kein Zurück

Keine Zukunft vermag gutzumachen,
was Du in der Vergangenheit versäumst.
Albert Schweitzer

Hier sitzen wir nun und halten uns ein letztes Mal und vor uns liegt das Ende unseres Weges….

“Kannst du dich erinnern, wie alles anfing”, fragte sie ihn.
Er senkte den Kopf. Ja, er konnte sich sehr genau erinnern, vielleicht ein bißchen weniger detailgetreu wie sie, doch genau genug. Aber er sagte nichts. Warum sollte er auch? Welchen Sinn hatte es, nun mit ihr in Erinnerungen zu schwelgen, gemeinsam an die Zeit zurück denken, als sie alles für einander gewesen waren und geglaubt hatten, nichts und niemand könnte sie jemals besiegen, geschweige denn sie entzweien.

“Du weißt es vielleicht nicht mehr”, fuhr sie fort, “oder willst es nicht mehr wissen. Ich aber kann mich an alles erinnern. Ich weiß genau, dass du immer gesagt hast, ich müßte dich nie wieder hergeben, nie wieder loslassen und wir würden für immer zueinander stehen.”

Ja, das hatte er tatsächlich gesagt. Doch nun lagen die Dinge wohl ein wenig anders. Natürlich denkt man am Anfang einer Beziehung noch nicht an ihr mögliches Ende. Am Anfang einer Beziehung ist alles nur wunderbar, alles scheint hell, und man konnte sich in solchen Momenten niemals vorstellen, dass es vielleicht irgendwann einmal anders werden könnte, oder wollte es sich nur einfach nicht vorstellen. Letztlich sagte man zwar, man wolle sich nie wieder trennen, doch eigentlich wußte man selbst, dass man dies nur sagen, es aber damit nicht für immer und ewig zur Realität machen konnte. Die eigene Lebenserfahrung, die einem sagte, dass man dies schon einmal zuvor zu einer anderen gesagt hatte, mit der es auch nicht ein “für immer” geworden war, und die Statistik, die zeigte, wie viele Paare sich täglich trennten, strafte eine Aussage, wie er sie gemacht hatte, eigentlich immer lügen.

“Warum läßt du mich nun hier so stehen”, drangen ihre Worte wieder an sein Ohr. “Wieso sagst du nichts, sagst mir nicht einmal, warum es sich für dich geändert hat, sondern läßt mich einfach hier so stehen?”

Nun, dies war sicherlich eine Frage, die das Recht hatte gestellt zu werden. Das hieß jedoch nicht, dass er ihr darauf eine Antwort hätte geben können. Wieso entstehen Gefühle für einen Menschen und wieso können sie mit der Zeit wieder vergehen? Er hatte sich dies selbst so oft gefragt und es dennoch niemals beantworten können. Auch hätte er nicht sagen können, was es in diesem speziellen Fall war. Eigentlich hatte sich nichts verändert. Weder sie noch er hatten sich sehr verändert, jedenfalls nicht in einer Weise, die die Beziehung hätte zum Scheitern bringen können.

In den letzten Nächten, wenn er mit offenen Augen neben ihr gelegen hatte, ihr Atmen neben sich gehört hatte, während sie schlief, hatte er sich immer wieder gefragt, warum die Gefühle nicht mehr da waren, ohne darauf eine Antwort zu finden. Er hatte nur immer wieder erkannt, dass sie nicht da waren. Besonders erkannt hatte er es, wenn sie sich an ihn gekuschelt hatte, ihn gedrückt und geküßt hatte, und ihm dies alles lästig gewesen war.
Weil einfach sich die Gefühle geändert hatten.

Er hatte es ihr in diesen Momenten nicht gesagt, doch es hatte an ihm genagt. Es hatte an ihm genagt, weil er weder sagen konnte, woran es lag, noch wußte, wie er es ihr sagen sollte, und gleichzeitig sich als Schuft gefühlt hatte, weil er es nicht übers Herz brachte, es ihr zu sagen.
Er hatte sich lange durchgerungen, doch nun hatte er es ihr sagen müssen, nachdem sie wieder und immer wieder von ihren eigenen tiefen Gefühlen zu ihm sprach.Ja, sie liebt ihn , von ganzem Herzen.Und sie zeigte es ihm.Immer wieder und immer wieder. Nun hatte er nicht mehr anders gekonnt, als ihr zu sagen, was in ihm vorging.
Es war ihm sehr schwer gefallen. Er hatte immer wieder geschluckt, den Mund geöffnet, ihn dann wieder geschlossen, weil ihm die Worte nicht einfielen. Natürlich wollte er sie nicht zu sehr verletzen, zum anderen fiel ihm nichts ein, das ihr die Nachricht schonender übermittelt hätte.

