.
5 Jahre waren eine lange Zeit, und danach blieb alles anders und vieles geriet in Vergessenheit, weil anderes danach an Priorität gewann und in der Bedeutung wuchs.
Deine Stimme am Telefon war noch genauso wie früher. Keine Spur von Distanz doch eher ein warmer Windhauch der Berührung.
Und alles Frühere war zum Greifen nah und wir haben es uns gegeben.
Der Blick in Deine Augen danach war gut. Nach so langer Zeit hatte auch das Vertrauen in nichts eingebüßt.
Da war es wieder, dieses gemeinsame Lachen, nutzend die Gunst der Stunde und wir reden von Gefühlen und es glaubt Dir sogar der Teil von mir, der sich der Emotionalität längst entledigt wusste.
Und wir gehen zum Fluss und reden über das Meer, über den Gezeitenwechsel und das Auf und Ab.
Dieses Spiel von Ebbe und Flut. Faszinierend der Augenblick, wenn der Wind sich dreht und die Ebbe sich der Flut ergibt.
Dunkelblau mit silbrigem Schein, heller werdend wenn die Gischt auffliegt und die Wellen alles umspülen um es zum Ursprung zurückzubringen.
Helles Türkis im Morgengrauen mit noch glitzernden Lichtern, auf einmal wechselnd mit teerschwarzer Brandung darauf die weiß schäumende Wut.
Das Meer hat für uns so viele Farben und noch mehr Gesichter und ich fragte mich oft, wie viele Geheimnisse es wohl einschließt. Wie viele Boote es wohl gerade trägt und wie viele dort jetzt wohl gerade schlafen, müde vom Wind.
Dort wird einem bewusst, dass es ein ewiger Kreislauf ist, angetrieben vom Geben und Nehmen, ein ewiges Kommen und Gehen.
Auch der Schmutz am Strand wird einfach weggespült von der nächsten Flut.
Und wo wir beide dort unten am Ufer stehen, schmecken wir den salzigen Staub auf den Lippen und ich bin glücklich über das was ist und wir uns geben.

IX.
Befremdliches

Wir haben immer so wenig Vertrauen in den Gezeitenwechsel des Lebens.
Wir jubeln frenetisch wenn die Flut hereinbricht und schöpfen maßlos aus dem Vollen inständig hoffend, dass es immer so bleiben möge. Bei Ebbe wehren wir uns erschrocken fordern wieder Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer.
Ganz vergessen hat man, dass die einzige Möglichkeit des Fortgangs im Wachstum liegt, welches gleichzeitig auch ein Auf und Ab beinhaltet und die Freiheit im Tun.

Und der Mond ist gerade voll, ich liege wach hier, in diesem weiß sterilen Zimmer mit irgendeinem surrend monotonen Geräusch im Nacken. Und ich bin müde mit Blick zur Decke, wo gerade 2 Maikäfer sich den Tod aus dem Leib ficken.
Meine Gedanken legen mühelos weite Strecken zurück ohne jegliches Hindernis im Weg, verfangen sich selbst und geben sich den Dope für die nächste Runde.
How can we hang on to a dream, Tims Stimme flüstert mir leise ins Ohr.
Dann, wenn du mich siehst bin ich. Dann wenn ich gehe, war ich. Nur wer ich war ist unwesentlich. Deswegen ist es auch nicht wesentlich, wer ich bin. Ich bin schon vergänglich, bevor man mich sieht.
Der Mann der mich die ganze Zeit aus seinen Augenwinkeln beobachtet begreift es nicht. Und dennoch greift er schnell zu den Wolken um mir den Mund zu stopfen
Irgendwie bin ich zu schnell in mir und hab Mühe mir selbst zu folgen.
All diese nutzlosen Jahre, wo dieser Mann gewartet hat auf etwas, wo er genau wusste, dass es nie passiert. Er hat verlernt sich selbst zu bedauern und konnte nie danke sagen, weil der Hass stärker war, als das was er bekam. Unruhig wischte er sich das Blut aus den Mundwinkeln und geißelte sich selbst.
Dann nahm er mich in seine Arme und seine Hand drang bis zu diesem viel zu schnell schlagenden Herz, um ihm den richtigen Takt zu zeigen.
Und draußen scheint dieser Mond, der dich auch nur anlügt, und trotzdem schlägt mein Herz immer noch, laut und viel zu schnell.
Die Maikäfer dort oben an der Decke sind erschöpft und starren auf mich runter.
Und ich denk an Tom, dessen Mutter noch mal im offenen Meer schwimmen wollte bevor sie starb und dann wünsche ich mir diesen Stein als Herz, in den ich unsentimentale Worte einritze, bevor ich fliehe und doch nicht entkommen kann.
Ich kann nichts dafür, dass ich jetzt die Kälte mag und das Tageslicht hasse, weil es mir die Menschen zeigt mit Fratzen, die keine Rücksicht nehmen und viel zu laut lachen und reden und reden und reden.
Hier im Zimmer ist es still und der Mann steht immer noch am Fenster und klagt mich an, dass ich Katzen getötet hätte.
Ich hab nie Katzen getötet oder ich habe es vergessen.
Oder waren es die Lämmer, die schon schwiegen, weil die Luft zum Ersticken trocken war?
Und dann schau ich ihn an, präge mir jeden Zentimeter seines Gesichts ein, um nicht zu vergessen. Und er wusste doch wovon ich rede, denn er drehte sein Gesicht weg.
Und dann treffe ich am See unten so wie früher auf Tom und wir starren in den Himmel, wo 6 Flugzeuge ein Hexagramm zeichnen, die Gitterstäbe, hinter denen wir uns verstecken.
Und wir flüstern von Gefühlen und für einen Moment glaube ich ihm.
Bei diesen Leuten verweilt man nicht, da rennt man so schnell wie möglich.
Ich wünschte, dieser Teil von mir hätte kein Gefühl. Wie viel Katastrophen sind noch nötig, bis ich am Ende meines Traumes ankomme, ohne an Utopien zu denken?
Dort oben die 2 Maikäfer kämpfen und kämpfen und ich weiß, dass ihr Kampf auch nur der Bastard ihrer Erwartungen ist.
Ich halte fest und werfe bei dem Gedanken daran, warum Verlieren so romantisch
und der Verlust so endlos schal ist, einen Espresso als die nächste Dröhnung ein.
Dann kann ich nur noch lachen bis mir schwindlig ist und ich keine Luft mehr bekomme.
Der Strahl der Dusche ist hart.

