Distanz

Zärtlich strich sie ihm über sein entspanntes Gesicht. Er schlief noch und hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, so als wolle er sie hindern wegzugehen. Draußen lag der Morgennebel über dem See, der im Kontrast zu dem in ihr tobenden Orkan, in Ruhe und Stille sich dem Tag hingab. Sie wünschte, er würde etwas davon abgeben können, um diesen rasenden Blutfluss in ruhigere Bahnen und das Hämmern im Kopf vom Prestissimo zum Largo zu lenken. Sein Atem ging langsam ganz im Gegensatz zu der Frequenz in der Nacht. In ihr war eher diese Unruhe, wie tosendes Gewässer, welches als Gischt im Sturm hochgepeitscht wurde. Nichts vermochte dem Einhalt gebieten, weil die Gedanken wirbelten und sich dem Sog nicht entziehen konnten.

Für diese Nacht hätte er alles gegeben. Entblößt seiner Worte, frei von der Unschuld seiner Träume. Er stand auf zog die Jalousien nach oben und blickte hinaus. War es nur ein kleiner Augenblick, der durch Wolken verhangen ihn ansah? Er blinzelte in die Morgensonne. Ihr Parfüm gedachte er auf seinem Körper zu tragen. Sinnliche Gedanken die an seinem Oberkörper kleine feine Spuren zeigten. Auch sein Gesicht trug noch den Kuss in roter Farbe.

Wie ruhig und entspannt er dort am Fenster stand. Fast beneidete sie ihn ein wenig für dieses vertrauensvolle Fallenlassen in die eigene Gedankenfreiheit. Sie hatte ihre Rastlosigkeit, die stets ihren Raum suchte und Gedanken, die sie vereinnahmten ohne dass sie sich dagegen wehren konnte. Zu oft hatte sie sogar in der körperlichen Nähe die Distanz gespürt, die gewollt sich aus der Angst ergab. Sie hatte ihm nichts davon erzählt, von diesen Stimmen, die lautlos nach ihr riefen aus diesem unbekannten Niemalsland, was selbst ihr unerreichbar schien und doch so erstrebenswert. Manchmal nutzte sie diese Unrast als Lebenselixier, welches sie antrieb gegen die Wellen des Stroms in dem sie schwamm. Sie fühlte seinen Blick auf ihrem nackten Körper und hoffte, dass er dieses Hämmern gegen ihre Schläfen nicht bemerken würde.

Niemalsland schrieb sie in der Nacht unsichtbar auf seine Haut. Ihre Fingerspitzen vergruben sich in seinem Haar und vermochten nicht sein Begehren zu mindern. Sie nahm ihn mit, dorthin wo alles von neuen beginnt. Sie gab ihm zum trinken dem Dürstenden, stillte sein Verlangen in dem sie schwieg. Sein Körper nahm was er begehrte.

Sie dachte an die Stunden zuvor, wo das Schwarz der Nacht die Stimmen verhüllte. Sie spürte seine Kraft, die sie sanft umfing und hielt für diesen kurzen Augenblick, in dem sie ihre Angst vergaß. Die Wärme seiner Hand schien auf einmal so vertraut und vermochte die Distanz zu verringern, weil er den Schritt tat, zu dem ihr der Mut fehlte. Wortlos gab sie ihm was er nicht verlangte und dennoch so intensiv in seinen Augen zu erblicken war. Zärtlich unterstrich seine Stimme was er von innen nach außen zu dringen zuließ, weil er so viel mutiger war und nichts Vergangenes ihn hemmte. Sie liebte diese Stimme, mit der er ihr Geschichten erzählte, die sie berührten, weil sie von ihm gelebt waren. Vielleicht erahnte er etwas von ihrem Geheimnis, von diesem Höllenfeuer welches in ihr tobte, wenn die Glut der Angst in ihr zehrte und immer wieder ihre Schritte lenkte.

Sie blickte ihn an, sah den Fremden und vertraute seinem geschwungen Mund und seine Lippen flüsterten Worte in einer anderen Sprache. Noch immer stand er am Fenster und sah hinaus. Sie berührte ihn dort an der Stelle, wo er her kam. Es war die Berührung an seinem Herzen, dort wo Wellen die Träume in der Nacht an Land trugen und die Zeit endlos im Sand verläuft.
Als sie ihm am Fenster stehen sah, wünschte sie sich er würde ihr Gedanken als Hieroglyphen gemalt, entschlüsseln können um diesem Sturm in ihr Einhalt zu gebieten. Es war eine Gleichung mit so vielen Unbekannten und doch war da seine Hand, die er reichte. Ein leichter Windzug wehte vom Fenster herüber. Langsam lichtete sich der Nebel und es schien als tanzte der See einen langsamen Blues. Zu gerne wüsste sie gerade wohin seine Gedanken ihn trugen.

Nur wenige Schritte trennten ihn vom Bett. Die morgendliche Kälte legte sich auf seinen muskulösen Körper. Ihr Haar bedeckte das Gesicht und ihr sanfter Augenaufschlag ließ sein Atem schneller gehen. Er nahm sich die Zeit an ihre Seite zurückzukehren. Ein Traum der wiederkehrend ihn nochmals dorthin mitnahm wo sie wartete.

Sie wusste so wenig von ihm, erst recht nicht wohin er wollte. Sie würde nicht fragen. Es stand ihr frei ihm zu folgen oder in ihre Neutralität zurückzukehren, die immer ein sicheres Land war, welches sie für sich selbst geschaffen hatte. Die Wahl gab ihr für einen Moment etwas Ruhe und das Hämmern im Kopf ließ nach. Als sie in sein Gesicht schaute hoffte sie auf die Regung irgendeines Gefühls aus ihm heraus, was ihr selbst Bedeutung schenkte, die sie brauchte um zu bleiben.

Er kehrte zurück in ihre Arme und schlief ein. Er spürte ein sanftes Streicheln auf seinem Gesicht und durch die Jalousien drang das Licht der aufgehenden Sonne. Es war der Anfang, und jeder von ihnen war bereits einen Schritt gegangen, jeder auf seinem eigenen Weg dem anderen entgegen.

*Gemeinschaftstext

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