without a trace

Erinnerungen zeugen davon, dass wir leben. Aber hin und wieder gerät man in Versuchung, vergessen zu wollen, um an einen Anfang zu kommen, der einem die Sicherheit der Neutralität gewährt.
Solange ich zurückdenken kann, waren wir immer Fünf. Fünf Freunde, die unterschiedlicher nicht sein konnten, dennoch aber im Verstehen verbunden waren.
Marie und ich brauchten keine Worte um den anderen im Verstehen nah zu sein.
Ich hab sie stets für ihre Stärke bewundert, insbesondere da, wo ich längst schon aufgegeben hatte.
Niemals lief sie mit der Masse, hatte sich schon lange vor mir von fesselnden Konventionen befreit.
Meine Mauern baute ich mir selbst, aber ich brauchte Zeit, um sie letztendlich auch selbst als Hürde über­winden zu können.
Aber als ich es dann geschafft hatte, baute ich jede Mauer mit Stolz noch ein Stück höher, denn langsam aber sicher beherrschte ich die Kunst des überwindenden Sprungs.
Marie war als Träumerin der Realität niemals fern. Sie träumte ihre Visionen, die sie zu Zielen werden ließ.
Mit Bedacht wählte sie jeden einzelnen ihrer Schritte aus, und zeigte mir sanft, dass meine Impulsivität mir selbst oft ein Bein stellte.
Auch Weggabelungen konnten ihr nie etwas anhaben. Dort, wo meine Schritte stockten und sich Unsicher­heit breit machte, weil Kopf gegen Bauch ankämpfte, wusste Marie schon vor dem Weitergehen, welcher Weg genau zum Ziel führte, dessen Erreichung angestrebt und niemals aus den Augen verloren wurde.
Am meisten aber liebte ich ihr Lachen. Es hatte etwas von diesem Strahlen, das jeden anderen in der Kälte wärmte.
Und dennoch konnte ich in manchen Momenten spüren, dass ihr ganz anders zumute war.
Über Fin erzählte sie nie viel. Er kam genauso leise wie er dann auch ging. Er war ein seltsamer Typ, aber das Einzige was zählte war, dass Marie ihn liebte.
Sie lernte ihn in einer Galerie kennen, wo er abseits des Mainstreams lässig an eine Wand gelehnt stand. Er sprach mit niemandem ein Wort und seine ganze Haltung gebot diese selbst aufgebaute Distanz zu respektie­ren.
Mir war kalt als ich ihn dort leicht grinsend stehen sah, aber vielleicht blickte Marie schon von Anfang an wesentlich tiefer.
Ihr war es egal, woher er so plötzlich kam und wer er war.
In ihrer kurzen gemeinsamen Zeit war er ihre Inspiration. An ihren Bildern erkannte man wie tief er sie berührte aus welchem Grund auch immer. Zarte Farbgebungen tauchten in tiefes Schwarz unterbrochen zum Teil von einem flammenden Rot.
Es schien als eine Zeit der Kontroversen verbunden mit einem zärtlichen Gefühl eingetaucht in disharmoni­sche Effekte, hervorgerufen durch beiderseitigem starken Willen und Distanzliebe.
Und dennoch verband sie etwas, was sie selbst gar nicht greifen konnten und sie deswegen oft genug gegen den anderen auf Distanz gingen um danach wieder nach dem anderen zu greifen.
Ich kannte Marie gut genug, um zu wissen, wie sehr sie ihre eigene Unnahbarkeit brauchte um den Abstand von ihm zu gewinnen, der selbst nur schwer der Nähe etwas abgewinnen konnte.
Ob sie beide wirklich glücklich waren, habe ich niemals gespürt. Aber sie gaben sich eine zeitlang etwas, was sonst nicht vorhanden gewesen wäre auch wenn sie dies selbst gar nicht definieren konnten.
Tage der Kälte wechselten sich ab mit warmen Sommertagen am Meer und so manche Klippe wurde um­schifft mit gemeinsamer Kraft, auch wenn man dafür zuweilen über sich hinauswachsen musste weil das Riff der Rationalität immer in Sichtweite war.
Da wo Marie mit ihrem Bauch intuitiv steuerte lenkte er mit der Kraft seiner Rationalität gegen um niemals die Unabhängigkeit zu verlieren.
Manchmal schaute ich in dieser Zeit Marie einfach nur fragend an, wissend, dass sie die Antwort nicht wuss­te oder sich derer nicht hingeben wollte.
Die Frage war immer die gleiche, geschahen die Dinge wirklich aus eigener Überzeugung oder war es eher so, dass der Akzeptanz schon die Resignation folgte. In dieser Zeit malte Marie abwechselnd sehr dunkle Fraktale und expressionistisch.
Ersichtlich wurden daraus ihre innere Zerrissenheit und die Opposition zu sich selbst im Hinblick auf Refor­mation.
In jedem ihrer Bilder spiegelten sich ihre Gefühlsregungen und seine Rationalität wider, alles selbst durch­fühlt und maßgeblich bereits interpretiert.
Es war der Kampf der Wärme gegen das Kalte um damit selbst etwas geben zu können, was vermeintlich der andere brauchte.
Als er ging, geschah dies in aller Stille. Es gab keinen Raum für das theatre of tragedy. Die Distanz tat be­reits ihr übriges.
Jeder empfand im Danach wahrscheinlich auf seine Weise, vollkommen losgelöst von dem Davor.
Alles war gut, weil ausgelöscht dem Nirwana übergeben und dennoch nahmen beide etwas mit, wenn auch in unterschiedlicher Weise.
Marie sprach nie wieder von Fin. Es war wie eine stille Übereinkunft, dass nur das Vergessen hilft um wei­terzugehen ohne Taschentuchgebaren.
Es blieb nur ihr letztes Bild, ein in unendliche Tiefe gehender Brunnen, aus dem glutrot die Flammen schla­gen und eine Hand, die ins Leere greift, so wie man hoffend das Glück versucht zu greifen, und es nicht zu fassen bekommt, weil man es für sich selbst gar nicht definieren kann.
Manchmal glaube ich auch heute noch, dass sie noch lange an ihn dachte, leise und nur für sich, aber sie hielt sich daran, was man von ihr verlangte, um damit ihre Schuld abzutragen im Hinblick auf seine fortwäh­rende Bedeutung für sie.
Und somit war wirklich alles gut, weil jeder seinen Weg aus eigener Sicht heraus weitergehen konnte und das mit einem guten Gefühl.

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