Irgendjemand sagt zu mir, ich wäre nicht wie die Frau da im Film, die ihren Triumph auskostet und es nichts Ungewöhnliches ist, weil sie nur Siege gewohnt ist.
Ich brauchte 4 Stunden um mir die Schande abzuwaschen und wusste dass du recht hattest, wenn du mich seltsam nanntest.
Und jetzt, wo ich hier so in diesem kargen Zimmer liege und das surrende Geräusch mir wie Katzenjammer vorkommt, habe ich zum ersten Mal vergessen mich zu erinnern.
Stattdessen schreibe ich mich fort so ganz ohne Sehnsucht nach dem Halt, weil mein Stand sicher ist und ich Recht von Unrecht unterscheiden kann und eine Lüge mich noch nie berührte.
Und alle Sterne am Himmel sind gefallene Könige wie ich- und doch nicht mehr als Licht.
So gesehen, denke ich hier in diesem Zimmer, dass ich einfach nur noch dankbar bin und drei Kreuze mach für den Kelch, der dadurch an mir vorübergegangen ist. Denn mancher Triumph ist gar kein solcher, wenn man nur im krankhaften Hirn seine eigene Wahrheit kennt und damit sein bemitleidenswertes kleines Ego streichelt. Insofern bekommt jeder das, was er verdient. Und ich schenke höchstens noch mein letztes Mitleid für so viel Armseligkeit, bevor ich mich abwende und den angenehmen Stimmen im Raum lausche, in deren Chor des Jubilierens ich schwungvoll mit einstimme.
Den guten Freund aber nehme ich in die Arme, weil auch er erkannt hat, wozu letztendlich Lügen dienten. Tut mir leid, wirklich, aber lass dir versichern, das geht vorüber und dann lacht man über die Erbärmlichkeit der Kreatur.

X.
Without a trace

Erinnerungen zeugen davon, dass wir leben. Aber hin und wieder gerät man in Versuchung, vergessen zu wollen, um an einen Anfang zu kommen, der einem die Sicherheit der Neutralität gewährt.
Solange ich zurückdenken kann, waren wir immer Fünf. Fünf Freunde, die unterschiedlicher nicht sein konnten, dennoch aber im Verstehen verbunden waren.
Marie und ich brauchten keine Worte um den anderen im Verstehen nah zu sein.
Ich hab sie stets für ihre Stärke bewundert, insbesondere da, wo ich längst schon aufgegeben hatte.
Niemals lief sie mit der Masse, hatte sich schon lange vor mir von fesselnden Konventionen befreit.
Meine Mauern baute ich mir selbst, aber ich brauchte Zeit, um sie letztendlich auch selbst als Hürde überwinden zu können.
Aber als ich es dann geschafft hatte, baute ich jede Mauer mit Stolz noch ein Stück höher, denn langsam aber sicher beherrschte ich die Kunst des überwindenden Sprungs.
Marie war als Träumerin der Realität niemals fern.
Sie träumte ihre Visionen, die sie zu Zielen werden ließ.
Mit Bedacht wählte sie jeden einzelnen ihrer Schritte aus, und zeigte mir sanft, dass meine Impulsivität mir selbst oft ein Bein stellte.
Auch Weggabelungen konnten ihr nie etwas anhaben. Dort, wo meine Schritte stockten und sich Unsicherheit breit machte, weil Kopf gegen Bauch ankämpfte, wusste Marie schon vor dem Weitergehen, welcher Weg genau zum Ziel führte, dessen Erreichung angestrebt und niemals aus den Augen verloren wurde.
Am meisten aber liebte ich ihr Lachen. Es hatte etwas von diesem Strahlen, das jeden anderen in der Kälte wärmte.
Und dennoch konnte ich in manchen Momenten spüren, dass ihr ganz anders zumute war.
Über Fin erzählte sie nie viel. Er kam genauso leise wie er dann auch ging. Er war ein seltsamer Typ, aber das Einzige was zählte war, dass Marie ihn liebte.
Sie lernte ihn in einer Galerie kennen, wo er abseits des Mainstreams lässig an eine Wand gelehnt stand. Er sprach mit niemandem ein Wort und seine ganze Haltung gebot diese selbst aufgebaute Distanz zu respektieren.
Mir war kalt, als ich ihn dort leicht grinsend stehen sah, aber vielleicht blickte Marie schon von Anfang an wesentlich tiefer.
Ihr war es egal, woher er so plötzlich kam und wer er war.
In ihrer kurzen gemeinsamen Zeit war er ihre Inspiration. An ihren Bildern erkannte man wie tief er sie berührte aus welchem Grund auch immer. Zarte Farbgebungen tauchten in tiefes Schwarz, unterbrochen zum Teil von einem flammenden Rot.
Es schien als eine Zeit der Kontroversen, verbunden mit einem zärtlichen Gefühl eingetaucht in disharmonische Effekte, hervorgerufen durch beiderseitigem starken Willen und Distanzliebe.
Und dennoch verband sie etwas, was sie selbst gar nicht greifen konnten und sie deswegen oft genug gegen den anderen auf Distanz gingen um danach wieder nach dem anderen zu greifen.
Ich kannte Marie gut genug, um zu wissen, wie sehr sie ihre eigene Unnahbarkeit brauchte, um den Abstand von ihm zu gewinnen, der selbst nur schwer der Nähe etwas abgewinnen konnte.
Ob sie beide wirklich glücklich waren, habe ich niemals gespürt. Aber sie gaben sich eine zeitlang etwas, was sonst nicht vorhanden gewesen wäre, auch wenn sie dies selbst gar nicht definieren konnten.
Tage der Kälte wechselten sich ab mit warmen Sommertagen am Meer und so manche Klippe wurde umschifft mit gemeinsamer Kraft, auch wenn man dafür zuweilen über sich hinauswachsen musste, weil das Riff der Rationalität immer in Sichtweite war.
Da wo Marie mit ihrem Bauch intuitiv steuerte lenkte er mit der Kraft seiner Rationalität gegen, um niemals die Unabhängigkeit zu verlieren.
Manchmal schaute ich in dieser Zeit Marie einfach nur fragend an, wissend, dass sie die Antwort nicht wusste oder sich derer nicht hingeben wollte.
Die Frage war immer die gleiche, geschahen die Dinge wirklich aus eigener Überzeugung oder war es eher so, dass der Akzeptanz schon die Resignation folgte. In dieser Zeit malte Marie abwechselnd sehr dunkle Fraktale und expressionistisch.
Ersichtlich wurden daraus ihre innere Zerrissenheit und die Opposition zu sich selbst im Hinblick auf Reformation.
In jedem ihrer Bilder spiegelten sich ihre Gefühlsregungen und seine Rationalität wider, alles selbst durchfühlt und maßgeblich bereits interpretiert.
Es war der Kampf der Wärme gegen das Kalte, um damit selbst etwas geben zu können, was vermeintlich der andere brauchte.
Als er ging, geschah dies in aller Stille. Es gab keinen Raum für das Theatre of Tragedy. Die Distanz tat bereits ihr übriges.
Jeder empfand im Danach wahrscheinlich auf seine Weise, vollkommen losgelöst von dem Davor.
Alles war gut, weil ausgelöscht dem Nirwana übergeben und dennoch nahmen beide etwas mit, wenn auch in unterschiedlicher Weise.
Marie sprach nie wieder von Fin. Es war wie eine stille Übereinkunft, dass nur das Vergessen hilft um weiterzugehen ohne Taschentuchgebaren.
Es blieb nur ihr letztes Bild, ein in unendliche Tiefe gehender Brunnen, aus dem glutrot die Flammen schlagen und eine Hand, die ins Leere greift, so wie man hoffend das Glück versucht zu greifen, und es nicht zu fassen bekommt, weil man es für sich selbst gar nicht definieren kann.Manchmal glaube ich auch heute noch, dass sie noch lange an ihn dachte, leise und nur für sich, aber sie hielt sich daran, was man von ihr verlangte, um damit ihre Schuld abzutragen im Hinblick auf seine fortwährende Bedeutung für sie.
Und somit war wirklich alles gut, weil jeder seinen Weg aus eigener Sicht heraus weitergehen konnte und das mit einem guten Gefühl.

