Schweigend

Schweigen kann so vieles sein.
Manchmal ein Zeichen der Achtung oder der vollkommenste Ausdruck der Verachtung.
Oft aber auch der lauteste Schrei.

Marie war immer eine von uns. Und sie war immer schon eine Träumerin mit hohen Idealen.
Ich glaube ich kenne sie schon mein ganzes Leben lang.
Sie lebte ihr Leben aus dem Bauch heraus und ließ sich auch darin nicht beirren.
Manchmal bewunderte ich ihr Schweigen, und fragte mich oft, wo sich ihr Ventil befand.
Nur wenn ich ihr in die Augen schaute, konnte ich erkennen, wie es in ihr brannte.

Ich weiß noch, als Marie sich das erste mal so richtig verliebte und wie glücklich sie war.
In ihren Augen konnte man das Funkeln sehen und ihre Haare glänzten noch ein wenig mehr.
Sie strahlte von innen heraus und schwieg noch ein wenig mehr.
Als er dann ging sprach sie nicht viel darüber, aber ich glaube es war damals die erste Maske die sie anprobierte. Vielleicht als Schutz für sich selbst oder aber auch um den Gehenden nicht als Last am Gehen zu hindern.
Ich bin mir sicher, für sie war es immer das Wichtigste, dass es nichts zu bedauern gab um das Schöne in den Erinnerungen weiterleben zu lassen.
Mir machte diese Schweigsamkeit Angst. Es berührte mich und dennoch war sie es, die versuchte mich mit einem Lächeln zu beruhigen.
Sie war so scheinbar stark, und ich hätte alles dafür geben mögen, wenigstens einmal ungefiltert in ihr Innerstes zu sehen.

Vorbereitet war sie darauf nicht, als er so plötzlich wieder vor ihr stand und ins Gesicht strahlte.
Blendend sah er aus, eigentlich so wie immer, mit diesem umwerfenden Lächeln, das zwei Grübchen an seinem Kinn einmeißelte und diesen strahlend braunen Augen, in denen sie schon früher immer versinken wollte.
Früher, ja da war alles anders, damals im Mai als sie ihm begegnete und im nächsten Frühjahr als er dann ging.
Oder war sie es, die ging?
Wir wussten es alle nicht so genau, weil sie lieber schwieg.

Und jetzt hier, dieses unverhoffte Wiedersehen in dem kleinen Cafe, in das sie so oft ging um nach der Arbeit noch ein wenig Ruhe zu haben, bei einem Cappuccino und den Fremden um sich herum.
Cappuccino mit Sahne, denn das musste ab und zu sein, so wie jemand ein Stück Schokolade als Seelentröster braucht.
Ein wenig müde sah er aus und hier und da eine graue Strähne aber seine Hände wirkten noch genau so sensibel wie damals, wenn er mit sanften Fingern ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zauberte.
Wie es ihr denn so ginge, fragte er mit dieser Stimme, die schon damals ihre Sinne streichelte.
Jetzt gerade war sie froh, dass sie sich doch morgens in den schwarzen Rock gequält und sich wie immer auf die endlose Suche nach dem zweiten Halterlosen gemacht hatte, wo sie doch eher in der Stimmung nach Bequemlichkeit in Jeans und Rollkragenpullover war.

Ja, ihr geht es bestens. Alles ist so wie immer hier. Die neue Wohnung sah klasse aus und die Kinder hatten endlich ihren heißersehnten Hund.
Die Einrichtung war jetzt sehr mediterran, so wie sie es immer schon haben wollte und auf der Terrasse blühten die Orchideen in Terracotta-Töpfen.
Auch im Job lief es phantastisch, genau so wie sie es sich immer gewünscht hatte.
Sie hatte endlich ihre eigene Agentur, kein Chef war mehr da, der ihr sagte in welcher Form sie ihre Kreativität auszuleben hatte.
Die Kunden ranntenen ihr praktisch die Bude ein, auch wenn das ein wenig Stress bedeutete.
Aber er kannte sie ja, Stress war ihr Lebenselixier, ohne das sie gar nicht existieren konnte.
Das Glück klebte geradezu an ihr, und wie man Pech buchstabiert hatte sie schon längst vergessen.
Natürlich war im Moment alles ziemlich aufreibend, nicht einfach alles unter einen Hut zu bringen, denn die kiddies wollen auch nicht hinten anstehen.
Der Kleine war im Moment etwas aufsässig, trotzdem immer noch so verschmust wie damals.
Und dann das ganze Afterwork-Leben, rein in den Trubel und genießen. Alles war so herrlich und prickelnd. Das Leben hatte sie gepackt und war jetzt erst im richtigen Fluss.
Die Wochenenden waren angefüllt mit Wohlfühlmomenten und im Studio kam sie mittlerweile auch so richtig zur Figur.

