So wie es ist und nie war

Es gibt Dinge, für die es leichter ist Verständnis zu ha­ben, als sie zu begreifen. Und gewisse Dinge muss man auch gar nicht verstehen, sondern sollte sie einfach nur annehmen ohne nach dem Warum zu fragen.
Der Richter schaute sie unerbittlich an.
Sie spürte hinter sich die Blicke der Geschworenen, die in sie hin­eindrangen und sich wie Pfeile in die Innereien bohrten.
Sie würde bluten, das wusste sie, und wartete gleichzeitig auf die umnebelnde Ohnmacht, die das Ausbluten als Erlösung verhüllte.
Dennoch verspürte sie dabei diesen intensiven Schmerz, den die Pfeilspitze auslöste, als sie das Gift in die Blutbahn brachte.
Wahrheit, was war die Wahrheit? Gab es sie als allumfassend per Gesetz verankert?
Hier gab es nur die ihre, so wie es immer schon war. Da hatte sie immer für gekämpft, so wie es jeder andere auch schon immer getan hatte.
Und als Opfer ihrer eigenen Wahrheit wurde sie zur Täterin an sich selbst.
Dennoch spielte es keine Rolle, denn dies war nur ein Traum, der jedem anderen verborgen blieb, den aber die Zeit mit sich brachte und den sie sich selbst verzeihen musste, auch wenn es nichts zu verzeihen gab.

Die Zeit war genauso unerbittlich wie der Richter.
Sie stand nie still, rann immer vorwärts und stets unaufhaltsam in eine Richtung.
Nur das gefühlte Tempo variierte und war dennoch unbeeinflussbar.
Niemals nahm sie Rücksicht auf die Bedürfnisse eines Einzelnen, auch wenn man um Gnade bat, weil man seine Hände in Unschuld wusch.
Sie ging ihren eigenen Weg und sagte stets was sie fühlte. Dabei machte sie sich selbst nackt vor dem anderen, egal ob aus dem Wind ein Orkan wurde oder aus Regen Hagelkörner.
Nicht jeder verstand sie und sie war längst zu der Einsicht gelangt, dass sie nicht auf Verstehen pochen musste, eben weil es immer Mechanismen gab, deren Gangart man nicht beeinflussen sich ihnen nicht einmal entziehen konnte, und die vor allem nicht in ihrem Verantwortungsbereich lagen. Trotzdem war der Wille des Verstehen wollens immer in ihr, zumindest im Ansatz des Versuches und der Einräumung einer Chance, die sie dem Gegenüber gab. Dass die Lüge dann mehr verletzte als alles andere, blieb ihr Geheimnis, wie auch der Schmerz der in der nicht vorhandenen Wertschätzung lag.

Sie wusste bereits im Vorfeld, dass auch die Geschworenen hinter ihr sie nicht verstehen wollten, nicht weil sie nicht konnten, sondern weil dies kein Gericht war, eher ein Tribunal, das seine eigenen Gesetze hatte, verankert auf großen gehissten Fahnen, die niemals jemand zu Gesicht bekam, weil es unwichtig war, was draufstand, solange man den Regeln folgte.
Denn niemand würde den Geheimcode verstehen, weil die De­chiffrierung anmaßend wäre und es unbändigen Mut verlangte aus eigener Überzeugung überhaupt einen Blick darauf zu werfen.
„Hohes Gericht, bitte glauben Sie mir, denn die Liebe hat ihre eigenen Gesetze, die es gilt Liebenderweise zu schreiben und nur den Urheber berühren.“
Wie im Fieber verließen ihre Worte die Lippen, die sie lieber geschlossen gelassen hätte.
Es würde keinen interessieren, weil von Liebe nicht die Rede war, dort wo nur der Egoismus einen Schein wachsen ließ, der sie eh nur sprachlos machen konnte.

