der Glutschweif des Phönix

Sie schloss die Augen. Dunkelheit war immer gnädig, obgleich sie wusste dass es diesmal kein Entrinnen gab.
Worte peinigten sie, aus tausend Stimmen genau die eine heraus erkannt. Jedes Wort einzeln für sich so harmlos und doch aneinander gereiht schlagend wie Peitschenhiebe, die eindrangen und die Haut in Fetzen rissen.
Die Wirkung schaffte Distanz, in erster Linie zu sich selbst.
Und dann kam der immer wiederkehrende Traum, unbarmherzig und ohne Gnade.
In Ketten gebunden stand sie vor dem höheren Gericht und sollte sich zu ihren Sünden bekennen. Und schon tat sich der Boden auf und sie konnte das Höllenfeuer erkennen, welches bereits auf sie wartete. Sie sah die anderen armen Kreaturen, die nach ihr riefen und die Hände ausstreckten um sie dorthin zu holen,wo man für Sünden büßt.
Ein Schauern erfasste ihren Körper und gleichzeitig legte sich der eiserne Ring um ihren Hals.
Sie sah das Gesicht vor sich, welches sie mit den Fingerspitzen berührt hatte um sich alles einzuprägen, weil sie sich erinnern wollte, dann wenn nichts mehr blieb.

Sie sah den Mund, und die Lippen, die ihre berührt hatten, als der Phönix aus der Asche hoch in die Lüfte flog und stolz dort seine Runden zog. denkend er könnte der König der Lüfte sein und preisend seine Auferstehung.
Wie ein Orkan tobte es in ihr, und entfachte ein Feuer, welches innerlich alles verbrannte.
Es schmerzte und sie spürte, dass nichts es aufhalten konnte.
Die Nacht war so schwarz und doch wünschte sie sich gerade in diesen Gefilden einen Lichtstrahl, der sie nach oben führen konnte, um dem Phönix zu folgen.
Aber da war es wieder dieses kleine glutrote Buch mit den geheimnisvollen Zeichen aus ihrem eigenen Blut. Sie hatte es selbst geschrieben mit dem Hauch ihres Atems und jedes Kapitel war sie.
Und jetzt nahm er dieses Buch zur Hand und las darin. Er suchte und er fand sie nicht, weil nichts stimmte, zumindest nicht für ihn.
Jeder einzelne Seite nahm er zur Hand, die sie allein ihm offenbarte, und er zerriss sie, weil es nicht das war, was er sah oder sehen wollte.
Und dann schaute er sie ungläubig an und es war eine Fremde, die da vor ihm stand, weil er nie gefragt hatte, wer sie sei und was sie wollte.
Sie spürte es am eigenen Leib, und flehentlich sah sie umher. Aber die Geschworenen hatten bereits ihr Urteil gefällt.
Schuldig in allen Punkten der Anklage.

Dunkelheit kann manchmal gnädig sein und dennoch wünschte sie sich die Erkenntnis durch das Licht.
So wie früher, wenn sie einfach gelaufen ist zu einem Ort der ihr gehörte um dem zu entfliehen was nicht mehr zu ertragen war.
All die Nebelschwaden um sich herum vergessend um die Distanz zu sich selbst zu verringern.
Sie hatte immer Angst vor dem endgültigen Urteil gehabt und wusste doch, dass es nur die Hölle bedeuten konnte.
In aller Gelassenheit sprach er es aus und sie senkte dabei den Blick.
Der Phönix flog höher und höher und kannte dabei nicht die Angst sich zu verbrennen.
Da war dieses große Labyrinth, in dem sie schon immer den Ausgang gesucht hatte und den es vielleicht gar nicht gab.
Und der Phönix hätte ihr zeigen können, wie man allem entflieht, indem man ohne Angst sich erhebt im Vertrauen zu sich selbst in der Symbiose der haltenden Hand, einfach weil sie halten will und nicht aus der Forderung heraus.
Selbst jetzt kam der Irrgarten ihr wie ein viel zu enger Käfig vor mit vergitterten Türen und Fenstern, durch die kein Lichtstrahl drang.Als der Phönix sich erhob, sagte sie nichts von ihren Gedanken, weil nichts es ändern konnte, auch wenn sie es noch so wollte.
Worte können so peinigen und wie Pfeilspitzen eindringen, um dann spiralförmig sich drehend den Schmerz noch erhöhen, fast tödlich in der Wirkung.

Er hatte nie etwas gewusst von ihren ruhelosen Nächten, in denen Stimmen ihr den Schlaf raubten und sie sich selbst am lautesten hörte, wenn sie sich selbst zurücknahm um nicht zu erdrücken.
Er wusste nichts von ihren Ängsten und Selbstzweifeln und dem Wunsch gehalten zu werden in der Nacht, wenn alle schliefen und keiner ihren Schlaf bewachte der nie als Erlösung kam.
Niemand konnte sie vor diesen Nächten bewahren, in denen sie ruhelos die Schuld bei sich suchte, weil niemand anderer in der Verantwortung stand.
Sie schaute ihm stumm nach um nicht zu zeigen was sie fühlte. Er hätte auch nicht hingeschaut, weil er nur gelesen hat in diesem verdammten Buch, welches ihr Leben war.
Und es stand so viel zwischen den Zeilen, was er hätte lesen können, wenn es ihn interessiert hätte..
Sie hätte ihn gerne noch ein letztes Mal berührt, so wie er sie berühren konnte ohne alle Gegenwärtigkeit.
Viel zu schnell flog er davon um das Urteil mit sich zu nehmen in der Feuerglut die er hinter sich herzog.
Die Asche prasselte auf ihr Haupt noch vor Morgengrauen und sie nahm es hin, weil sie schuldig war.
Denn es stand in diesem Buch und nichts konnte die Zeilen löschen, weil jedes einzelne Blatt schon zerrissen im Staub lag und sich niemand die Mühe machte es aufzuheben um das Puzzle zu kleben, weil sie es vielleicht wert hätte sein können aber es wohl nicht war.

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