XI.
Intensivst
Marie liebte das Intensive. Vielleicht lag es daran, dass sie selbst immer unbeeinflusst von sich selbst und anderen das zuließ, egal ob es der Trip ganz nach oben oder in die Hölle war.
Irgendwie konnte sie allem etwas abgewinnen, ganz gleich ob gegenwärtig oder erst rückblickend betrachtet. Sie lebte intensiv die Superlative gebend, um sich selbst daran festhalten zu können.
Ich weiß noch, wie oft ich mir ihr Leben ungläubig betrachtete, um dann festzustellen, wie gut sie sich selbst damit tat, einfach nur aus ihrer eigenen Sichtweise heraus.
Da gab es Momente, in denen hatte zuweilen der Tag 24 Stunden. Getrieben von Unruhe war Schlaf zu finden der Unmöglichkeit anheim gegeben. Ruhelos entstanden Gedankengebilde, die sich verknoteten und als immer größer werdendes Knäuel im Kopf umherwirbelten, dabei gegen Wände schlugen, um mit dem hämmernden Schlag wach zu halten.
Manchmal wurde da jeder Raum zu eng, war ohne Fenster und Türen, beängstigend stickig dessen Stille nur durch das durchdringende endlose Tropfen eines Wasserhahns unterbrochen wurde.
Trotzdem durchlebte Marie auch diese Trips in aller Intensität, denn es waren einzig ihre Gedanken, denen sie sich selbst hingab.
Nur ein Monolog dem der Dialog im Nichts nicht begegnen kann.
Ich denke eine Flucht daraus hätte sie sich selbst wohl nie verziehen, und pflegte ihre eigene Ruhelosigkeit in Hingabe.
Es war wie in einem Flugzeug als Passagier sitzend, dessen zweites Triebwerk sich gerade in sich schwärzender Luft auflöste und der Pilot versuchte beruhigende Worte zu finden.
Im Nichts war nichts zu halten und dennoch hielt ihr Sitznachbar beruhigend ihre Hand, im Versuch des mutigen Dialoges. Einmal Flug all inclusive, aber ohne Fallschirm.
Ja, sie würde alles noch mal genauso machen, jedes Mal wieder ohne Einschränkung und ohne Abwägen des Für und Wider.
Einfach so und ganz bewusst vor allem in der Bedeutung für sich selbst. Vielleicht noch ein wenig intensiver vor allem das Bedeutungsvollste.
Ihr Sitznachbar nickte zustimmend und Marie wusste, dass er nichts verstand.
Alles war freiwillig und sogar das Nichts nicht gefordert. So kannte Marie geben, wissend, dass das Nichts auch oder insbesondere für sie selbst in seiner Bedeutung alles war und sein wird.
Für mich selbst war genau dieses wahrscheinlich eine ihrer größten Stärken, die sich darin zeigte, dass Marie zuließ, ohne einen anderen jemals dafür in die Verantwortung zu ziehen.
Was allein zählte, war der Moment der Hingabe und das sogar im Nachhinein betrachtet.
Und dann war da dieser Flug ins Unermessliche. Das andere Extrem wie im Rausch intensivst genießend. Ohne Gedanken an den Ausfall des Triebwerkes und Suche des Fallschirmes.
Als ich Marie dabei zusah, beneidete ich sie ein wenig um diese fast kindliche Freude.
Um sie herum war ein Strudel aus Feuerglut, in dem sie sich fallen ließ, ohne den Feuerlöscher parat zu haben.
Da wurde kein Sicherungsseil aus Fragen geknüpft, um Antworten zu erhalten, an denen man sich festhalten konnte, oder für die man sich selbst aus der Verantwortung zog.
Begehren war einfach da um die Sehnsucht anzufüttern mit der Gier nach dem Mehr.Es gab keine Pflicht, der Tanz auf dem Seil war die Kür. Haut an Haut, berührend im vermischenden Schweiß, leichtfüßig und unsimuliert.Alles war echt und selbst in der Distanz nah.
Keiner führte, eher war es die Verschmelzung im Raum der Zeit im kontinuierlichen Bewegungsfluss ohne Stillstand und Rückwärtsgang.
Kräften, die in einander überflossen, wurde kein Hindernis in den Weg gelegt und jeder Akkord wurde zur neuen Sucht, der man sich selbst hinzugeben gesuchte.
Und die Obsession wird zur Passion.
So gesehen lebte Marie alle Ihre Facetten intensiv. Vielleicht erschien sie hin und wieder ein klein wenig verrückt.
Irgendwie aber kam mir alles dann wieder seltsam bekannt vor.
Manchmal gebraucht es eben auch ein paar eisige Winter lang um zu erkennen, dass man doch den unbesiegbaren Sommer in sich selbst trägt.

