KatzenAugen

Der Whisky brannte ein wenig in der Kehle. Aber es war ihr egal, anderes brannte mehr in ihr und auch dagegen gab es nicht das richtige Mittel.

Er war schon wieder fort und sie saß alleine in diesem dunklen Zimmer, in dem nur noch Kälte zu spüren war, die auch langsam in ihrem Körper emporkroch, weil die braune Flüssigkeit ihre Innereien noch nicht genügend entflammt hatte.

Wenigstens half sie ihre Übelkeit ein wenig zu überdecken, wobei der Würgereiz fast eher Erlösung versprach.

Es war totenstill in diesem kleinen Raum und dennoch verstärkte genau dies den dumpfen Ton des Hammerschlags in ihrem Kopf. In eintöniger Taktfolge pochte es von innen heraus und sie hielt sich die Ohren zu als würde sie damit den Schmerz eindämmen können.

Im Zimmer roch sie noch seinen kalten Schweiß vermischt mit dem teuren Eu de Cologne, von dessen Duft sie früher nie genug bekommen konnte

Alles hatte sich verändert, nicht nur der Duft, oder er oder sie. Es war einfach alles, wie in eine große Schüssel geworfen, vermengt und vermischt. Es war auch gar nicht so plötzlich gekommen, eher schleichend, dafür unaufhaltsam. Nur wussten sie jetzt wenigstens Bescheid.

Vielleicht war es gut, dass Worte endlich ihren Weg gefunden hatten, auch wenn es nicht leicht war, gerade jetzt wo alles sich so tief eingefressen hatte und nach außen hin brannte.

Sie wäre jetzt gerne so was wie Heldin gewesen, fühlte sich aber schwach und klein und hätte sich am liebsten in einem tiefen Loch vergraben um alle Gedanken unwiderruflich auszulöschen.

Aber vergraben konnte man vieles nur nicht wegrennen vor dem was einen doch immer wieder einholt.

Auch vorher gab es immer wieder Momente, da wünschte sie sich diese Neutralität zurück, in der die Unbeschwertheit sich durch die Unbefangenheit breit machen konnte.

Keine Gedankenknoten, die sich ihren Weg durch Gehirnwindungen suchten und nichts als Schmerzen verursachten.

Sie erinnerte sich an dieses Leben in dem kleinen Ort, wo die Farben noch ein wenig fröhlicher leuchteten. In dem Elternhaus gab es immer wieder Schutz und wenn nachts die Träume kamen, war jemand da, der sie hielt.

Gedankenverloren schaute sie in die Glut ihrer Zigarette. Sie rauchte zuviel und sie hatte Angst, dass irgendwann wieder ihr Atem rebellieren würde.

Trotzdem war es gut, dass endlich alles gesagt war.

Auch bei ihm konnte sie die Erleichterung erkennen, vielleicht weil sie besser verstand, als er befürchtet hatte.

Es war ihr nie so bewusst, dass er auch immer gewartet hatte, dass sie endlich mal was sagte oder zumindest aufbegehrte, weil er ihr gar nicht so nahe stehen konnte, wie sie ihm.

Aber immer wieder war da nur dieses laute Schweigen, welches die Räume immer enger werden ließ und das Nichtwissen zur Qual machte.

Heute hatte sie zum ersten Mal geschrieen und selbst gespürt, wie sich der Ring von ihrem Brustkorb löste. Es war an der Zeit, weil das ganze Aufgestaute sie von innen aufzehrte und sie ihre Gedärme wie unter Feuer spürte und keine Luft mehr bekam.

Nie war es ihr bewusst gewesen, wie feige sie eigentlich die ganze Zeit war, nichts von dem zu sagen, was sie dachte und was fehlte.

Statt zu sagen, dass ihr kalt war, weil er sich immer weiter entfernte, und er nie Fragen stellte, weil die Antworten eh nie von Bedeutung waren, schwieg sie lieber und versuchte sich selbst zu wärmen, während sie am langen Arm verhungerte.

Im Grunde genommen war er fast schon erleichtert, als sie plötzlich anfing zu reden, denn so konnte er endlich reagieren ohne in der Schuld zu sein.

So brauchte er nicht nach Worten zu suchen, um sich von dem Ballast zu trennen, der mit der Zeit immer schwerer auf den Schultern lastete.

Ihm lag nichts an Taschentüchern und für Tristesse war keine Zeit.

In aller Leichtigkeit lief es sich besser und für Schuldlosigkeit gab es nichts zu sühnen.

Deswegen ging er ohne sich umzudrehen und nicht einmal die Klinke in seiner Hand brannte heiß.

Es war eh alles gesagt und es gab Wichtigeres, zumindest für ihn.

Der Whisky brannte immer noch in der Kehle nur konnte er leider nichts auslöschen, nichts von diesen verdammten Gefühlen und Gedanken an das was mal war.

Staubwischen wäre jetzt gut, es hatte sich viel angehäuft und sie hasste dieses Gewirr um sich herum, genauso wie jede noch so kleine Spur von ihm.

Einzig Muck, der kleine schwarze Kater schnurrte und gab dem Raum einen wärmenden Klang, die Stille unterbrechend.

Seine grünen Katzenaugen leuchteten in der Dunkelheit. Sie liebte sie von der Form und Farbe her, und hasste sich selbst für dieses Niesen und den Druck im Kopf, die sein weiches dunkles Fell bei ihr auslösten.

Ganz vage konnte sie sich noch daran erinnern, dass sie ihm von diesem Problem mit Katzenhaaren erzählt hatte. Und dennoch kam er an ihrem letzten Geburtstag mit diesem winzigen Knäuel an und schenkte es ihr freudestrahlend.

Jetzt war es eh unwichtig, ob er ihr jemals überhaupt richtig zugehört hatte, wenn, dann war es unbedeutend so wie vieles andere auch.

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