Ihre Worte ließ sie von einem strahlenden Lächeln begleiten. Genau so wie sie es in der Vorlesung über Self-Marketing gelernt hatte.
Gerade sitzen und bloß nicht die Arme über der Brust verkreuzen. Es könnte als Unsicherheit und Verletzbarkeit ausgelegt werden.
Wie gut, dass man sich an der Zigarette festhalten und zwischendurch ablenkend nach dem Cappuccino greifen konnte.

Phantastisch, wie sie es hinbekam, dass ihre Unsicherheit und ihr innerlicher Sturm, der sich so allmählich zusammenbraute, nicht nach außen drangen.
Für nichts in der Welt durfte er spüren wie weh alles noch tat.
Wo doch damals nichts mehr ging und sie beide es für besser hielten ihren Weg getrennt fortzusetzen.
Akzeptanz hieß damals das Zauberwort und natürlich Konsequenz.
Konsequent akzeptierte sie damals und versuchte so gut es ging diesen leisen Stich zu verdrängen, der sich aber dennoch tief einbohrte und wie ein Korkenzieher sich zu drehen begann.
Ein blöder Schmerz, von dem sie ihm nie erzählte und der dennoch nicht zu verdrängen war.
Sie ließ ihn zu, wenn sie von niemand gesehen alleine war, auch wenn alles verbannt war, was unnötig als Erinnerungsverstärker dienlich hätte sein können.
Trotzdem brauchte nur jemand seinen Namen leise flüstern, schon war alles wieder präsent, ohne dass sie es wegwischen konnte so wie die Staubflusen auf dem Aquarell von Ricarda Dämmrich, welches sie damals noch gemeinsam ersteigert hatten.

Nein, damals die Entscheidung war schon richtig gewesen auch wenn sie ihm heute nicht beichten würde, dass er ihr wahnsinnig fehlt und sie mittlerweile seinen Namen schon rückwärts spricht. Dass dieser blaue Fleck nicht heilen will und dieser Traum einfach nicht aus ihren Nächten verschwindet, weil sie sich nicht dagegen wehren kann.

Schon damals war es doch so schwer mit Distanz umzugehen, wo sie doch Nähe brauchte.
Und das Zauberwort hieß ja Akzeptanz.
Und es gab noch so viel zu tun.
Ja, ihre Harrfarbe hatte sie im Frühjahr dann geändert. Er kannte sie ja. Es muss immer wieder etwas Neues her, zumindest bei der Haarfarbe.
Gefühle waren nicht so einfach austauschbar.
Wie gerne hätten ihre Finger jetzt über sein Gesicht gestrichen, auch wenn dies jetzt nicht mehr als der richtige Zeitpunkt gegeben war.

Vielleicht sollte sie jetzt lieber gehen, als er anfing über gemeinsame Erinnerungen mit ihr lachen zu wollen.
Irgendein wichtiger Termin wäre jetzt angebracht, denn zu lachen kostete mit jeder weiteren Minute mehr Energie.

Es war schon damals die richtige Entscheidung. So gegensätzlich ihre Lebensauffassungen waren, musste es die richtige Entscheidung gewesen sein.
Er, der Kopfmensch, der rational denkend mit zuviel Gefühl nicht umgehen konnte. Daneben sie, die impulsiv dem Gefühl folgte und es immer mehr als Gratwanderung empfand ihm kein Zuviel aufzubürden.

Ja, damals die Tage am Meer waren wirklich einzigartig. Und die Diät hinterher ziemlich anstrengend aber äußerst notwendig.

Nein, der Termin war leider nicht aufschiebbar. Aber es war schön ihn wiedergesehen zu haben.

Ich denke, das war es wirklich für Marie…

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