XII.

Damals in dem kleinen Ort war alles noch so unbeschwert und wärmend bunt. Wir waren fünf Menschen, unterschiedlich wie man nur sein konnte, und dennoch mit einem Band verbunden, welches allen Widerständen trotzte.
Wir konnten einander anschauen und es gebrauchte oftmals keine Worte in der Langatmigkeit der Erklärung.
Selbst aber Fragen konnten gestellt werden mit der Sicherheit der Beantwortung.
Unbeschwert waren wir alle. Aber selbst wenn bei dem einen mal die Tendenz in die falsche Richtung ging, kam von anderer Seite der Zug nach oben.
Marie war so ganz anders als ich, vielleicht so, wie ich immer sein wollte. Auch als Träumerin verlor sie sich nicht darin, sondern sah selbst auch dies nur als eine ihrer Facetten, die die Wirklichkeit komplementierte.
Manchmal verstand ich Marie nicht wirklich, trotzdem bedurfte es niemals Erklärungen, denn sie ging ihren Weg, der für sie gut war und allein dies zählte.
Dort, wo meine Schritte stockten und sich Unsicherheit breit machte, weil Kopf gegen Bauch ankämpfte, wusste Marie schon vor dem Weitergehen, welcher Weg genau zum Ziel führte, dessen Erreichung angestrebt und niemals aus den Augen verloren wurde.
Wir haben uns niemals aus den Augen verloren, auch nicht nachdem sie damals als erste unseren kleinen Ort verließ.
Nur es war anders, als sie weg war.  Die Farben mit denen wir noch gemeinsam alle unsere kleine Welt angemalt hatten, variierten um Nuouncen, vielleicht nur für uns alleine feststellbar.
Dennoch fehlte Marie mir. Vielleicht weil sie die einzige war, der es gelang so tief in mich zu schauen und zu erkennen.
Manchmal schien es mir, sie wusste viel mehr über mich als ich selbst.
Da war dieses Bild, was sie von mir malte, so wie ich es noch niemals zu erkennen zugelassen hatte. Es war ein Bild ohne Maske, das mein Innerstes nach außen kehrte. Es war ein Bild in Orangetönen, die nach außen hin in ein tiefes Rot übergingen und sogar noch von einer inneren Zerrissenheit getragen wurden.
Sie sah genau, dass genau meine Zweifel mich da hinführen würden, wo der für mich richtige Weg sichtbar wird. Genau darin war sie mir damals weit voraus.
Zuweilen stockten deshalb meine Schritte und ich sah aber dabei die Zuversicht in ihren Augen.
Es dauerte lange, bis ich selbst die Vergangenheit mit einbeziehen und in der Selbstreflexion Fehler kritisch beurteilen konnte.
Es war gut mich selbst in der Reformation zu sehen und endlich bewusst Wege ohne Normen und Konventionen zu gehen, niemals mit der Masse laufend, freigemacht von der Meinung anderer, eigene Ideen verwirklichend und Visionen als greifbares Ziel verstehend.
Vielleicht war gerade darin Marie mir immer ein Vorbild. Sie war so viel stärker und ließ es mich dennoch nie spüren. Sie war niemals das Ideal, welches ich anstrebte dem gleich zu werden. Sie stärkte mich nur auf meinem eigenen Weg.
Damals als ich Kevin kennen lernte, war Marie mir sehr nah.
Sie spürte in der Distanz den rauen Wind, der mir unaufhaltsam zuweilen ins Gesicht preschte.
Marie sagte nicht viel, sie ließ mich selbst entdecken, dass ich intuitiv das Richtige tun würde.
Nicht Neid und Missgunst konnten etwas ausrichten, sondern es zählte allein der eigene Wert und das was man sich gegenseitig gab auf dem Fundament des Vertrauens.
Plötzlich war der Wind gar nicht mehr so verletzend, sondern eher beflügelnd als Aufwind nutzbar.
Ich weiß, dass Marie jetzt gerade lächeln würde.
Ist doch gar nicht so schwer zu fliegen. Gefühle können tragen, und potenziert noch mal so gut.
Zweifel sind manchmal unumgänglich, und nur die Verstrickung darin gefährlich.
Es ist ein herrliches Gefühl sie im Winde verwehen zu lassen um sich dann selbst im Aufwind treiben zu lassen.
Wenn Marie heute vor mir stehen würde, würde ich zurücklächeln, und ich bin mir sicher, sie weiß warum.