Heute stellte sie sich freiwillig zur eigenen Dechiffrierung vor diese durchbohrenden Blicke, wissend, dass auch das Gift der Pfeilspitzen keine Rolle spielen würde, weil er unsichtbar hinter ihr stand, pfeifend und grinsend, und sie ihn geliebt hatte, für das was sie in ihm sah und sie erst zu spät erkannt hatte, dass seine Wirklichkeit nur die ihrige tangieren sollte und nicht so war wie sie es glauben wollte.
Sie hatte keine Angst mehr, egal wohin der Weg sie führen würde.
Früher war alles anders und morgen würde alles anders bleiben.
Der Unterschied war klar, zuerst nur verschwommen, aber den­noch gegeben. Aber auch dies würde niemand verstehen.
Früher waren da zu viele Wegzerrer, die nur ihren, als einzig gegebenen Weg zuließen und an ihr rissen oder sie mit Süßholz lockten, einfach weil es Spaß machte jemanden als Wegbegleiter zu benutzen.
Aber auch dies war ihre eigene Schuld, denn sie ließ es zu, weil ihre eigene Wertmaßzahl es forderte, ohne sich selbst damit aufzu­werten. Sie konnte es nicht besser, denn damals bemaßen andere den Wert im Tausch.
Sie hielt es vor anderen verborgen und dennoch war es so derma­ßen offensichtlich schon alleine an den schmerzhaften Aussaug­stellen, die nicht zu verhindern waren.
„Hohes Gericht, in diesem Punkt bekenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage.“
Sie war doch bereits leer und es war nichts mehr vorhanden an dem man sich noch aufwerten konnte..
Gab es da etwas, was sie noch zu ihrer eigenen Entschuldigung vorbringen konnte? War dies überhaupt wichtig oder maßgeblich? Und dann für wen?
Sie vertraute auf das Gute, welches für sie in jedem Menschen vor­handen war, manchmal ganz klar ersichtlich, dann wieder versteckt in einem ruhend.
Vielleicht war es manchmal die eigene Hilflosigkeit, die einen dazu trieb zu vertrauen, nicht sehen wollend, dass der Mensch vor allem durch maßlosen eigenen Egoismus getrieben, nicht immer im eigentlichen Sinne gut handeln will. Aber auch dies mag nicht schlecht anmuten, denn so abhängig wie es vom eigenen Blickwin­kel ist, wäre es auch wieder eine eigene Wahrheit.
Anders wurde es, weil sie lernte und er irgendwann auf seinem eigenen Weg an ihrem Wegrand auf sie wartete.
Das an ihr Zerren war eine schmerzhafte Erfahrung, die es galt selbst und ohne zu zögern zu kompensieren.
Aber Wege haben den Vorteil, dass man sie verlassen konnte, solange man selbst die Kraft dafür aufbrachte.
Man musste sich selbst nur ein neues Ziel geben.
Und dann begann sie Stein für Stein zu asphaltieren. Zunächst etwas holprig aber dennoch begehbar.
Irgendwann stand er da am Wegrand auf seinem eigenen Weg. Und er zerrte nicht, weil es nicht in seinem Sinne war und er auch niemals selbst von seinem Weg abkam.
Dafür liebte sie ihn, weil sie freiwillig geben konnte und er alles gab, was ihm möglich war. Keiner stellte Bedingungen und wenn einer mal etwas aus der Puste kam, wartete der andere, weil man es sich gegenseitig wert war.
Durch ihn gab sie sich selbst ihren Wert und liebte ihn dafür noch mehr. Es bedurfte von keiner Wegesseite irgendwelcher Forderung und man blieb damit frei von sich selbst.
Selbst das Gefühl war frei und nicht abhängig von Besitzdenken, vielmehr war es freier Wille der Hingabe, jenseits jeglicher Kon­vention.
„Hohes Gericht, und dies allein ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit und wenn es nur die meinige ist, so ist sie es dennoch als solche anzusehen. Und niemand kann mich davon abbringen, weil ich allein so fühle. Es ist nicht der Wunsch des Besitzens der mich vorantreibt und zum Ziel wird, weil es einzig und allein um etwas geht, was man niemals besitzen kann. Es geht um das Gefühl, wel­ches man freiwillig gibt ohne Bedingungen damit zu verknüpfen, vor allem offen und ehrlich zu sich selbst.
Und wenn ich mich damit schuldig im Sinne der Anklage mache, dann will ich es sein.
Denn geblutet habe ich damals ganz allein. Und dafür übernehme ich allein die Verantwortung, weil ich mich nicht rechtfertigen will, für etwas was ich von keinem anderen erwarte.
Ja, darin bekenne ich mich schuldig und es gibt nichts zu bereuen.
Und wenn sie mich jetzt fragen, ob ich wieder so handeln würde, erhalten sie von mir ein klares Ja.
Denn es kann nur diese Antwort darauf geben, weil nichts umsonst war, noch nicht einmal mein Glaube an die Wahrheit in dieser verdammten Wirklichkeit.
Ich würde es genauso wiedertun, vollkommen freiwillig, weil mich mein eigenes Gefühl gewärmt und aufgefangen hat. Auch wenn ich nicht Ihr Verständnis erwarte, was auch nicht im Mindesten wichtig wäre, so ist es doch alleine das Gefühl was zählt, egal zu welchem Urteil sie gelangen.
Glauben sie mir hohes Gericht, wenn meine Tat einen Schuldspruch verdient, dann habe ich schon längst das Strafmaß selbst festgelegt. Nur verlangen sie nicht von mir etwas zu bereuen.
Den Narren muss ich mir selbst verzeihen, nicht mehr und nicht weniger.“

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