Dann, mit einem Mal, war es aus seinem Mund gesprungen, ohne dass er es hätte aufhalten können: “Ich glaube nicht, dass ich Deine Liebe noch will, weil ich nicht mehr weiß, ob ich dich noch liebe….”

Stille war eingekehrt. Sie hatte ihn verständnislos angesehen, so als könne sie nicht glauben, was sie gehört hatte. Dann hatte sie die Arme gehoben, als wolle sie nach ihm greifen, sie wieder fallen lassen, ihn mit offenem Mund angesehen und sich gesetzt.

Dies alles war gerade ein paar Minuten her und nun saßen sie hier zusammen in der Küche und sie wollte wissen, warum seine Gefühle weg waren, und er konnte nichts sagen.

Beinahe war es so, als stünde er selbst unter Schock darüber, dass er ihr dies so einfach an den Kopf geworfen hatte, so hart und kaltherzig. Er hatte keinen anderen Weg gesehen und vielleicht war es auch manchmal viel heilsamer und besser, es mit einem Knall zu tun, als vorsichtig vorzugehen und Missverständnisse zu erzeugen.

“…..wenigstens sagen können”, vernahm er wieder ihre Stimme neben sich und bemerkte, dass er ihr nicht zugehört hatte. “Ich meine, warum hast du nicht wenigstens eine Andeutung gemacht?”

Genau das war die Frage, die er gefürchtet hatte, denn dies war nun wirklich etwas, das er sich selbst vorwarf. Ja, er hätte es ihr sagen müssen, er hätte ihr sagen müssen, als seine ersten Zweifel aufkamen, um ihr die Chance zu geben, mit ihm zu sprechen und vielleicht etwas zu ändern, oder wenigstens um sie nun nicht derart schockieren und verletzen zu müssen.
Warum er es nicht gesagt hatte, wußte er nicht. Vielleicht hatte er geglaubt und gehofft, dies sei nur eine Phase und alles würde sich schon wieder geben. Vielleicht hatte er auch einfach nicht den Mut gehabt und sie nicht verletzen wollen. Was es auch gewesen war, es war keine Entschuldigung, denn nun verletzte er sie schließlich mehr, als er es getan hätte, wenn er es früher und vielleicht zu einem Zeitpunkt gesagt hätte, in der ihre weiteren Chancen noch besser gewesen wären.

“Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum ich es nicht gesagt habe. Es tut mir leid”, brachte er nur hervor.

`Wirklich toll´, dachte er bei sich. `Und das soll nun etwas ändern oder besser machen? Für Entschuldigungen ist es wohl zu spät.´
Sie schluckte und zum ersten Mal, seit er ihr gesagt hatte, was los war, sah er nun Tränen in ihren Augen. Anscheinend wurde ihr erst jetzt so richtig bewußt, was er gesagt hatte, und wahrscheinlich erkannte sie auch jetzt erst, dass es eigentlich schon zu spät war, um noch eine Wendung zum Guten herbeizuführen.

“Es tut weh”, sagte sie nur und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Ja, es tat weh, das fühlte er auch. Nur war es jetzt wohl nicht an der Zeit, ihr zu sagen, dass es auch im sehr weh tat. Ihm tat es weh, sie zu verletzen, und ebenso weh tat es ihm, das er nicht wußte, wie es weitergehen sollte, er ihr keine wirklich Hoffnung machen konnte, eigentlich keine echte Chance mehr sah, obwohl er sie so gewünscht hätte, er könnte dies ändern.
Und dennoch konnte er ihr nicht sagen, dass es auch ihm weh tat. Zum einen war sein Schmerz wohl kaum mit dem ihren zu vergleichen, der man gerade den Boden unter den Füßen weggerissen und das Messer ins Herz gestochen hatte. Zum anderen würde sie ihn vielleicht missverstehen und denken, dass es ihm weh täte, weil er Mitleid hatte, und Mitleid würde sie von ihm sicherlich nicht wollen.
Er wußte nicht, was er tun sollte, daher nahm er sie einfach nur in seinen Arm, drückte sie an sich, damit sie an seiner Brust weinen konnte, während ihm selbst auch Tränen die Wange herunter rannen.

“Ich wünschte, ich könnte es ändern”, sagte er leise und mit belegter Stimme. “Ich weiß”, sagte sie. Und in diesem Augenblick wußte er, dass auch sie erkannt hatte, dass es niemals wieder ein Zurück geben und dies das letzte Mal sein würde, das er sie im Arm hielt.

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