XII.
Damals in dem kleinen Ort war alles noch so unbeschwert und wärmend bunt.
Wir waren fünf Menschen, unterschiedlich wie man nur sein konnte, und dennoch mit einem Band verbunden, welches allen Widerständen trotzte.
Wir konnten einander anschauen und es gebrauchte oftmals keine Worte in der Langarmigkeit der Erklärung.
Wann auch immer, konnten Fragen gestellt werden mit der Sicherheit der Beantwortung.
Unbeschwert waren wir alle. Aber selbst wenn bei dem einen mal die Tendenz in die falsche Richtung ging, kam von anderer Seite der Zug nach oben.
Marie war so ganz anders als ich, vielleicht so, wie ich immer sein wollte. Auch als Träumerin verlor sie sich nicht darin, sondern sah selbst auch dies nur als eine ihrer Facetten, die die Wirklichkeit komplementierte.
Manchmal verstand ich Marie nicht wirklich, trotzdem bedurfte es niemals Erklärungen, denn sie ging ihren Weg, der für sie gut war und allein dies zählte.
Dort, wo meine Schritte stockten und sich Unsicherheit breit machte, weil Kopf gegen Bauch ankämpfte, wusste Marie schon vor dem Weitergehen, welcher Weg genau zum Ziel führte, dessen Erreichung sie anstrebte.
Wir haben uns niemals aus den Augen verloren, auch nicht, nachdem sie damals als erste unseren kleinen Ort verließ.
Nur es war anders als sie weg war
Die Farben mit denen wir noch gemeinsam alle unsere kleine Welt angemalt hatten, variierten um Nuouncen, vielleicht nur für uns alleine feststellbar.
Dennoch fehlte Marie mir. Vielleicht weil sie die einzige war, der es gelang so tief in mich zu schauen und zu erkennen.
Manchmal schien es mir, sie wusste viel mehr über mich als ich selbst.
Da war dieses Bild, was sie von mir malte, so wie ich es noch niemals zu erkennen zugelassen hatte. Es war ein Bild ohne Maske, das mein Innerstes nach außen kehrte. Es war ein Bild in Orangetönen, die nach außen hin in ein tiefes Rot übergingen und sogar noch von einer inneren Zerrissenheit getragen wurden.
Sie sah genau, dass meine Zweifel mich da hinführen würden, wo der für mich richtige Weg sichtbar wird. Darin war sie mir damals weit voraus.
Zuweilen stockten deshalb meine Schritte und ich sah aber dabei die Zuversicht in ihren Augen.
Es dauerte lange, bis ich selbst die Vergangenheit mit einbeziehen und in der Selbstreflexion Fehler kritisch beurteilen konnte.
Es war gut mich selbst in der Reformation zu sehen und endlich bewusst Wege ohne Normen und Konventionen zu gehen, niemals mit der Masse laufend, freigemacht von der Meinung anderer, eigene Ideen verwirklichend und Visionen als greifbares Ziel verstehend.
Vielleicht war gerade darin Marie mir immer ein Vorbild. Sie war so viel stärker und ließ es mich dennoch nie spüren. Sie war niemals das Ideal, welches ich anstrebte dem gleich zu werden. Sie stärkte mich nur auf meinem eigenen Weg.
Damals als ich Kevin kennen lernte, war Marie mir sehr nah.
Sie spürte in der Distanz den rauen Wind, der mir unaufhaltsam zuweilen ins Gesicht preschte.
Marie sagte nicht viel, sie ließ mich selbst entdecken, dass ich intuitiv das richtige tun würde.
Nicht Neid und Missgunst konnten etwas ausrichten, sondern es zählten allein der eigene Wert und das was man sich gegenseitig auf dem Fundament des Vertrauens gab.
Plötzlich war der Wind gar nicht mehr so verletzend, sondern eher beflügelnd als Aufwind nutzbar.
Ich weiß, dass Marie jetzt gerade lächeln würde.
Ist doch gar nicht so schwer zu fliegen. Gefühle können tragen, und potenziert noch mal so gut.
Zweifel sind manchmal unumgänglich, und nur die Verstrickung darin gefährlich.
Es ist ein herrliches Gefühl sie im Winde verwehen zu lassen um sich dann selbst im Aufwind treiben zu lassen.
Wenn Marie heute vor mir stehen würde, würde ich zurücklächeln, und ich bin mir sicher, sie weiß warum.

Wir waren immer Fünf. Fünf Menschen, die sich vor langer Zeit fanden und es sich wert waren für das Gefundene zu geben. Zu geben ohne jegliche Erwartungshaltung und doch wissend, dass immer wieder etwas aufs Vielfache zurückkommt.
Jeder von uns hatte zwar seine eigene Definition von Freundschaft, und dennoch gab es Schnittstellen oder wenigstens Parallelverschiebungen.
Das Wichtigste aber war das Gefühl, dass man so akzeptiert wurde, wie man war, egal aus welchem Blickwinkel die Betrachtung erfolgte.
Trotzdem konnte man sich auf die Meinung des anderen verlassen, denn egal wie gegensätzlich sie erschien, konnte man sicher sein, dass es keine unbedachten Worte waren oder zum Verletzen geneigte Phrasen.
Ich denke, zurückblickend vermag ein jeder von uns Fünf zu sagen, dass es eine gute Zeit damals war.
Denn jeder von uns hat etwas mitgenommen. Etwas von dem man auch heute noch zehren kann, wo vielleicht doch so manches mal der Weg etwas steiler bergauf geht und das Vor uns nicht so strahlend leuchtet, sondern eher in nebulöse Farben eintaucht.

