Ole‘

Dann wenn man mich sieht bin ich. Dann wenn ich gehe, war ich. Nur wer ich war ist danach unwesentlich. Deswegen ist es auch nicht wesentlich wer ich bin oder wer ich sein werde. Ich bin schon vergänglich, bevor man mich sieht.

Sie lag schon längst wie ein schwer verwundetes Tier auf dem Boden. Und noch immer stand er wie ein stolz sich selbst gekürter Sieger vor ihr um noch weiter einzig mit Worten zu verletzen, die noch tiefer sich einbohrten, als jede Schwertspitze es vermochte.
Es war die Szenerie eines Stierkampfes, wo der Stier schon längst in der Arena auf dem Boden lag und nur noch auf den Gnadenstoß wartete.
Schmerzen hatte sie keine, und dennoch spürte sie wie ihre Eingeweide innerlich vom Feuer zerfressen wurden.
Doch der Torero wartete noch ein wenig, um seinen Erfolg gnadenlos zu genießen und um sich selbst frenetisch zu feiern.
Gepeinigt schaute sie zu ihm auf und wusste doch, dass jedes Wort im Grunde genommen sinnlos wäre, welches ihre Lippen verließ.
Viel zu sehr genoss er den Rausch der Macht, die sie ihm selbst in die Hand gegeben hatte.
Verzweifelt versuchte sie sich an das Früher zu erinnern, aber da war nichts mehr, weil er es seit irgendwann Stein für Stein abgetragen und damit dem Nichts übergeben hatte.
In ihrem Kopf hämmerte es wie verrückt und sie spürte wie das Blut viel zu schnell sich durch ihre Adern quälte.

In seinem Blick las sie die ganze Verachtung, die er ihr entgegenbrachte, weil sie sich nicht mehr wehrte, es auch immer versäumt hatte sich der Wahrheit zu stellen.
Und wieder prasselten Wortpfeile auf sie hernieder, die er gezielt ansetzte, wie der Jäger seine Beute anvisiert um den Schuss mitten ins Herz zu bringen, wissend, dass der Schlag mitten ins Gesicht gnädiger wäre.
Gedanken flogen durch ihre Gehirnwindungen und sie wünschte sich ihre einstige Neutralität zurück ohne jegliches Gefühl für ihn.

Wahrscheinlich war es genau das was er wollte. Denn schon längst hatte sich in ihrem Bewusstsein verankert, dass er sie genau dafür hasste, für diese Nähe die sie sich wünschte, für das Gefühl welches sie ihm gab und die Zärtlichkeit nach der es sie gierte.
Für ihn war es Ballast, weil es ihm die Luft zum Atmen nahm und er selbst damit nichts anfangen konnte weil es ihm nichts gab.
Angewidert stieß er sie weg, weil er in ihr die Schlange sah, die ihn umgarnte und mit der Süße der Frucht in die Falle locken wollte.
Nur war er nicht so dumm wie Adam, der den Reizen Evas erlag.
Längst schon war er diesen Blick aus diesen grünen Augen über, dem er nicht standhalten konnte, weil er jede Offensichtlichkeit verriet.

Er wünschte sich Lilith, die dem Paradies das verliehen hätte, was ihm ebenbürtig wäre, und damit jede seiner Pfeilspitzen abgewehrt hätte.
Nein sie war keine Frau des Kalibers einer Lilith, dafür lebte sie zu sehr für ihre eigene Emotionalität fernab jeglicher Ratio und Härte.
Mitleid war damit noch das Letzte was er ihr geben konnte und dem die Verachtung zwangsläufig folgte.

Vielleicht war alles gut, so wie es war und sie spürte, dass dieser letzte Kampf notwendig war um endlich aufstehen zu können.
Ein wenig traurig schaute sie ihm ins Gesicht.
Langsam begannen sich die Gedankenknoten zu lösen und sie spürte, dass sie bereit war für den letzten Stich.
Mit einem Lächeln stand sie auf und strich ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn.
Auch wenn der Stier nicht mehr hätte aufstehen können, so war es wenigstens ihr vergönnt, die Arena aus eigener Kraft zu verlassen.
Fast zärtlich streichelte ihr letzter Blick seine Haut.
Er würde ihre Gedanken nicht verstehen, so wie er sich nie die Mühe gemacht hatte sie selbst zu hinterfragen. Und heute war es nicht mehr wichtig. Eher war alles schon längst der Bedeutungslosigkeit übergeben.
Sie würde es als ihr Geheimnis mit sich nehmen, dass sie als letztes gerade seine Gesichtszüge tief im Inneren abspeicherte und seinen Duft tief einsog um nichts zu vergessen und um sich in der Neutralität zu erinnern, weil genau das er ihr wert war.
Alles andere würde in Vergessenheit geraten, da es nichts gab was sie zu bereuen brauchte.
Dankbar nickte sie ihm zu, weil er ihr zumindest den letzten Schritt leichter gemacht hatte.
Sie konnte gehen ohne jeglichen Groll und Zorn aber mit dem Gefühl in sich, welches sie als letztes Geheimnis mit sich nahm und sie ihm dennoch immer wieder zum Geschenk gemacht hatte.
Fest zog sie die Tür hinter sich ins Schloss und wusste, dass er gerade einfach nur im Raum stand und tief und erleichtert aufatmete.

Und draußen schien die Sonne und überzog damit ein wenig die innere Kälte.

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