Damals dort in unserer kleinen Welt haben wir oft gemeinsam den Pinsel geschwungen, und mit kraftvollen Strichen alles in hell leuchtende Nuancen eingetaucht.
Es spielte keine Rolle, wer den Farbton bestimmte. Denn immer dann, wenn vielleicht für den Einen mal das Dunkle eher überwog, konnten wir sicher sein, dass die anderen den Pinsel mit der richtigen Farbgebung schon parat hielten.
Vielleicht haben wir uns schon damals für alles Kommende gegenseitig stark gemacht, insbesondere durch die innere Verbundenheit des Verstehens ohne auch nur ein Wort zu verlieren.
Als es an der Zeit war, dass unsere Wege auseinanderdrifteten, geschah dies mit dem Wissen unsichtbare Spuren hinterlassen zu haben, die dennoch jederzeit abrufbar waren.
Tom war schon damals der Mensch, der bei mir sehr tiefsitzende Spuren zeichnete.
Es waren seine Worte, die auch heute noch intensiv nachhallen.
Worte, die mich schon damals, wenn wir nach der Schule zu unserem Platz unten am See radelten, immer wieder faszinierten und fesselten.
Kein anderer vermochte es so wie er mit Worten zu malen.
Er verführte mich in Welten furchtlos einzutauchen, die so fremd und unwirklich erschienen, und dennoch das Erleben mit spannender Erwartung zu genießen.
Ich konnte stundenlang seiner sanften Stimme lauschen, wenn er mir aus den “Blumen des Bösen” vorlas oder Miguel de Cervantes zitierte. Ich sah Dulcinea mit langem schwarzem Haar vor mir, litt Höllenqualen im Tod von Morella und empfand Schmerz mit Justine ebenso wie mit Juliette.
Schon damals offenbarte Tom mir den Blick über den Tellerrand um mir das Bewusstsein für das Mögliche zu öffnen, ebenso das Risiko nicht scheuend, aus Unmöglichem das Mögliche zu machen.
Tom lebte mir seine eigenen Worte stets vor. Für ihn war es das Wichtigste, sich selbst zu akzeptieren wie man ist und sich niemals untreu zu werden.
Es hat sich sehr vieles davon in mir verankert.
Aber heute weiß ich, dass ich es wagen kann der Mensch zu sein, der ich bin.
Nicht immer ganz sicher im Blick nach vorne, aber dennoch mich Herausforderungen stellend.
Manchmal zweifelnd und auch zögerlich ernst, vor allem ersteres an mir selbst. Aber dann wieder mutig und so voller Neugier auf alles was noch kommen mag.
Hin und wieder erkenne ich Widersprüche in mir und ein wenig Zerrissenheit, wo aber dennoch der Trotz zum Vorschein kommt, der hilft mit Verbissenheit auch alleine jede Unwegsamkeit zu meistern.
Und sogar auf der Suche nach mir, passiert es ab und an mal, dass ich mich selbst verpasse.
Heute weiß ich, dass mich nicht jeder verstehen muss, ebenso wenig wie ich jeden verstehen kann.
Und genau damit habe ich sogar Verständnis für mich selbst.
Nicht jeder Wunsch hat in der Erfüllung seinen Wert, und ich hoffe dennoch, dass mir kein einziger von ebendiesen verloren geht.
Auch wenn es nicht immer so läuft, wie ich es gerne hätte, vermag mir auch dieses nicht mehr allzu viel anzuhaben.
Vielleicht habe ich gerade damit so etwas wie das Kind von Damals in mir bewahrt.
Das Kind, das mit unbedarfter Neugier sich selbst immer wieder aufs Neue entdeckt und im eigenen Erstaunen schon alleine die Erfüllung findet.
Selbst meine Introvertiertheit steht mir nicht mehr im Weg, vielleicht, weil ich mich selbst darin nicht mehr verfange und ersterer zum Trotz, Gefühle als Meinige akzeptiere und diese auch lebe.
Auch wenn so manche Spur im Sand von Brandungen weggespült wird, wird es immer welche geben, die dem Meer trotzen, weil sie tief in einem selbst verwurzelt sind.
Ich bin mir sicher, dass auch ich genau solche Spuren bereits hinterlassen habe.
Und das ist gut so. Wie so vieles andere auch.

Schweigen
Wir waren immer Fünf.
Fünf Freunde , die ein Stück des Weges gemeinsam gingen ohne den gleichen Weg zu benutzen.
Für jeden von uns entstand beim Gehen ein eigener Weg, der bei dem einen mal gerade verlief während einem anderen der Anstieg schwer zu schaffen machte.
Der gerade Weg mit viel Licht und bunten Farben bereitete uns gemeinsam viel Freude, egal wem er gehörte. Denn das Licht erhellte immer auch unsere Strecken und die hellen Farbtöne vermischten sich mit den dunkleren in eine positive Richtung.
Aber auch die Anstiege verloren an Steilheit, weil man wusste sie nicht alleine bewältigen zu müssen oder man auch die Kraft von außen spürte, um dann mit neuer Zuversicht und Anlauf den nächsten Schritt zu gehen.
Es war nicht immer so, dass wir die Schritte des anderen verstanden oder auch guthießen.
Trotzdem ließen wir aus der Akzeptanz heraus gehen oder versuchten zumindest die Dinge aus einem anderen Blickwinkel heraus zu sehen um dann im nachhinein mitzuhelfen die Scherben zu fegen.
Mir selbst half immer auf meinem eingeschlagenen Weg der Gedanke, trotz allem niemals alleine zu sein, egal welche Pflastersteine ich gerade legte und wie steil es hinauf ging.
Alleine dieses Wissen machte vieles leichter.Mit Tom verband mich das ganz Besondere. Es war dieses unsichtbare nicht zu greifende Spüren auf Distanz was unsere Freundschaft ausmachte.
Als damals die Steine auf meinem Weg sich anhäuften und meine Schritte lahmten, weil mir einfach die Puste ausging, war er der Einzige der sogar Schweigen richtig deuten konnte.
Ja, Schweigen war immer mein großes Problem.
Oftmals war es dieses sprachlose Schweigen, mit dem ich nicht nur andere verletzte, sondern vielmehr mich selbst, dann wenn die Angst die Oberhand gewann, Worte könnten nicht die Empfindung ausdrücken und missverstanden werden. Vieles was ich empfand, versuchte ich mit mir selbst auszumachen und merkte gar nicht, dass Worte zur richtigen Zeit, dem Unverständnis entgegen gewirkt hätten.
Vielleicht fehlte mir manchmal der Mut meiner Sprachlosigkeit Worte zu geben, mit der Konsequenz, dass gerade dieses Schweigen als Missachtung und Geringschätzung interpretiert oder als Anklage oder Gleichgültigkeit fehlgedeutet wurde.
Mit der Zeit verlernt man es dann sogar das auszudrücken was man fühlt und empfindet und hofft darauf, dass sich vielleicht ein anderer die Mühe macht in einen reinzublicken und auch ohne Worte zu verstehen.
Schweigend einen Wunsch auszusprechen, ohne ihn als Forderung oder Erwartung zu deklarieren empfand ich immer als schwieriges Unterfangen.
Mein Schweigen geschah nicht immer aus Überzeugung sondern war oft eine Art Schutzschild gegen Verwundbarkeit, mit dem nicht jeder so umzugehen vermochte, wie es für alle zuträglich gewesen wäre.
Mit Tom konnte ich schweigen, und konnte lange Zeit nicht verinnerlichen, dass es so viele Deutungen von Schweigen gibt.
In dem Film Pulp Fiction gibt es eine Textstelle, wo gesagt wird: “man weiß, dass man jemanden ganz Besonderes gefunden hat, wenn man einfach mal für ein paar Minuten sein Maul halten kann, und miteinander schweigen.”
Für Tom und mich bedeutete Schweigen immer auch Verstehen.
Und dieses Wissen machte jeden Weg leichter und half mir sogar mit meiner eigenen Sprachlosigkeit besser umzugehen um vielleicht doch irgendwann wenn mein Schweigen auf Unverständnis trifft, dem mit Nachsicht zu begegnen oder doch die richtigen Worte zu finden.

XVII.
Marie war immer schon eine Träumerin. Sie träumte ihre Welt in goldschimmernden Farben, so wie sie es vielleicht nie erlebt hatte, es sich aber immer wünschte, nicht so sehr für sich, mehr noch für andere.
Sich selbst nahm sie dabei nie so wichtig, vielleicht weil ihr dafür der Blick nach innen fehlte, oder weil sie für andere sensibilisierter war.
Es spielte keine Rolle, was sie fühlte oder auch dachte. Sie sah den anderen und das genügte.
So war es wohl auch, als sie Mickey begegnete. Es genügte sein Lächeln und ein Streicheln wie ein Windhauch. Genau so wie er selbst auch war.
Stets streifte er nur, wie ein Windzug leicht durch das Haar weht.
Wenn er da war, war er im nächsten Augenblick schon wieder fort.
Wo sie Mickey traf, darüber hat sie nie gesprochen und wir fragten nicht. Es war unwichtig, denn was für uns zählte war, dass Marie mit ihm lachen konnte.
Er war einfach eines Tages an ihrer Seite. Einmal mehr und dann wieder weniger.
Genau so wie der Wind, der flach am Boden entlang streift, bis ihm irgendwann die Puste ausgeht und er im Nichts verschwindet.
Sie wollte wohl auch nicht wissen wer er war und woher er kam.
Mit ihm malte Marie wieder in hellen Farben, manchmal etwas wirr und scheinbar mit zittriger Hand, aber immer mit einem Lächeln im Gesicht.
Mir gefielen ihre Bilder aus jener Zeit, ich mochte dieses leuchtende Rot und das schreiende Orange gemischt mit dem Sonnengelb.
Nur je länger Marie den Windhauch von Mickey spürte, umso intensiver wurde das Schwarz,
das sich als Farbkleckse in ihre Bilder mischte.
Wie gerne hätten wir damals die Pinsel in andere Farbeimer getaucht um damit das Schwarz zu übermalen.
Auch wenn Marie das wusste, ließ sie es nicht zu.
Mickey war ihre Welt, sie war sein Anker und wollte nichts anderes sein.
Und Mickey beherrschte sein Spiel. Ein Spiel, bei dem nur er die Fäden zog und die Spielregeln bestimmte, wo der Sieger schon von vorneherein immer feststeht , nur der Verlierer nichts davon weiß.
Er wirkte wie Gift in Maries Adern, für sie wohl eher süß und nur am Anfang nicht schmerzhaft. Aber manches Gift wirkt langsam, vielleicht dadurch aber umso wirkungsvoller.
Ich weiß nicht, was er je in ihr gesehen hat, wahrscheinlich nur eine weitere Trophäe, mit der man sich schmückt und die danach in einer Vitrine verstaubt und nicht mehr beachtet wird.
Mickey war genau der Typ, der den Glanz der Bewunderung brauchte, um sich darin zu sonnen und ein Stück größer zu erscheinen, als er wirklich jemals sein konnte.
Gekonnt umschmeichelte er Marie mit Worten und einem Lächeln zur Unterstreichung.
So wie der schwarze Prinz, der uns in Märchen begegnet.
Der in Babylon die Fäden des Bösen zog, der Pizarros Schwert führte, als das Reich der Inkas unterging und neben Napoleon stand, als das Feuer in Moskau umging.
Mickey war so ein schwarzer Prinz, der Marie mit Violinen umwarb, ihr eine Symphonie komponierte, deren Melodie aber nur am Anfang voll mit harmonischen Tönen war, dann aber wie ein Sturm aufbrauste und im Orkan endete.
Mit dem Sturm begann auch Maries schwarze Zeit.
Auch wenn sie hoffte und ihm glaubte, spürte sie doch immer mehr die Schlange in ihm, die sie bereits umzüngelte.
Lange noch gab sie sich seinen Spielregeln hin, schloss vor vielem die Augen oder stellte sich auch nur blind.
Er war der Meister der großen Worte, wodurch sein Gift auch noch süß wirkte.
Das Schlimme war nur, dass süßes Gift noch viel gefährlicher in den Adern seine Wirkung entfaltet.
Es kommt langsam wie eine Schlange angeschlingelt, aber es berührt jeden inneren Winkel.
Und Marie hing an seinen Lippen, um auch jeden Tropfen davon abzubekommen.
Ab und zu sahen wir in Marie eine Herzensmasochistin.
Vielleicht haben ihr seine Lügen und Geschichten gut getan, Wahnsinn und Quälerei ohne Ende. Wer lieben will kann auch leiden. Und ich denke , sie hat ihn sehr geliebt.
Mit ihm war wohl ein bisschen so viel mehr, ein wenig war genug.
Wie gerne hätten wir Marie damals aus diesem Fadenkreuz gezogen.
Aber irgendwann ging er von allein.
Streifte sie ab wie eine lästige Fluse auf seinem Jacket.
Marie litt wie ein verwundetes Tier, aber sie hielt ihn nicht fest.
Vielleicht wusste sie, dass so sein Leben war. Niemals nach Gefühlen fragend, weil er selbst dazu nicht fähig war.
Ich war oft bei ihr in der Zeit danach, bewunderte sie für ihre Stärke, die ihr auch nicht viel bedeutete.Als er ging, schaute er sich nicht einmal um, und konnte nicht sehen, dass Marie sogar in diesem Moment zu einem Lächeln fähig war.
Ich glaube, sie war schon bei seinem letzten Kuss längst erfroren.
Vielleicht fiel es ihr dadurch leicht loszulassen, auch wenn sie lange für sich selbst gebraucht hat, um sich von ihren Gefühlen ihm gegenüber zu lösen.
Heute malt Marie wieder ihre Welt in goldschimmernden Farben, nur hin und wieder taucht mal ein schwarzer Farbklecks darin auf.
Und genau so liebe ich ihre Bilder. Die Bilder einer Träumerin, in denen sich ihre erträumte Welt widerspiegelt.
Oder vielleicht doch eher das wirkliche Leben…

XVIII.
Sein Gesicht war nur noch ein Stein. Das Relief uneben und die Konturen wurden immer unschärfer.
Ein Stein ohne Leben, dem kein Atemzug entflieht um ihr wenigstens noch einmal das Gefühl von Nähe und Dasein zu geben.
Wenn Marie heute zurückdenkt, scheint schon so vieles im Nebel zu liegen.
Vielleicht versucht man aus reinem Selbstschutz heraus, Steine wachsen zu lassen, in sich selbst oder um sich herum, um sich dem anzugleichen, was geschieht, ohne dass man es ändern kann.
Manchmal erzählt Marie, dass sie sein Gesicht wie einen Stein vor sich sieht, den sie in der Hand hält..
Unwirklich von der Form , kalt aber mit warmen Schliff.
Er wiegt schwer in der Hand und ihre Finger versuchen das Relief zu erfassen um wenigstens noch die Konturen zu fühlen.
Aber je schwerer der Stein in der Hand liegt, desto weiter geht er von ihr fort.
Manchmal versucht sie diese Nebel zu lichten, um wenigstens noch seine Nähe zu spüren, von der am Ende nichts mehr übrig geblieben ist.
Manchmal wünschte sie noch einmal so in seinem Arm gehalten werden zu können, wie so oft damals und dann doch abnehmend, je stärker der Nebel hochstieg.
Irgendwann wollten sie mal tanzen, nur einen einzigen Tanz, dessen Ausklang sie nicht mitbekamen. Nur ein einziges Mal im gleichen Takt, nach der gleichen Melodie, wo einer die Richtung vorgibt und der andere folgt.
Doch die Musik begann nie zu spielen, weil sie auf die gewählte Distanz nicht zueinander fanden.
Ich bin mir sicher, sie wäre ihm gefolgt, hätte sich führen lassen, weil Emotionen sie gelenkt hätten. Aber vielleicht ging er da schon in eine andere Richtung, und hatte die Musik schon viel zu leise gedreht.
Und wieder fühlt Marie diesen Stein, der nicht duftet und der nicht spricht und der sie auch niemals hören wird, weil er stumm und taub ist ohne jegliches Gefühl in seiner ganzen Konsistenz.
Langsam wiegt er immer schwerer und ihre Fingerspitzen fühlen die rauen Stellen des Reliefs.
Sie musste immer aufpassen, dass die Verletzungen nicht zu groß wurden. Blaue Flecken waren zu verzeihen, aber nur wenn sie gepflegt und nicht noch mit dem Finger vertieft wurden.
Damals hatte sie vielleicht nicht den Mut ihm von diesen blauen Flecken zu erzählen, so wie
jetzt ihre Gedanken mit dem Stein zu fließen beginnen.
Marie weiß, sie hätte es tun sollen, damals als schon sein Duft zu verfliegen begann. Vielleicht hätte sie noch etwas davon einfangen können, was geblieben wäre, ohne dass die Nebel es überzogen hätten.
Vielleicht aber war auch ein wenig nur nie genug, dann, wenn das Gleichgewicht verschwimmt und auf der einen Seite im Nebel untergeht.
Ich bin mir sicher, Marie schwamm immer oben, selbst mit dem Stein noch in der Hand, der alles war, was noch übrig blieb.
Aber Nebel ist so gnadenlos, mit einer Konsequenz, die auch sein Leitbild war, für sich selbst ohne andere damit verletzen zu wollen.
Und er wollte Marie nie verletzen.
Es mag sein, dass die Gesamtheit des Vorangegangenen ihn schon lange vorher zu einem Stein hat werden lassen. Vielleicht war in seinem Inneren auch noch etwas Weiches, was nach außen hin immer härter wurde.
Nur hatte es Marie getroffen, weil sie nicht mithalten konnte um so die Schritte in einer Richtung auf Distanz zu halten, und sie konnte nicht durchdringen um so noch etwas von dem weichen Kern zu spüren.
In der Ferne hört sie seine Stimme, die schon immer sehr leise in den Tönen war.Sie versucht die Frequenz zu halten um das Rauschen zu unterdrücken.
Viele Worte hallen nach, die sie mitnehmen wollte um sie richtig zu bedenken.
Nur dafür hatte sie so oft geschwiegen, um der Gedanken willen, denen nur sie selbst folgen konnte um ihm die Distanz zu gewähren, die für ihn Sicherheit bedeutete, dort im Inneren seines Steins.
Es waren ihre Gedanken, die sie ihm nicht geben konnte, weil seine Auffassung eine andere war und sie diese nicht konform hätten drehen können.
Wenn Marie heute diesen Stein in der Hand hält, frage sie sich oft, ob man wirklich den Verstand über das Gefühl siegen lassen soll, so wie er es konnte.Aber war es wirklich so?
Wo hatte der Stein seine Emotionen versteckt?
Gab es wirklich eine andere Wertmäßigkeit oder war in Wahrheit gar nichts von diesen ihrigen Werten vorhanden?
Nichts was man geben konnte ohne damit ein Nehmen zu verbinden?
Vielleicht konnte er einfach nichts geben, weil gar nichts da war, was ihr zuträglich gewesen wäre.
Eine kurze Zeit können Steine über Wasser springen, dann, wenn das Wasser an der Oberfläche ruht. Aber dann ist es ihre Bestimmung in der Flut zu versinken um nie wieder dieser zu entsteigen. Und Marie hätte ihn gerne wieder nach oben geholt, wenn er es nur zugelassen hätte.
Aber nein, man kann keinen Menschen verändern, der sein Leben genau so lebt wie er es möchte.
Das war es auch nicht was sie wollte.
Für sie wäre es die Freiwilligkeit gewesen, die sie hätte annehmen können als Zeichen der Wertschätzung und Zuneigung ihrer Person. So wie sie auch für ihn der Flut entgegengelaufen wäre.
Aber da waren nur Steine und Nebel der immer dichter wurde
Steine über die heute die Nebel ziehen und die immer schwerer in ihrer Hand wiegen ohne
dass sie diese wegzuwerfen vermag.
Und so hält sie ihn auch heute noch in ihren Gedanken fest und versucht die Nebel wegzuwischen um wenigstens heute seinen Atem an ihrem Hals ganz nah zu spüren, so wie es früher nie war.
Atem, der dann mit dem Nebel weiterzieht und in der Ferne sich in einem Nichts auflöst, so wie auch nie etwas Greifbares da war.
Etwas Greifbares, was sie sich immer gewünscht hätte, was sie bei sich halten hätte können für nichts und doch so viel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s